Die griechische und die phönizische ›Kolonisation‹ sind zwei der einflussreichsten Migrationsphänomene der Antike, die Geschichte und Kultur des Mittelmeerraums geprägt haben. Die griechische ›koloniale‹ Expansion und ihre Wechselwirkung mit den Phöniziern wie auch die ›kolonisierten‹ Bevölkerungen sind Themen mehrerer Einzelprojekte. Antike Mobilität wird aus zwei unterschiedlichen Perspektiven untersucht: Einerseits werden die frühesten Phasen der griechischen Kolonisation in der Nordägäis und in Italien, andererseits die Kontakte der ägäischen und levantinischen Bevölkerungen im östlichen und westlichen Mittelmeerraum untersucht.

Die frühe griechische Kolonisation in Mazedonien und Italien

Ursprung, Motivation, Form und Perzeption einer großen Migrationsbewegung der Antike

Die im Dunkelsten liegende und gleichzeitig faszinierendste Phase der griechischen Kolonisation ist ihr Beginn. Motivation, Form und auch Zeitpunkt der ersten ›Expeditionen‹ sind noch immer umstritten. Jetzt fördern aber neue Feldforschungen in der Nordägäis, insbesondere in der antiken Stadt Mende auf der Chalkidike und in Argilos am Strymonischen Golf, neue Kenntnisse zutage und ermöglichen eine komparative Analyse mit den frühesten griechischen Niederlassungen in Italien. Das Ziel dieses interdisziplinären Projekts ist die vergleichende Studie der frühen griechischen Kolonisation in Mazedonien und Italien während der späten geometrischen und frühen archaischen Zeit.

Apoikismos, Kolonisation, Kolonialismus

Mit »Apoikismos« werden im Alt- wie im Neugriechischen das Verlassen des Haushalts oder der Heimat sowie das anschließende Gründen von Siedlungen im Ausland bezeichnet. Die übliche und traditionelle Übersetzung des griechischen Begriffs lautet »Kolonisation«, welche sich etymologisch von der römischen »Colonia«, einem Militärlager zur Kontrolle und Unterdrückung der unterworfenen Bevölkerung, ableitet. Heute ist klar, dass der Kontext dieser Übersetzung in der wechselseitigen Beziehung mit der Ideologie der mächtigen westeuropäischen Kolonialmächte der letzten Jahrhunderte zu sehen ist.

Mende: Die früheste griechische Kolonie in der Nordägäis

Die Basis dieses Projekts wird die Publikation des archäologischen Materials der früheisenzeitlichen und früharchaischen Bauphasen der Siedlung Mende, die eine der bedeutendsten euböischen Kolonien in der Nordägäis war, bilden. Archäologisches Material aus geschlossenen Fundkomplexen dieser Stadt wurde schon statistisch und typologisch analysiert, mit dem Ziel, die Auswirkung der griechischen Kolonisation im kulturellen Material der Chalkidike zu untersuchen.

Argilos: die prä- und frühkoloniale Keramik

Einige interessante Aspekte der kulturellen Identität der einheimischen präkolonialen und der frühkolonialen Gemeinden von Argilos, das im 7. Jahrhundert v. Chr. von der kykladischen Insel Andros aus besiedelt wurde, spiegeln sich im früheisenzeitlichen und früharchaischen lokal produzierten Trink- und Kochgeschirr der Siedlung am Strymonischen Golf in Makedonien wider. Ziel der Keramikuntersuchungen in Argilos, das von Jacques Perreault und Zisis Bonias ausgegraben wird (Grabungsprojekt der Universität Montreal), ist, die kulturelle Diversität einer Mischgemeinde zu rekonstruieren. Auf diese Weise soll die Transformation der lokalen kulturellen Identität in einer weiteren ›kolonialen‹ Mikroregion der Nordägäis untersucht und mit Mende verglichen werden.

Vergleichende Studie archäologischer Daten aus Makedonien und Italien

Die Analyse der Stratigrafie und des archäologischen Materials von Mende sowie die vergleichende Studie mit ähnlichen Fundorten in Makedonien und Italien ermöglichen neue Einblicke in das historische Phänomen des frühen Apoikismos. Durch den Brückenschlag zwischen Forschungen, die an beiden Enden der griechischen kolonialistischen Expansion angesiedelt sind, können alte Vorurteile überwunden und die Aussagekraft neuer Modelle überprüft werden. Diesen zufolge war die griechische Kolonisation nicht eine Ansammlung von Einzelereignissen, sondern ein Entwicklungsprozess hin zu neuen soziopolitischen Einheiten und Identitäten.

