Das dritte Wiener Teilprojekt der Forschungsinitiative »Fontes Inediti Numismaticae Antiquae«widmet sich der Erstellung von Editionen der wissenschaftlichen Korrespondenzen der österreichischen Numismatiker Erasmus Frölich (1700–1758) und Joseph Khell (1714–1772) sowie, darauf aufbauend, der Erforschung der Entwicklung der Ordnungssystematik antiker Münzen vom 16. bis in das 21. Jahrhundert.

Das Konzept

Die Untersuchung antiker griechischer und römischer Münzen bietet eine Vielzahl spezifischer Herausforderungen. Eine davon ergibt sich aus der Massenproduktion von Milliarden von Münzen in hunderten von Münzstätten in Europa, Westasien und Nordafrika, über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren hinweg: die schiere Fülle des Materials und dessen typologische Vielfalt stellen die Wissenschaft daher seit der frühen Neuzeit vor Probleme der quantitativen Bewältigung sowie vor Schwierigkeiten der Systematisierung der verschiedenen Materialklassen. Das in der modernen Numismatik verwendete Ordnungssystem für diese Prägungen geht vor allem auf das Grundlagenwerk »Doctrina numorum veterum« (8 Bde., Wien 1792–1798) des Joseph Eckhel zurück. In diesem Projekt wird die Basis für sowie die Rezeption von Eckhels Ordnungssystematik erforscht.
 

Die Voraussetzungen

Es ist ein Folgeprojekt zu zwei Projekten, die seit 2013 an der ÖAW im Rahmen der Forschungsinitiative »Fontes Inediti Numismaticae Antiquae« durchgeführt wurden und sich der Erforschung der wissenschaftlichen Korrespondenzen von Joseph Eckhel (FWF P25282) sowie seiner wichtigsten österreichischen Vorgänger widmeten: Erasmus Frölich und Joseph Khell von Khellburg, der Eckhels Lehrer war (FWF P29068). Die beiden begründeten die ›Wiener Schule der Numismatik‹ im 18. Jahrhundert. Vor allem Khell unterhielt ein ausgedehntes internationales Netzwerk an Fachkorrespondenten, unter denen vor allem der wichtigste französische Sammler antiker Münzen der Zeit hervorragt: Joseph Pellerin (1684–1783), der die bedeutendsten Stücke seiner Sammlung in einem vielbändigen Werk selbst publizierte. Die an Khell gerichteten wissenschaftlichen Briefe erbte nach dessen Tod sein Schüler Eckhel.

Projektziele

Die im Vorprojekt begonnene Erstellung kommentierter Print- und Digitaleditionen der wissenschaftlichen Korrespondenz von Frölich und Khell wird im Rahmen dieses Projekts fortgesetzt und abgeschlossen: bisher konnten 52 Briefe aus der Korrespondenz Frölichs (mit 22 Korrespondenten) sowie 241 Briefe aus der Korrespondenz Khells (29 Korrespondenten) nachgewiesen und erstbearbeitet werden.

Die Erschließung der Briefcorpora von Frölich, Khell und Eckhel stellt aber die Voraussetzung für die Untersuchung der Entwicklung der Ordnungssysteme antiker Münzen von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart dar. Eckhel wandte in seiner »Doctrina numorum veterum« für die nichtrömischen antiken Münzen ein geografisches Ordnungssystem an, das noch heute universell Verwendung findet. Er adaptierte dabei ein System, das Joseph Pellerin, der Briefpartner Joseph Khells, für seinen »Recueil de médailles de peuples et de villes« (3 Bde., Paris 1763) entwickelt hatte. Gleichzeitig stellte Eckhel sich damit gegen Frölich und Khell, die unter anderem die antiken Münzen der kaiserlichen Sammlung in Wien nach gänzlich anderen Gesichtspunkten geordnet hatten.

Die Erforschung der Genese des Eckhel’schen numismatischen Systems – zu analysieren vor dem Hintergrund ähnlicher Unternehmungen der Aufklärungszeit in anderen Disziplinen – bildet Gelegenheit zur Beantwortung weiterer essenzieller Fragen: Was verdankten die Numismatiker des 18. Jahrhunderts bei der Schaffung ihrer Ordnungssysteme ihren Vorgängern im 16. und 17. Jahrhundert? Wie gestaltete sich die Rezeption des Eckhel’schen Systems? Warum setzte es sich gegen Alternativvorschläge durch? Und wie geht die antike Numismatik heute mit den überkommenen Ordnungssystemen um?