Im Projekt »Nekropole Virunum« wird erstmals ein repräsentativer Ausschnitt der römischen Gräberfelder der Provinzhauptstadt Norikums archäologisch und anthropologisch ausgewertet. 179 Brand- und Körperbestattungen bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für Forschungsfragen, die von Herkunft, Identität und Status der Toten sowie deren Humanbiologie bis zur Veränderung von Grabformen und Bestattungssitten reichen.

In Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt (J. Fürnholzer, B. Hebert) wird am ÖAI die wissenschaftliche Aufarbeitung der Rettungsgrabungen von 2001–2003 (ARGIS, G. Fuchs) in der südlichen Nekropole von Virunum (Zollfeld, Kärnten) vorgenommen. 

 

Datengrundlage

Im Zuge dieser Feldforschungen konnten 179 Grabbefunde und 31 Grabumfriedungen dokumentiert werden, darunter auch Befunde, die in Österreich bislang singulär sind und ein hohes Potenzial für die fundierte Diskussion provinzialrömischer Forschungsfragen bieten. Grundsätzlich ist festzustellen, dass mit den vorliegenden Grabbefunden erstmals ein repräsentativer Ausschnitt der Gräberfelder der Provinzhauptstadt Norikums für die Forschung zur Verfügung steht. Ferner ist ausgehend von der Nekropole Virunum nachzuvollziehen, wie sich während des 1.–2. Jahrhunderts n. Chr. aus einem Flachgräberfeld mit einfachen Brand- und Körpergräbern eine Nekropole mit aufwendigen Grabdenkmälern entwickelte. 

Sozialstruktur

Hinsichtlich der sozialen Stratifikation des Gräberfeldes ist auf die mögliche Nutzung einzelner Grabbezirke durch verschiedene Familienverbände hinzuweisen. Darüber hinaus stellen Körperbestattungen des 1.–2. Jahrhunderts n. Chr., die also aus einem Zeitraum stammen, während dem nach allgemeiner Ansicht die Kremation als Bestattungsritus üblich war, einen neuen, bislang der Forschung noch wenig bekannten Aspekt dar. Es gilt zu untersuchen, ob diese Inhumationen adulter Individuen das Fortleben autochthoner Traditionen (›Konservatismus‹), eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur durch Zuwanderung (›Migration‹) oder die sozioökonomischen und personenrechtlichen Verhältnisse der Bestatteten (›Status‹) reflektieren. Ferner ist auf die zahlreichen, mithilfe chronologisch sensibler Grabbeigaben datierten geschlossenen Grabbefunde und die vorbildlich dokumentierte Relativabfolge der Grabkontexte, die sich auf zwei Belegungshorizonte erstrecken, aufmerksam zu machen. Die Grabbefunde der Nekropole Virunum bilden ein engmaschiges feinchronologisches Netz, das unter den römerzeitlichen Gräberfeldern im Alpen-Adria-Raum ohne Parallelen ist.

 

Projektleitung

Christoph Hinker

Kooperationen

Bundesdenkmalamt, Abteilung Archäologie

Laufzeit

seit 2015

Finanzierung