Der Forschungszeitraum der Historischen Archäologie am ÖAI erstreckt sich in Europa über drei äußerst wechselvolle Jahrtausende. Unterschiedliche Kulturen nutzten unterschiedlich Strategien, um sich mit ihrer Umwelt zu arrangieren und sie durch Land- und Forstwirtschaft nutzbar zu machen. Bioarchäologische Forschungen helfen dabei, diese Strategien und ihre Veränderungen diachron zu erfassen.

Pellendorf/Gaweinstal: Tierreste aus der frühmittelalterlichen Siedlung

Die Ausgrabungen in der frühmittelalterlichen Siedlung in Pellendorf/Gaweinstal erbrachten Befunde wie Grubenhäuser und Vorratsgruben aus dem 7. und bis in das 9./10. Jahrhundert. Zahlreiche Kontexte wurden archäozoologisch und archäobotanisch beprobt.

Neben Nahrungsabfall befanden sich in vielen Gruben komplette Skelette, wobei sich zeigte, dass nicht nur Hunde, sondern vor allem auch Rehe deponiert wurden. Die Zusammensetzung der Tierarten könnte Hinweise auf die Ursachen der Deponierungen liefern. Neben den Informationen, die beispielsweise über den Gesundheitszustand oder das Sterbealter der deponierten Tiere aus den Skeletten gewonnen werden können, erlauben sie auch, den Habitus der für das Frühmittelalter so wenig erforschten Tiere sehr genau zu rekonstruieren.

Carnuntum: Differenzierung von tierischem Abfall und Überresten aus Spielen im Amphitheater der Militärstadt

Das archäozoologische Material kommt hauptsächlich aus Ausgrabungen, die 2009 und 2010 im Amphitheater der Carnuntiner Canabae legionis durchgeführt wurden, und es stammt größtenteils aus den mächtigen spätantiken Schichten vor dem Osttor, dem Westtor sowie aus der Verfüllung des Beckens in der Arena. Die spätantiken Befunde lassen vermuten, dass zu dieser Zeit im Amphitheater noch Venationes (Tierhetzen) veranstaltet wurden.

Die bereits analysierten Tierreste aus diesen Fundkomplexen zeigen eine ›einheitliche‹ Zusammensetzung. Sie bestehen hauptsächlich aus Rinderknochen, wobei neben fleischärmeren auch fleischreichere Körperpartien nachweisbar sind. Viele der Rinderknochen zeigen Hack- und Schnittspuren, die eine professionelle Zerlegung mit Fleischhauerwerkzeug wie Hackmesser oder Hackbeile belegen. Die Anwesenheit und eventuell eine Fütterung von Hunden lässt sich durch zahlreiche Verbissspuren nachweisen. Die Rinder wurden meist adoleszent oder matur geschlachtet, wogegen die Anwesenheit von Milchkälbern kaum nachgewiesen werden konnte. Die Knochen zeigen zwei morphologisch unterschiedliche Typen, sehr kleine Rinder, die einem eisenzeitlichen heimischen Rindertypus gleichen, und sehr große Rinder, die in Österreich in zahlreichen römischen Fundstellen vertreten sind.

Die restlichen Haustiere sind nur untergeordnet repräsentiert, wobei ein höherer Anteil an Schweinen als an Schafen und Ziegen auffällt. Pferd und Esel sind durch einige Reste im Material belegt. Erstaunlicherweise sind recht viele Hundeknochen vorhanden, die aber ohne Bearbeitungsspuren sind. Die Nutzung von Hausgeflügel ist durch Huhn und Gans belegt.

Nachweise für Jagdtiere sind Wildschwein, Reh und Rothirsch sowie Knochen, die von einem Wisent stammen könnten. Neben kleinen Raubtieren wie Fuchs und eventuell Wildkatze finden sich auch Braunbärenknochen und der Unterarmknochen eines sehr großen Raubtiers. Zwar ist der Knochen an beiden Enden stark fragmentiert, doch spricht seine Form für eine Großkatze. Während die meisten tierischen Reste wohl als gewöhnlicher Abfall entsorgt wurden, könnten die Knochen der großen Raubtiere durchaus Reste aus Tierhetzen im Amphitheater darstellen.

Haselbach: Landwirtschaft eines latènezeitlichen Siedlungszentrums

Das französisch-österreichische Gemeinschaftsprojekt »Keltische Siedlungszentren in Ostösterreich« unter der Leitung von S. Fichtl und P. Trebsche hat sich zum Ziel gesetzt, die Kenntnis der latènezeitlichen Siedlungsstrukturen der Region zu verbessern und auf Basis der archäologischen Bearbeitung der einzelnen Fundstellen insbesondere auch ihre wirtschaftlichen Grundlagen und ihre Beziehungen untereinander näher zu beleuchten.

Mittelgroße Zentren wie Haselbach dürften als Missing Link zwischen den bekannten Großsiedlungen wie Němčice oder Roseldorf und kleinen dörflichen Strukturen eine erhebliche Rolle in diesem Landschafts- und Wirtschaftsraum gespielt haben.

Die archäobotanischen Analysen der verkohlt erhaltenen Pflanzenreste haben neben der Untersuchung des angebauten Kulturpflanzenspektrums zum Ziel, Aktivitätszentren innerhalb der Siedlung (zur Getreidelagerung und -verarbeitung) zu ermitteln und zu charakterisieren. Von Interesse sind hier beispielsweise die (sekundären) Verfüllungen der Silogruben. Über Unkrautspektren soll eine ökologische Charakterisierung der Äcker rund um die latènezeitliche Siedlung vorgenommen werden.