Ziel ist die Erforschung von Gestalt, Funktionen und Entwicklung antiker Heiligtümer sowie ihrer Rolle im sozialen und wirtschaftlichen Leben. Das Kultgeschehen soll anhand von Artefakten, Biofakten und schriftlichen Quellen rekonstruiert werden. Derzeit liegt der Schwerpunkt auf dem Artemision von Ephesos, einem der bedeutendsten Heiligtümer der antiken Mittelmeerwelt. Dabei werden nicht nur die Anfänge und frühen Phasen des Heiligtums und seines Kults betrachtet, sondern auch die späten Perioden und die mittelalterliche Nachnutzung stehen im Fokus. Mit dem Artemis-Heiligtum von Lousoi bietet sich die Möglichkeit, die Variationsbreite von Kulten derselben Gottheit zu untersuchen.

Das Artemision von Ephesos

Vom städtischen Heiligtum zu überregionaler Bedeutung

Das Artemision war das Hauptheiligtum der Polis Ephesos. In archaischer Zeit erlangte es überregionale Bedeutung. Diese verdankte es insbesondere dem Engagement der Lyder, deren letzter König Kroisos der wichtigste Stifter des ersten großen Marmortempels (Dipteros 1) war. Der Nachfolgebau, der im späten 4. Jh. v. Chr. errichtet worden war (Dipteros 2), wurde von antiken Schriftstellern zu den sieben Weltwundern gezählt. Der Kult der Artemis Ephesia verbreitete sich ab archaischer Zeit im Mittel- und Schwarzmeerraum und gewann ab dem Hellenismus zunehmend an Beliebtheit.

Kontextuelle Aufarbeitung der Grabungsergebnisse in Zusammenschau

Die Forschungsgeschichte des Artemisions ist komplex. Ausgrabungen führten J. T. Wood 1869–1874, O. Benndorf/C. Humann 1895, D. G. Hogarth 1904–1905, A. Bammer 1965–1995 und S. Ladstätter 2014 durch. Unterschiedliche Methoden, abweichende Benennungen sowie verstreute Publikationen in Vorberichten und Einzelstudien erschwerten bisher die Rezeption der Grabungsergebnisse. Ziel des aktuellen Projekts ist es, durch synoptische Auswertung der bisherigen Ergebnisse der Grabungen und Materialstudien den Aufstieg des Heiligtums von seinen bescheidenen Anfängen in den ›Dunklen Jahrhunderten‹ bis hin zur Errichtung des ›Weltwunder-Tempels‹ nachzuzeichnen.

Rekonstruktion und Neudatierung der frühen Tempel

Die Auswertung von Stratigrafie und datierenden Keramikfunden erbrachte eine gegenüber den Vorberichten revidierte Chronologie der frühesten Tempelbauten, die innerhalb der frühgriechischen Architektur eine Schlüsselrolle spielen. Der Naos 1 (ca. 660/640 v. Chr.) ist der am besten erhaltene unter den frühen griechischen Peripteraltempeln. Sein Nachfolger, der Naos 2 (ca. 640/620 v. Chr.), lässt mit seinen umfangreichen Bauopfern und der großen Kultbildbasis aus Grünschieferquadern erstmals lydische Einflüsse erkennen. Eine detaillierte Neuauswertung des Baubefunds erlaubt eine neue Rekonstruktion dieses Tempels.

Die frühesten datierten Münzen der Antike

Mit dem Naos 2 können drei reiche Gründungsdeposita verbunden werden, von denen zwei mehrere Dutzend Elektronprägungen enthielten. Diese Münzen zählen zu den ältesten der Menschheitsgeschichte. Durch ihren gut dokumentierten Fundkontext geben sie entscheidende Anhaltspunkte für die Datierung der Anfänge der Münzprägung.

Vom Kontext zum Kult

Die kontextuelle Auswertung der Fundassemblagen ermöglicht eine Rekonstruktion des Kultgeschehens und der Weihepraxis. Für die Tieropfer stellen die Knochenreste ein primäres Zeugnis dar. Tongefäße und Eisengeräte geben Einblick in die anschließenden gemeinschaftlichen Kultmähler.

 

Das Heiligtum der Artemis Hemera in Lousoi: Kultpraxis in geometrischer und archaischer Zeit

Entlegenes Heiligtum von überregionaler Strahlkraft

Obwohl hoch in den Bergen gelegen, erlangte das Heiligtum der Artemis Hemera von Lousoi bereits in der 1. Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. überregionale Bedeutung in der zentralen Nordpeloponnes. Das belegen spätere Schriftquellen, die über die führende Rolle des Heiligtums bei der Gründung der achäischen Apoikie Metapontion in Süditalien berichten. Die archäologischen Zeugnisse reichen sogar noch weiter in die geometrische Epoche zurück.

Rekonstruktion des Kultgeschehens

Das Kultgeschehen in geometrischer und archaischer Zeit soll durch eine kombinierte funktionale Analyse aller Artefakte und Biofakte erschlossen werden. Die umfangreichste Gruppe an Objekten stellen dabei die Keramikgefäße mit über 2500 diagnostischen Stücken. Kultgeschirr steht hier neben Miniaturgefäßen (Abb. 2), die ebenso Votivcharakter haben wie Terrakottafiguren und Schmuck aus Metall, Knochen, Elfenbein und Bernstein. Hinzu kommen Tierknochen, jedoch in überraschend geringer Zahl.

Rituelle Mahlzeiten in der Stadt und im periurbanen Heiligtum

Lousoi bietet die in der geometrischen Epoche seltene Möglichkeit, rituelle Mahlzeiten in unterschiedlichem sozialen Kontext miteinander zu vergleichen. Neben dem Fundkomplex aus dem periurbanen Heiligtum der Artemis gibt es einen weiteren aus dem Stadtzentrum von Lousoi. Ihr Vergleich erlaubt Rückschlüsse auf Unterschiede zwischen sakralen und profanen Sitten im frühen Arkadien.

Keramikarchäometrie als Indikator des Heiligtumsnetzwerkes

Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes liegt auf archäometrischen Herkunftsanalysen mittels Petrographie, Röntgenfluoreszenz und Neutronenaktivierung. In Zusammenarbeit mit anderen archäometrischen Projekten in der Nordpeloponnes und in der Region Metapont sollen lokale und regionale Produktionen identifiziert werden. Dadurch erhalten wir eine Vorstellung von der Ausstrahlung des Artemis-Heiligtums und von seiner Position innerhalb des regionalen und überregionalen Netzwerkes, in das es eingebunden war.

Das Kultprofil der Artemis Hemera von Lousoi

Das charakteristische Profil des Artemis-Kultes in Lousoi soll durch den Vergleich mit anderen Heiligtümern derselben Göttin herausgearbeitet werden. In geometrischer und archaischer Zeit war die griechische Religion stark durch lokale und regionale Wesenszüge geprägt, die anhand der archäologischen Evidenz identifiziert werden sollen. Diese kontrastieren mit panhellenischen Elementen, die seit den Dichtungen von Homer und Hesiod immer stärker an Bedeutung gewannen.

Mit dem Abschluss dieses Projektes wird das Heiligtum der Artemis von Lousoi die einzige Kultstätte der geometrischen und archaischen Zeit im nordwestlichen Arkadien sein, deren archäologische Evidenz vollständig analysiert und publiziert vorliegt. Damit wird das Projekt einen grundlegenden Beitrag zur Archäologie, Religions- und Kulturgeschichte der Peloponnes leisten.