Im Rahmen einer Neuuntersuchung der Objekte aus dem 1910 ausgegrabenen Friedhof Turah, die sich weitgehend im Kunsthistorischen Museum in Wien und wenigen anderen Sammlungen in Mitteleuropa befinden, werden moderne Methoden und Fragestellungen angewendet, um dieses sehr wichtige Material besser in das Gesamtbild der Staatsentstehung am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. einbinden zu können.

Unsere Kenntnis der altägyptischen Kultur gründet in einem ungewöhnlichen Ausmaß auf der Ausstattung, Architektur und Dekoration von Gräbern. Einerseits liegt dies an den außergewöhnlich günstigen klimatischen Bedingungen Ägyptens, aufgrund derer Grabbeigaben sehr gut erhalten sind. Andererseits führte das altägyptische Verständnis des Jenseits zu einer Vielzahl von Friedhöfen, die fern der Siedlungen in Wüstengebieten angelegt und damit nicht modern überbaut wurden. Hinzu kommt die oft sehr reiche Ausstattung der Gräber. Aufgrund der schieren Masse an Funden in Ägypten ist es allerdings eher die Ausnahme als die Regel, dass sämtliche vorgefundenen Gräber vollständig ausgegraben und umfassend veröffentlicht wurden.

Eine dieser Ausnahmen bildet der Friedhof von Turah, der sich heute unter der Vorstadt Maadi im Süden von Kairo befindet. Er wurde 1910 von Hermann Junker ausgegraben und 1912 für die damaligen Verhältnisse herausragend publiziert. Noch ungewöhnlicher ist allerdings die Tatsache, dass nahezu sämtliche Objekte nach Wien gebracht und nur ein geringer Teil in weitere Sammlungen in Europa verteilt wurden. Dies erlaubt eine leicht zugängliche Neuuntersuchung der Objekte auf moderner Basis, mit neuen Techniken und neuen Fragestellungen. Auf Grundlage der bestehenden Publikation sind Vergleiche mit Objekten von anderen Orten des ausgehenden 4. und beginnenden 3. Jahrtausends v. Chr. unbefriedigend, da diese weitgehend auf Gruppenfotos und sehr wenige Zeichnungen beschränkt sind. Auch ist es recht umständlich, anhand der Gräberliste eine Vorstellung der Grabbeigaben an sich und ihrer zeitlichen Entwicklung zu erhalten.

Standardgemäß wird in diesem neuen Projekt jedes einzelne Grab mit den jeweiligen Beigaben dargestellt – in Zeichnungen, Fotos und genauen Beschreibungen. Neu hingegen ist die Veröffentlichung aller Daten am Projektende in einer online-Datenbank. Zeitgleich sollen sämtliche Forschungsergebnisse in gedruckter Version vorgelegt werden. Die Objekte werden mit modernen Methoden und Techniken untersucht, die für ägyptische Objekte bislang noch nicht sehr häufig angewendet werden, wie etwa Petrografie und Neutronenaktivierungsanalyse zur Herkunftsbestimmung verschiedener Keramikgefäße oder Bleiisotopenanalyse für Metallobjekte. Anhand dieser Analysen soll unter anderem folgenden Fragen nachgegangen werden: Waren die Gräber dieses Friedhofs nur mit lokalen Produkten gefüllt oder stammen welche aus anderen Regionen Ägyptens? Unterscheiden sich diese Gräber von den zeitgenössischen oder sind die Grabbräuche über Gesamtägypten sehr ähnlich? oder Was können wir über die religiösen Vorstellungen sagen? Sind Unterschiede bei den Gräbern eher auf die Religion oder mehr auf den sozialen Status zurückzuführen? Und schließlich: Was war die Rolle dieses Ortes im Rahmen der Staatsentstehung?

Projektleitung

Vera Müller

Kooperationen

  • Regina Hölzl (Kunsthistorisches Museum Wien)
  • Johannes H. Sterba (TU Wien, Atominstitut)
  • Mary F. Ownby (University of Arizona)
  • Martin Odler (Charles University Prag)
  • Jiří Kmošek (Charles University Prag / Universität für Angewandte Kunst Wien)
  • Andrea Stadlmayr & Maria Marschler (Naturhistorisches Museum Wien)
  • Albert Zink (Institut für Mumienforschung Bozen)
  • Michael Brandl
  • Alfred Galik
  • Martin Zuschin (Universität Wien)
  • Martina Trognitz (ACDH_CH, ÖAW)
  • E. Christiana Köhler (Universität Wien, Institut für Ägyptologie)
  • Karl Peitler & Barbara Porod (Joanneum Graz)
  • Jacek Górski & Christopher Babraj (Archäologisches Museum Krakau)
  • Friederike Seyfried (Ägyptisches Museum und Papyrussammlung Berlin)
  • Regine Schulz (Roemer- und Pelizäus-Museum Hildesheim)
  • Dietrich Raue (Ägyptisches Museum Georg Steindorff Leipzig)

Laufzeit

seit September 2018

Finanzierung

FWF [Projekt P 31551]