Archäometrische Daten

Die Rekonstruktion der frühkolonialen Beziehungen wird durch eine Reihe archäometrischer Analysen unterstützt. Dazu zählen etwa die Radiokohlenstoff-Altersbestimmung von gut stratifizierten, kurzlebigen Proben, archäometallurgische Analysen von Bronzeobjekten in Hinblick auf antike Netzwerke des Erzhandels, Neutronenaktivierungsanalyse und petrografische Keramikanalysen für die Klärung der Provenienz sowie technologische Studien, die Auskunft über plötzliche Veränderungen in der Keramikproduktion geben können. Schließlich wird eine zusammenfassende archäobotanische Studie einen besseren Blick auf die natürliche Umgebung, mit der sich die Kolonisten in ihren nördlichen Unternehmungen konfrontiert sahen, bieten.

Der Austausch und DIE Verwendung der früheisenzeitlichen griechischen Keramik im Mittelmeer

Der soziale Kontext des Weinkonsums

Untersuchungen des kulturellen Austausches während der Früheisenzeit im Mittelmeer fokussieren traditionell auf Keramik. Aus einem kulturhistorischen Blickwinkel gesehen, wurde die Keramik in der Vergangenheit oft als Beweis menschlicher Mobilität betrachtet. So wurden andere wirtschaftliche und soziale Aspekte (Herstellung, Austausch der Keramiken oder Konsum) vernachlässigt.

Ausgangspunkt einer neuen Untersuchung der protogeometrischen und geometrischen Keramik in nichtägäisch-griechischen Kontexten, d. h. in griechischen Kolonien und nichtgriechischen Stätten, ist die Herkunftsbestimmung mittels Neutronenaktivierungsanalyse. Insgesamt wurden bisher ca. 350 Keramikscherben oder -vasen aus 22 Fundorten des West- und Ostmittelmeers von Hans Mommsen in Bonn analysiert: aus Thasos, Argilos, Mende, Sindos, Kastanas, Polichni, Polykastro (Nordgriechenland); Elateia, Kynos (Zentralgriechenland); Koprivlen (Bulgarien); Klazomenai, Teos (Türkei); Pithekoussai, Cumae, Sarno (Kampanien); Naxos (Sizilien); Sidon, Tyre (Libanon); Ras-el-Bassit (Syrien); Utica (Tunesien); Huelva, Malaga (Südspanien). Im Mittelpunkt dieser Diskussion stehen einige Aspekte des Weinkonsums als soziale Ausdrucksform in einer Zeit kurz vor oder während der Institutionalisierung des Symposions im Mittelmeer.

Griechische protogeometrische und geometrische Keramik in Kinet Höyük und Sidon

Die früheisenzeitliche griechische Keramik in der Levante wurde früher als Beweis für die griechische Präsenz im östlichen Mittelmeer betrachtet. Heute wird diese Keramik vielmehr als ein von der einheimischen levantinischen Bevölkerung verwendetes spezielles Trinkgeschirr verstanden, dem mitunter auch eine spezielle Symbolik anhaftete. Nach den neuen Ausgrabungen von Marie-Henriette Gates und Claude Doumet Serhal während der zwei letzten Jahrzehnte zählen Kinet Höyük (Südtürkei) und Sidon (Libanon) neben Tyros, al Mina, Tell Ta’yinat und Misis zu den Fundstätten mit dem größten Fundaufkommen an früheisenzeitlich griechischer Keramik in der Levante.

Für die Verwendung griechischer Keramik in Kinet Höyük und Sidon ist besonders bemerkenswert, dass sie ohne Unterbrechung von der protogeometrischen bis zur spätgeometrischen Zeit an diese kilikische und phönizische Fundstätte importiert wurde. Hinzu kommt das Formenrepertoire, das eine exportorientierte Strategie seitens der griechischen Werkstätten verrät.

Die Funde aus Kinet Höyük und Sidon sind auch insofern bedeutend, als es dank einer modernen Grabung erstmals möglich ist, relativ große Fundkomplexe griechischer Keramik in der Levante in ihren Kontexten zu untersuchen. Die geschlossenen Kontexte erlauben eine statistische Auswertung der Keramik und ermöglichen eine vergleichende Studie der griechischen und phönizischen Keramik in gleichen Kontexten. Geplant ist eine Reihe von Radiokarbonanalysen, die nicht nur eine feste absolute Chronologie für die früheisenzeitliche Stratigrafie von Sidon anbieten werden, sondern auch die Diskussion über die Korrelation der levantinischen und ägäischen Chronologie weiterführen sollen.