Die peloponnesische Polis Lousoi bietet die Möglichkeit, zahlreiche Facetten antiker griechischer Stadtkultur aus dem Blickwinkel eines kleinen, aber traditionsreichen und überregional vernetzten Siedlungsplatzes zu beleuchten. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt widmet sich wesentlichen Fragen der Ausdehnung und Bebauungsstruktur von Lousoi sowie der funktionalen Gliederung und stadträumlichen Entwicklung des öffentlichen Zentrums der Polis.

Die Erforschung von Lousoi

Die antike Kleinstadt Lousoi im Norden der Peloponnes liegt am südöstlichen Rand der fruchtbaren, von Berghängen umgebenen Hochebene von Soudena. In einer Grenzregion zwischen den antiken Landschaften Achaia und Arkadien gelegen, erlangte sie dank des seit geometrischer Zeit belegten Kultplatzes der Artemis Hemera bereits früh regionale Bedeutung. Die in den Jahren 1898/1899 begonnene und seit 1980 weitergeführte Erforschung des Heiligtums und des Siedlungsplatzes durch die Außenstelle Athen des ÖAI zeigt, dass die materielle Kultur des antiken Lousoi in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte lokale Besonderheiten aufwies. Zugleich wurde die Entwicklung der Stadt aber auch maßgeblich durch ihre Einbindung in regionale und überregionale Kommunikations- und Transaktionsnetzwerke geprägt.

Vorarbeiten zu Topografie und Siedlungsstruktur

Das nach der Antike nicht überbaute Stadtgebiet von Lousoi eignet sich angesichts seiner überschaubaren Gesamtgröße von etwa 20–40 ha für eine systematische Analyse der gesamten Siedlungsstruktur. In den Jahren 2015 bis 2017 wurden durch die Erstellung einer topografischen Karte des Siedlungsbereichs, einer hochauflösenden Orthofotokarte sowie dank eines großflächigen Architektursurveys erste grundlegende Erkenntnisse zu den stadträumlichen Zusammenhängen erzielt. Im Bereich des öffentlichen Zentrums sowie in dessen unmittelbarem Umfeld wurde darüber hinaus in einer Pilotkampagne die Eignung unterschiedlicher geophysikalischer Methoden zur großflächigen Erfassung unterirdischer Baureste im Stadtgebiet getestet. Zugleich wurden im Jahr 2017 auch die Grabungen im Stadtzentrum wieder aufgenommen, die bereits zwischen 2000 und 2012 wichtige Erkenntnisse zur Stadtentwicklung von der geometrischen Epoche bis zur frühen Kaiserzeit zutage gebracht hatten.

Erste Ergebnisse zum Siedlungsgefüge

In Zusammenschau der vorliegenden Evidenz offenbart sich in Bezug auf die räumliche Strukturierung des Stadtraums und die archäologisch gut fassbaren Bauten des hellenistischen Lousoi ein bemerkenswertes Spannungsfeld zwischen der Rezeption überregional verbreiteter stadtplanerischer Konzepte und Bauformen einerseits sowie der Rücksichtnahme auf spezifisch lokale Parameter andererseits. Sowohl die Binnenstruktur der Stadt als auch die Grenzen ihrer Ausdehnung waren in hohem Maße durch die naturräumlichen Bedingungen bestimmt. Das lang gestreckte Stadtgebiet ist von einem stark bewegten Geländerelief, kleinen Wasserläufen und sumpfigen Zonen in der Ebene gekennzeichnet. Nach Norden hin endet die Bebauung nahe einer tiefen Schlucht, an deren nördlicher Gegenseite das periurbane Heiligtum der Artemis Hemera liegt. Vom Heiligtum ausgehend scheint ein historischer Verkehrsweg den oberen Rand der Siedlung entlangzulaufen, dem auch für die Erschließung der einzelnen Siedlungsbereiche eine wichtige Funktion zugekommen sein mag. Im nördlichen Stadtbereich erfolgte die Bebauung des stark bewegten Geländes auf kleinräumigen Terrassen, die an der natürlichen Topografie orientiert waren und primär Wohnbebauung Platz geboten haben dürften, wie zwei frei liegende hellenistische Häuser illustrieren. Nach Süden hin erlaubte das abflachende Gelände hingegen die Anlage weitläufiger Bauterrassen, die auch für öffentliche Bauten genutzt wurden.

Das hellenistische Stadtzentrum

Im Flurbereich Stadio nahe der Karstebene haben bereits die bisherigen Forschungen umfassende Befunde zur monumentalen Ausgestaltung der hellenistischen Polis mit politischen und sakralen Großbauten und zu den diachronen Dynamiken der Stadtentwicklung geliefert. Auf mehreren übereinander gestaffelten Terrassen zeugen eine zweischiffige Stoa, ein Heiligtum aus einem Ringhallentempel, einem kleinen Oikos und einem möglicherweise als Hestiatorion zu interpretierenden Bau sowie unterschiedliche kleinere Monumente vor allem für den Hellenismus zum einen von zeitgenössischer Urbanität, zeigen zum anderen aber auch stark lokal geprägte Bauformen. Vor diesem Hintergrund sind die neuen Untersuchungen zur räumlichen und funktionalen Gliederung des öffentlichen Zentrums ein weiterer wichtiger Schlüssel für ein tieferes Verständnis der städtebaulichen Strukturierung und Entwicklung von Lousoi.

 

Projektleitung

Christoph Baier

Nationaler Forschungspartner

Immo Trinks (Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie)

Kooperationen

  • Jamieson C. Donati (Laboratory of Geophysical - Satellite Remote Sensing & Archaeo-environment of the Institute for Mediterranean Studies / Foundation of Research & Technology)
  • Evangelia Kiriatzi (British School at Athens, Fitch Laboratory)
  • Ioannis Maniatis (NCSR »DEMOKRITOS«, Laboratory of Archaeometry, Institute of Nanoscience and Nanotechnology)
  • Elisabeth Trinkl (Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Klassische Archäologie) 

Laufzeit

2016–2022

Finanzierung 2016–2018

Finanzierung 2019–2022

FWF-Projekt P31801