Inschriften aus antiken Wohnhäusern des ostägäischen Raumes stehen im Fokus des Forschungsprojekts. Der kontextuelle Ansatz der Studie eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten innerhalb der epigrafischen Forschung, sondern verspricht grundlegende Erkenntnisse über Wohnen in der Antike, insbesondere auch für die Erforschung von religiösen und kultischen Aktivitäten im Haus.

Im Zentrum des FWF-Projekts »Archäologische Kontexte von Inschriften im privaten Bereich (Türkei, Zypern)« stehen archäologische Kontexte von Inschriften und Inschriftenträgern in Wohnhäusern. Untersuchungsgebiete sind die Türkei und Zypern, der Untersuchungszeitraum reicht von hellenistischer Zeit bis in die Spätantike.

Analysiert werden soll wo, wann, wie und warum Inschriften in antiken Wohnhäusern errichtet und verwendet wurden. Dabei wird ihre räumliche Verteilung und konkrete Platzierung (Stichwort: Lesbarkeit und Zielpublikum der Texte) ebenso untersucht wie die Bedeutung von Inschriften auf beweglichen Objekten.

Wie schon im ersten Projekt zu Inschriften aus Wohnhäusern in Griechenland und auf dem Balkan (https://www.oeaw.ac.at/oeai/forschung/altertumswissenschaften/projekte-in-publikationsvorbereitung/archaeologische-kontexte-von-inschriften) ist auch der Großteil der Inschriften des Folgeprojekts dem religiös-kultischen Bereich zuzuordnen und Ausdruck paganer, jüdischer und christlicher Glaubensvorstellungen. Weih- und Votivinschriften drücken dabei nicht nur allgemein Verehrung göttlicher Mächte aus oder illustrieren die Zugehörigkeit zu religiösen Gruppen, sondern können auch auf konkrete Religionsausübung und Kultpraxis im Bereich des Hauses hinweisen. Der Bogen spannt sich von Weihungen für griechische und römische Gottheiten, hellenistische Herrscher und römische Kaiser bis hin zu christlichen Gebeten und Anrufungen, die sich an Gott, Christus und Heilige richten.

Eine aus der Wohneinheit 7 im Hanghaus 2 in Ephesos stammende Basis mit einer Weihung an Kaiser Hadrian und seine Frau Sabina verweist beispielsweise auf eine von den Bewohnern ausgeübte Verehrung dieses Kaisers.

Eine Inschrift christlichen Inhalts, die auf der Einfassung eines Brunnens in einem Haus im spätantiken Stadtquartier südlich der Marienkirche in Ephesos angebracht war, reflektiert den Glauben der Bewohner. Vermutlich sollte sie wie andere Inschriften, die mehrfach in von Christen bewohnten Häusern, manchmal unmittelbar bei Wasseranlagen angebracht waren, die Reinheit des Wassers sicherstellen. Ob derart geschütztes Wasser auch eine Rolle bei religiösen Aktivitäten im Haus spielte, stellt eine der Fragestellungen dar, die im Projekt untersucht werden.

Ein wesentlicher Punkt des Projekts ist die Untersuchung der sozialen Gefüge – die Rolle von Frauen, Freigelassenen, Sklaven und Fremden – im Haus. In Bezug auf die Frauen soll weiter verfolgt werden, ob sie wie in den bereits untersuchten Inschriften des Vorgängerprojekts erst in der Spätantike verstärkt in den Vordergrund traten und dies auch im Haus in einen direkten Zusammenhang mit der Verbreitung des Christentums gebracht werden kann.

Eine Gegenüberstellung mit den bisher untersuchten Inschriften aus Wohnhäusern in Griechenland und auf dem Balkan sowie dem gleichzeitigen ›epigraphic habit‹ im öffentlichen Raum soll dazu dienen, den Usus der Verwendung von Inschriften zu präzisieren. Hier ist gerade der Vergleich mit Kontexten aus den bisher besser erforschten Gebieten im Westen des antiken Mittelmeerraumes interessant.