Die historische Chronologie des alten Ägypten bildet das Rückgrat der Geschichte des Alten Orients. Eine der wichtigsten Quellen hierfür sind Texte, zeitgenössische Inschriften wie Königslisten der ägyptischen und griechischen Tradition. Mittels einer detaillierten philologischen und kontextuellen Auswertung sind diesen vermeintlich erschöpften Texten neue Informationen von weitreichender Bedeutung abzugewinnen.

Die Ereignisgeschichte und die historische Chronologie des alten Ägypten ruhen auf drei Säulen, den schriftlichen Zeugnissen, archäologischen Befunden und naturwissenschaftlichen Daten. Seit Beginn der modernen Ägyptologie im frühen 19. Jahrhundert kommt gerade den schriftlichen Quellen eine wichtige Rolle für die Bestimmung von Regierungslängen und Herrscherfolgen zu. Gleichzeitig liegen viele Lesungen, Interpretationen und Theorien in jahrzehntelanger Erstarrung vor, ohne im Lichte rezenter Neufunde, Erkenntnisse und methodischer Fortschritte überprüft oder angepasst worden zu sein. Die systematische Aufarbeitung und Überprüfung des schriftlichen Materials für die historische Chronologie des alten Ägypten ist damit ein Desideratum, dessen sich dieses Projekt annimmt.

 

Königslisten: Philologie und Sprachwissenschaft

Die Ägypter selbst pflegten Aufzeichnungen über ihre Herrscher und ihre Geschichte, wie unter anderem die Bruchstücke der Annalen des Alten Reiches (3. Jahrtausend v. Chr.) und Amenemhets II. (19. Jahrhundert v. Chr.) sowie die Fragmente des Turiner Königspapyrus (13. Jahrhundert v. Chr.) aufzeigen. Als letzter Ausläufer dieser Tradition kann die Königsliste Manethos gelten, die er um 280 v. Chr. in griechischer Sprache für die Ptolemäerkönige verfasste. Seine Einteilung der ägyptischen Könige in 30 oder 31 Dynastien ist bis heute gebräuchlich, doch liegt nach wie vor keine systematische philologische Bearbeitung vor. Ein zentrales Anliegen stellt die sprachwissenschaftliche Verknüpfung der griechischen Namensformen mit ihren hieroglyphischen Entsprechungen dar, die bisher primär oberflächlichen Ähnlichkeiten folgte.

 

Zeitgenössische Inschriften: Text und Kontext

Seit dem ausgehenden 4. Jahrtausend v. Chr. liegen zeitgenössische schriftliche Zeugnisse vor, die der Erschließung der ägyptischen Ereignisgeschichte und Chronologie dienen. Diese Texte bedürfen aber nicht nur einer steten Relektüre zur Berücksichtigung von Fortschritten im Bereich der Grammatik und der Lexik, sondern sie bilden nur einen Teil eines größeren Gemenges von Texten in einer komplexen materiellen und kulturellen Umgebung. Die Verknüpfung der Texte mit ihren Kontexten sowie ihre Auswertung unter Fragestellungen, die über die rein textphilologische Dimension hinausgeht, ist damit unerlässlich und zugleich vielversprechend.

 

Alternative Zugänge: Prosopographie und Genealogie

Jenseits der an Königsherrschaften orientierten Chronologie erlauben Sequenzen von Würdenträgern und Genealogien, chronologische Modelle zu überprüfen und, besonders in den Zwischenzeiten, Zeitspannen abzuschätzen und Herrscher zu reihen. Die Rekonstruktion von Stammbäumen und Beamtenfolgen bilden somit ein einfaches, aus schriftlichen Quellen gut erschließbares, bisher aber kaum ausgewertetes Hilfsmittel zur Erschließung und Überprüfung der ägyptischen Chronologie.