Begründet durch eine lange Forschungstradition und eine Fülle an unterschiedlichen Quellen bietet das untere Kaystros-Tal mit der Metropole Ephesos hervorragende Voraussetzungen für eine tiefgreifende Analyse der materiellen Kultur einer Mikroregion und deren zeitliche und räumliche Kontextualisierung.

Ausschlaggebend für menschliche Siedlungsaktivität sind naturräumliche Bedingungen, die im Falle des Kaystros-Tals sowohl durch lang andauernde Prozesse wie Flussprogression und Küstenverschiebung als auch durch punktuelle Ereignisse wie Erdbeben und Tsunamis definiert sind. Sie formten und transformierten das Siedlungswesen, bildeten einerseits die Grundlage für den Ausbau einer der größten Städte der Antike und zeichneten andererseits verantwortlich für deren Untergang. In einem Zusammenspiel aller verfügbarer geografischer, (bio-)archäologischer und historischer Daten soll eine Kulturgeografie des Großraums von Ephesos sowie deren Implikationen auf das menschliche Handeln vom Neolithikum bis in die Neuzeit erarbeitet werden.

Aufgrund einer reichen archäologisch-historischen Quellenbasis lässt sich das Funktionieren einer antiken Großstadt an kaum einem Platz exemplarisch besser analysieren als in Ephesos. Die Bandbreite an Untersuchungsthemen reicht vom Ressourcenmanagement über Stadtplanung, Logistik, Infrastruktur hin zu monumentalen Bauprogrammen und prekären Wohnverhältnissen bis zu rechtlichen, demografischen und sozialhistorischen Komponenten. Viele dieser Aspekte lassen sich über einen langen Zeitraum hinweg verfolgen, wodurch sowohl der Aufstieg von Ephesos zu einem urbanen Megazentrum, aber auch seine Transformation bis in die osmanische Zeit beobachtet werden kann. Bei der Bearbeitung dieser Themen greifen traditionelle archäologische und althistorische Methoden, Bauforschung, Archäometrie und Heritage Sciences ineinander.

Ephesos ist ein bedeutender Ort der Religionsgeschichte und beheimatete mit dem Artemision eines der prominentesten Heiligtümer, mehrere frühchristliche Pilgerheiligtümer – darunter die Basilika des heiligen Johannes und das Coemeterium der Sieben Schläfer sowie die architektonisch exzeptionelle İsa Bey-Moschee. Darüber hinaus galt die Metropole als frühes Zentrum der Philosophie mit ihrem wohl berühmtesten Protagonisten Heraklit. Eine übergreifende religionsgeschichtliche Analyse von Ephesos als spirituell-geistiges Zentrum unter Berücksichtigung archäologischer, historischer und theologischer Quellen ist ein großes Desiderat, dem durch interdisziplinäre Projekte entgegengewirkt werden soll.

Die große Menge verfügbarer Daten erlaubt allerdings auch Rekonstruktionen im Sinne einer virtuellen Kulturlandschaft. Dazu gehören die Vegetationsgeschichte des unteren Kaystros-Tals, die digitale Anastylose von Bauwerken sowie die Gesamtrekonstruktion der Siedlungskammer. Der Transferforschungsbereich Ephesos fühlt sich den FAIR-Prinzipien verpflichtet und plant unter dieser Prämisse, die Forschungsdaten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

 

Leitung
Martin Steskal