Die sog. Eastern Sigillata B (ESB), ein ab der Mitte des 1. Jhs. n. Chr. beliebtes Tafelgeschirr im östlichen Mittelmeerraum, steht im Fokus dieses Projektvorhabens. Obwohl die ESB schon seit 1904 bekannt ist und es eine grundlegende Typo-Chronologie gibt, sind noch große Forschungsdesiderate offen. Diese betreffen vor allem Produktion und Herstellungstechniken sowie Absatzmärkte.

In augusteischer Zeit (30 v. Chr.–14 n. Chr.) begann im Hinterland von Ephesos (heutige Westtürkei), die Produktion der ESB, die sich in der römischen Kaiserzeit zu einer regelrechten Massenproduktion entwickelte. Die Vorläufer der “am Fließband” produzierten Sets aus verschiedenen Gefäßformen finden sich bereits in der späthellenistischen Zeit. Die Produktion dieser „Prototypen“ wurde allerdings noch nie zusammenhängend analysiert. In der kaiserzeitlichen Massenproduktion lassen sich zwei verschiedene Produktionsserien unterscheiden, die aufgrund von Qualität, Gefäßform und Dekorelementen unterschieden werden können. Der Qualitätsunterschied, vor allem zwischen den Fabrikaten und den Überzügen, wurde oft zur chronologischen Unterscheidung zwischen den beiden ESB-Serien herangezogen. ESB-Funde aus Ephesos zeigen hingegen, dass die Qualität eine untergeordnete Rolle spielte bzw. höchstwahrscheinlich auf werkstattspezifische Unterschiede zurückzuführen ist. Als Hauptproduktionsort gilt die antike Stadt Tralleis (heute Aydın) im Hinterland von Ephesos, wo mehrere Werkstätten mit regionalen Produktionsmustern anzunehmen sind. In diesem Projekt soll untersucht werden, wie genau die Unterschiede zwischen den Produktionsserien und Qualitäten zu bewerten sind. Mithilfe von archäometrischen Analysen (NAA und REM), die erstmals an einer großen Probenzahl angewandt werden, sollen Herstellungsprozesse und einzelne Werkstätten identifiziert werden. 

Seit dem Produktionsbeginn stieg die Nachfrage nach ESB-Produkten kontinuierlich an und Ephesos entwickelte sich von einem Absatzmarkt zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt. Über den ephesischen Hafen gelangten die Gefäße der ESB in den gesamten östlichen Mittelmeerraum und darüber hinaus. Eine Forschungslücke im Exportradius bildet der adriatische Raum. Entlang der Küsten wurden zwar Schiffwracks mit Importgefäßen aus Kleinasien gefunden, eine umfassende Studie zur ESB aus dieser Region fehlt hingegen. Durch die Einbeziehung der ESB-Funde aus den kroatischen Fundorten Trogir und Hvar/Soline sowie einem vor Pakleni/Izmetište gefundenen Schiffswrack soll dieser Raum nun abgedeckt werden.

Dieses Projekt stellt eine umfassende Neubewertung der ESB, in Verbindung mit neuen archäometrischen Analysen dar. Die diachrone Untersuchung der Funde aus Ephesos und Tralleis soll die Identifizierung von ESB-Werkstätten und die Spezifizierung der Produktionsreihen ermöglichen. ESB-Funde aus dem adriatischen Raum werden integriert, um den Handel über den östlichen Mittelmeerraum hinaus zu verfolgen. Zum ersten Mal werden zudem alle Informationen zu einer Warengruppe aus Ephesos über Open Access zugänglich sein.

Projektleitung

Kooperationen

Laufzeit

06/2022–05/2026

Finanzierung

FWF Hertha Firnberg-Projekt T 1326-G