Seit dem Jahr 2008 werden in Ephesos systematische Forschungen in den Nekropolen durchgeführt. Diese interdisziplinären Feldforschungen sollen unter Berücksichtigung der gesamten materiellen Hinterlassenschaft das weite Themenfeld »Tod in der Antike« näher beleuchten.

Ziel dieser Forschungen, die von 2010–2014 vom FWF finanziert wurden, ist es, ein generelles Verständnis der ephesischen Sepulkrallandschaft zu gewinnen sowie die ephesischen Befunde in einen chronologisch wie topografisch breiteren Kontext zu stellen. Dabei werden neben stratigrafischen Ausgrabungen, intensiven und extensiven Surveys sowie kontextuellen Fundbearbeitungen Nachbardisziplinen wie Anthropologie, Archäozoologie, Geoarchäologie oder Geophysik einbezogen. Die Forschungen erfolgen in enger Zusammenarbeit mit Forschungsgruppe »Mensch–Umwelt-Verhältnis in historischen Gesellschaften«.

Die Nekropolen von Ephesos

Der Kern des Projekts konzentriert sich auf ein nahezu unerforschtes Gebiet von Ephesos und ein Forschungsfeld, das vor allem in Kleinasien noch großes Entwicklungspotenzial bietet. Da eine vollständige Ausgrabung der ephesischen Nekropolen nicht möglich ist, fokussiert die stratigrafische Freilegung auf größere zusammenhängende Flächen, die einen repräsentativen Ausschnitt zu Chronologie, Struktur und Aussehen der einzelnen Grabbauten und Gräber bieten sollen. Im Zentrum anthropologischer Analysen stehen Fragen zu Geschlecht, Alter, Familienverbänden, Ernährungsgewohnheiten und Todesursachen der Bestatteten. In Verbindung mit der Beurteilung der Ausstattung, Größe und Struktur der Gräber, der Grabbeigaben sowie der Auswertung möglicher epigrafischer Funde werden Erkenntnisse zu Bestattungssitten und Sozialstruktur der Ephesier erwartet. Durch die kontextuelle Auswertung des keramischen Fundmaterials und der Kleinfunde der Nekropolen sollen grundlegende Fragen zu Nutzungsphasen und Nachnutzungen geklärt werden. Geoarchäologische Untersuchungen haben das Ziel, Erklärungsmodelle für die komplexen Verlandungsprozesse sowie die schwankenden Meeres- und Grundwasserspiegel im Laufe der Jahrhunderte, welche etwa die Anlage des Hafenkanals – die Voraussetzung für das Entstehen der Westnekropole (auch: Hafennekropole) – erst erforderlich machten, zu liefern.

Thematische Schwerpunktsetzung

Thematisch soll das Kernthema »Tod in der Antike« in all seinen Facetten und ohne chronologische Einschränkung erfasst werden. Folgende Aspekte stehen dabei im Mittelpunkt des Forschungsinteresses: Ausdehnung von Nekropolen, Nutzungsgeschichte der Nekropolen, Typologie der Grabarchitekturen, Aussehen und Quantität von Nicht-Grabarchitekturen in den Nekropolen, Genese der Grabhaustypen, strukturelle Organisation der Nekropolen, diachrone Kontrastierung der Phänomene ›intra- und extraurbane Bestattungen‹, Inszenierung des Todes, rituelles Verhalten, Bevölkerung und Sozialstruktur sowie Gesundheitszustand, Lebenserwartung, Todesursachen, Familienzusammengehörigkeit und Herkunft.

Überregionaler Kontext

Die Nekropolenforschungen, deren Ausgangspunkt zweifellos in Ephesos zu sehen ist, gehen topografisch über diesen Ort hinaus. So wird die strukturelle Organisation der ephesischen Bestattungsareale anderen Nekropolen in den östlichen Provinzen gegenübergestellt. Ferner erfolgt eine Kontrastierung von Sepulkralbefunden der östlichen und westlichen Provinzen sowie der Vergleich mit stadtrömischen Befunden in theoretischen Studien.

Isotopen- und DNA-Analysen zur ephesischen Bevölkerung

Seit dem Jahr 2011 werden in Ephesos im Rahmen der Nekropolenforschungen Strontiumisotopen- und DNA-Analysen durchgeführt, um die ephesische Bevölkerung oder einzelne Individuen hinsichtlich ihrer Herkunft und Abstammung näher betrachten zu können.

DNA-Analysen menschlicher Überreste haben in den letzten drei Jahrzehnten wesentliche neue Erkenntnisse geliefert: einerseits Einblicke in Bevölkerungsstrukturen, Migrationsverhalten und Kolonisation unbesiedelter Landstriche, andererseits Momentaufnahmen alltäglicher Lebenssituationen wie Verbreitung von Krankheiten und soziale Bindungen. 

Methoden

In Ephesos wurden in diesem Kontext zahlreiche Individuen unterschiedlicher Zeitstellung und unterschiedlicher topografischer Zuordnung beprobt. Die mütterlichen Abstammungslinien, die bis dato durch Analyse der mitochondrialen DNA bestimmt wurden, zeichnen dabei ein hochkomplexes Bild der ephesischen Bevölkerung. Ergänzt werden diese Analysen durch punktuelle DNA-Analysen des Zellkerns, die in Zusammenarbeit mit J. Krause (Max-Planck-Institut, Jena) aktuell durchgeführt werden.

Die DNA-Analysen werden um Analysen der stabilen Strontiumisotopen ergänzt. Sie bieten Informationen zur geografischen Herkunft eines Individuums. Die Werte dieser Isotopen sind eindeutige Marker in der Geologie einer Landschaft und seit der Antike im Wesentlichen unverändert. Werden nun Proben von Zähnen eines Menschen genommen, kann im Idealfall der Ort bestimmt werden, an dem das Individuum aufwuchs oder es das restliche Leben verbracht hat.

Im Sommer 2016 wurden in Ephesos und seinem Umland rezente pflanzliche Proben sowie Schneckenhäuser aufgesammelt, um Referenzwerte für Strontiumisotopen und die tatsächliche Absorption durch Nahrungsaufnahme zu erhalten. Die diesbezüglichen Isotopenanalysen werden in Kooperation mit M. Richards und M. Wong (Simon Fraser University, Kanada) durchgeführt. Die Forschungen erfolgen zudem in enger Zusammenarbeit mit den Bioarchäolog*innen des ÖAI.

Vorläufige Ergebnisse

Vorläufige Analysen der menschlichen Überreste aus der Westnekropole zeigen eine überaus komplexe Verteilung der mütterlichen Abstammungslinien innerhalb der ephesischen Bevölkerung. So lassen sich sowohl europäische Abstammungslinien als auch solche asiatischen und/oder afrikanischen Ursprungs nachweisen. Dies charakterisiert das römische Ephesos als einen Schmelztiegel von Menschen von nah und fern, gleichsam aus ›allen Ecken der Welt‹.