Neuedition und -kommentierung der antiken Inventarverzeichnisse der Akropolis (434/433 – ca. 300 v. Chr.). Die Texte des 4. Jahrhunderts werden in neuer Lesung mit Kommentar vorgelegt (in der Reihe »Inscriptiones Graecae«). Eine auswertende Darstellung widmet sich allen Texten (des 5. und 4. Jhs.), namentlich der Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte, sowie topografischen Fragen der Akropolis und ihrer Bauten.

Im Jahre 434 v. Chr. beschloss man nach Fertigstellung des Parthenon auf Antrag des Kallias im Rat Athens, jährlich ein Verzeichnis der auf der Akropolis aufbewahrten Wertgegenstände, die der Stadtgöttin Athena gehörten, durchzuführen. Ein Gremium namens »tamíai« (»Schatzmeister«) war dafür für je ein Jahr für die Gegenstände verantwortlich und hatte nunmehr nach Ablauf der Amtszeit öffentlich Rechenschaft über den Bestand zu geben. Dabei waren die Edelmetallgegenstände zu wiegen, um sicherzustellen, dass keine Teile verloren gegangen waren. Alle vier Jahre, im Jahr der Großen Panathenäen, war die Abrechnung aufzuzeichnen, die Steintafeln waren auf der Akropolis öffentlich zugänglich aufzustellen.

Wie durch das sogenannte Kalliasdekret (IG I³ 52 A) angeordnet, hat man bis gegen Ende des 5. Jahrhunderts alle vier Jahre eine Stele mit den Inventaren der zurückliegenden vier Jahre publiziert, und zwar für drei Räume des Parthenon (Pronaos, Hekatompedos, Parthenon) jeweils eine eigene Stele. Der Publikationsmodus änderte sich gegen Ende des Peloponnesischen Krieges: Im letzten Jahrfünft des 5. Jahrhunderts und in den ersten 15 Jahren des 4. Jahrhunderts wurde nicht mehr alle vier Jahre, sondern jedes Jahr Bilanz gezogen, das heißt, für jeden Raum des Parthenon wurde jährlich eine Inschrift hergestellt. Ab 385 v. Chr. ging man schließlich dazu über, jedes Jahr eine Stele mit Inventarlisten sämtlicher Räume und Gebäude anzufertigen.

Zunächst handelt es sich bei den »Traditiones Parthenonis« um Listen von Gegenständen, die im Besitz der Athena und der anderen Götter waren. Genannt sind unter anderem:

  • die chryselephantine Athena Parthenos, die von Thukydides (2, 13, 3–5) als Staatsschatz bezeichnet wird: IG II² 1407 (385/384 v. Chr.), Z. 5 f.; IG II² 1410 (377/376 v. Chr.), Z. 7f.: »das Standbild im Hekatompedos ist in Übereinstimmung mit der Bronzetafel im Parthenon vollständig«
  • Kultgerät: goldene, vergoldete und silberne Phialen, Leuchter, Körbe
  • Weihungen: goldene und silberne Kränze, Waffen, Rüstungsteile, in Einzelteile zerlegte Nikestatuen
  • Wertgegenstände: Münzen, Siegel, Schmuck (Gorgoneia, Greifenköpfe, Pferdeprotomen)
  • vereinzelte ›Fundstücke‹: abgefallene Einzelteile, ein Akroter, Relieffiguren von der Basis der Athena Parthenos

Die Gegenstände waren in den Räumen des Parthenon in Regalen gelagert, kleinere Stücke wie Schmuck, Münzen und Siegel auch in Kisten und Beuteln.

Durch die Inventare wird damit ein Blick in das Innere des Parthenon im 5. und 4. Jahrhundert möglich, eines Gebäudes also, von dem heute lediglich die Peristasis noch steht. Die Frage nach dem Inneren des Parthenon ist eine moderne, keine antike, da das Gebäude und seine Räume allen Zeitgenossen vor Augen standen – ihre Benennung musste nicht erläutert werden. Die zeitgenössischen Texte haben daher nicht den Zweck, das Gebäude oder seine innere Ordnung zu beschreiben, sondern allein, die von einem an das nächste Gremium von Schatzmeistern übergebenen Gegenstände ordnungsgemäß aufzulisten und damit die aus dem Amt scheidenden Schatzmeister zu entlasten. Die Angabe von Räumen im Parthenon oder von anderen Gebäuden auf der Akropolis dient nur der Anordnung der Listen. Mit dementsprechender Vorsicht sind die Inventarlisten als Quelle für die Baugeschichte des Parthenon und der Akropolis zu nutzen.

Gelegentlich spielen historische Vorgänge und Personen eine Rolle. So hat man in der Endphase des Peloponnesischen Krieges, offenbar im Jahre 407/406 v. Chr., sämtliche Edelmetallgegenstände mit Ausnahme eines einzigen goldenen Kranzes aus dem Pronaos des Gebäudes entfernt und eingeschmolzen (IG I³ 315 und 316), um die Kosten des Krieges mit Sparta zu finanzieren. Auf das Wirken des Politikers Lykurg ist eine Umorganisation und Neuordnung der Inventare zwischen 334/333 und 324/323 v. Chr. zurückzuführen (u. a. IG II² 1496). Das Ende der in demokratischer Tradition entstandenen Inventarinschriften um 300 v. Chr. endlich könnte durch makedonischen Einfluss erklärt werden; zu fragen wäre etwa, welche Bedeutung die ›Entkleidung‹ der Athena Parthenos durch den Söldnerführer Lachares hatte (Paus. 1, 25, 7).

Erhalten sind Fragmente von 15 Stelen aus der Zeit zwischen 434 und 406 v. Chr. sowie 190 Fragmente (von denen vielfach mehrere zu derselben Stele gehören) der Inventarlisten aus der Zeit nach 404 v. Chr. Die letzten Inventare wurden am Ende des 4. Jahrhunderts publiziert.

Die Texte des 5. Jahrhunderts liegen in einer Edition des Jahres 1980 vor (IG I³ 292-362). Diejenigen des 4. Jahrhunderts dagegen wurden nach ihrer Gesamtpublikation 1883 (IG II 642-750) zwar in einer zweiten Auflage im Jahr 1927 von J. Kirchner aktualisiert (IG II² 1370–1513), seitdem ist jedoch keine neue Gesamtaufnahme erfolgt, obwohl eine Reihe von Änderungen im Textbestand vorliegt. So wurden nach 1927 insgesamt 39 neue Fragmente von Inventaren publiziert; darüber hinaus sind einige Zusammenfügungen bereits bekannter, aber bislang separat publizierter Fragmente gelungen. Methoden wie S. Tracys Erforschung der ›Attic letter cutter‹ werfen neues Licht auf die gesamte Textgruppe.

Das Projekt hat eine Neuausgabe der Parthenoninventare des 4. Jahrhunderts nach dem Autopsieprinzip zum Ziel. Die Edition soll in den »Inscriptiones Graecae« erfolgen (Band IG II³ 2, 1: Tabulae magistratuum).

 

Projektleitung

Sebastian Prignitz

Team

Cornelius Volk

Kooperationen

Laufzeit

01/2019–02/2021

Finanzierung

ÖAW-ÖAI