Im Rahmen des Zukunftskollegs »Young Independent Research Group« (YIRG), einem neuen Programm des FWF, das in Kooperation mit der ÖAW entwickelt wurde und interdisziplinäre Forschung fördert, widmet sich ab Frühjahr 2019 ein Team junger Wissenschafterinnen und Wissenschafter der Transformation eines antiken Heiligtums in römischer Zeit, der Spätantike und den nachfolgenden mittelalterlichen Perioden. Das Projekt wurde gemeinsam mit dem ehemaligen Institut für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW, das seit 2021 nun Teil des ÖAI ist, eingereicht. Die leitenden Forscherinnen dieses Projekts sind Lilli Zabrana (Archäologie, Architektur, Koordinatorin), Vera Hofmann (Alte Geschichte, Epigrafik) und Verena Fugger (Spätantike Archäologie, Religionsgeschichte). Pedro Gonçalves ist als wissenschaftlichem Mitarbeiter für die geoarchäologischen Analysen und deren Interpretation verantwortlich.

Religions- und Forschungsgeschichte des Artemisions

Die traditionelle archäologische Auseinandersetzung mit den antiken Stätten religiöser Praxis lag in der älteren Forschung vor allem auf mythologischen Fragen sowie auf den Ritualen als Schlüssel zum Verständnis von Religion, welche sich forschungsgeschichtlich in der Konzentration auf die Kultbauten der Heiligtümer und Votivdeponierungen widerspiegelt. Ein ideales Fallbeispiel, um die vergangenen Forschungsschwerpunkte zu demonstrieren, ist das Artemision in Ephesos, eines der größten und bekanntesten Heiligtümer der Antike. Im Laufe seiner 125-jährigen Forschungsgeschichte stand seit seiner Wiederentdeckung durch John T. Wood um 1870 der Tempel im Mittelpunkt der archäologischen Arbeiten, während der umgebende, einstmals dicht bebaute heilige Bezirk unerforscht blieb. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass der Artemistempel Teil eines komplexen städtischen Organismus mit verschiedenen Bedeutungssphären kultischer, administrativer, sozialer und wirtschaftlicher Ausprägung war. Das Heiligtum der Artemis in Ephesos weist daher geradezu ideale Voraussetzungen auf, um die Funktion von Religion in ihrem soziokulturellen Kontext zu untersuchen und darüber hinaus ein Heiligtum in einem Zeit-Raum-Modell kulturgeografisch zu begreifen.

Gemeinsame Ziele und neue Forschungsfragen

Über bisherige Heiligtumsstudien hinausgehend verknüpft das Projekt historische, archäologische, architektonische und geografische Daten, um die Struktur des Artemisions von Ephesos sowohl räumlich und zeitlich als auch soziokulturell zu verstehen. Nicht Sakralbauten und Votivgaben, sondern der heilige Bezirk (Temenos) und die Besitzungen des Heiligtums (Territorium) stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Zudem ist auch die spätantike Geschichte des Heiligtums bisher nur spärlich erforscht, die in seiner Schließung und Aufgabe gipfelte.

Das vorgestellte YIRG-Projekt eröffnet neue Perspektiven in der Heiligtumsforschung durch eine interdisziplinär ausgerichtete Verschränkung geistes- und naturwissenschaftlicher Disziplinen, und zwar über alle Phasen und Aspekte des Projekts hinweg, die an einer bedeutenden und bekannten archäologischen Stätte als paradigmatische Arbeiten wesentlich zur internationalen Forschung beitragen. Die Forschungsergebnisse werden erlauben, das lückenhafte und statische Bild des Artemisheiligtums in Ephesos, das vor Ort an über 2 Millionen Besucher jährlich kommuniziert wird, zu modifizieren und zu beleben.

Die Bedeutung des Zukunftskollegs geht weit über die Ephesos-Forschung hinaus und eröffnet der österreichischen Forschungslandschaft durch die Einbindung international anerkannter Spezialistinnen und Spezialisten auf dem Gebiet der ›Religious Studies‹ neue Perspektiven und wichtige Impulse.

 

Projektleitung

Lilli Zabrana

Kooperationen

Nationale Kooperationen

Internationale Kooperationen

Laufzeit

April 2019 – April 2023

Finanzierung

FWF Zukunftskolleg