Im Jahr 2019 wurde an der berühmten neolithischen Fundstätte Amzabegovo in Nordmazedonien (Zentralbalkan) ein halbes Jahrhundert nach den wegweisenden Grabungskampagnen von Marija Gimbutas (UCLA) und Milutin Garašanin (Universität Belgrad) ein neues Forschungsprojekt ins Leben gerufen. Seit 2022 ist das Projekt nach der offiziellen Etablierung der Zusammenarbeit zwischen dem Österreichischen Archäologischen Institut und dem Städtischen Museum Sveti Nikole Teil des ÖAI-Portfolios. Heute hat sich die Initiative zu einer internationalen und interdisziplinären Forschungs- und Ausbildungsplattform entwickelt, die Fachleute und Studierende aus verschiedenen Teilen der Welt zusammenführt.

Bedeutung der Fundstätte Amzabegovo

Der neolithische Fundort Amzabegovo wurde 1960 entdeckt und entwickelte sich innerhalb eines Jahrzehnts zu einer Schlüsselfundstelle für die neolithische Forschung im zentralbalkanischen Raum. Dies liegt einerseits an der Bedeutung des Fundortes selbst: Seine Lage, Ausdehnung und lange Besiedlungsdauer machen ihn zu einem regionalen Zentrum des südlichen Abschnitts des Neolithisierungsprozesses entlang des Vardar-Morava--Korridors, von den ersten Bauern bis zur frühen Metallverarbeitung (ca. 6300–4800 v. Chr.). Andererseits führten Gimbutas und Garašanin damals groß angelegte Ausgrabungen durch, wodurch Amzabegovo zu einer der am besten erforschten neolithischen Fundstätten seiner Zeit wurde. Besonders Gimbutas’ innovativer, multidisziplinärer Ansatz resultierte in einer umfassenden Monographie, die bis heute zitiert und als Standardwerk genutzt wird. Fünfzig Jahre später kehren wir mit modernen Methoden zurück, um ein detaillierteres Bild der neolithischen Entwicklung zwischen Ägäis und Mitteleuropa zu zeichnen.

Bauprozesse

Eines der ersten Ziele war die Revision der bestehenden Stratigraphie und Chronologie. Durch präzise Grabungs- und Dokumentationsmethoden in Kombination mit Mikromorphologie und umfangreichen AMS/¹⁴C-Datierungen und -Modellierungen wurde eine komplexe Abfolge von Bau-, Umbau- und Erneuerungsphasen identifiziert und chronologisch präzisiert. Das Erkennen einzelner stratigraphischer Ereignisse bietet zudem die Möglichkeit einer gezielten Probenentnahme für verschiedene Analysen wie sedimentäre alte DNA (sedaDNA), Bodenchemie und Isotopenuntersuchungen.

Größe und räumliche Organisation der Siedlung

Das Projektteam führte gemeinsam mit lokalen Partnern eine umfangreiche geophysikalische Prospektion durch. Mittels LIDAR-Scanner wurden neue Erkenntnisse zur Mikroreliefgestaltung und zu den Formationsprozessen des Fundortes gewonnen. Ergänzend wurden hochauflösende Orthofotografien und 3D-Modelle erstellt. Bisher wurden rund 10 ha der Siedlung (etwa die Hälfte der Gesamtfläche) geomagnetisch erfasst, wodurch die südlichen und östlichen Siedlungsgrenzen präzise bestimmt werden konnten. Die geomagnetischen Anomalien ermöglichen zudem einen bisher beispiellosen Einblick in die Siedlungsentwicklung: Wachstums- und Schrumpfungsphasen, wirtschaftlich spezialisierte Zonen, Gebäudekomplexe sowie die Größe und Ausrichtung einzelner Strukturen werden sichtbar. Dieses Wissen ist für die weitere Grabungsplanung und Projektentwicklung entscheidend.

 

 

Archäologische Ausgrabungen

Derzeit wird eine zusammenhängende Fläche von rund 200 m² ausgegraben. Aufbauend auf den Erkenntnissen zu Stratigraphie, Chronologie und Siedlungsstruktur zielt die systematische Ausgrabung darauf ab, den Alltag der neolithischen Gemeinschaft detaillierter zu rekonstruieren: Architektur, Haushaltsorganisation, Verhältnis zwischen bebauten und unbebauten gemeinschaftlichen Bereichen, Mensch-Tier-Beziehungen, Aspekte der neolithischen Wirtschaft, Ernährung, Gesundheit, Mobilität sowie deren zeitliche Entwicklung. Grundlage bilden die zahlreichen Artefakte, Bio- und Ökoartefakte sowie Baustrukturen, die bei den Ausgrabungen dokumentiert werden.

 

Materialstudien

Ein Expert:innenteam des ÖAI und externer Partner*innen untersucht die materiellen Hinterlassenschaften aus unterschiedlichen Perspektiven. Die umfangreichen Keramikfunde werden systematisch und statistisch analysiert, um ein revidiertes typochronologisches Profil zu erstellen. Darüber hinaus werden Herstellungsweisen und Ressourcenmanagement im Kontext ökonomischer Strategien und Recyclingpraktiken erforscht. Vergleichbare Ansätze kommen für Steinwerkzeuge zur Anwendung. Verkohlte Pflanzenreste, die durch systematische Flotation gewonnen wurden, sowie Tierknochen liefern Informationen zu Paläoökologie, Ernährung, Wirtschaftsweise und Mobilität und liefern zudem geeignetes Probenmaterial für ¹⁴C-Datierungen. All diese Daten fließen in die übergeordnete Interpretation der neolithischen Gesellschaft und des Neolithisierungsprozesses entlang des Vardar-Morava-Korridors ein.

Archäologische Lehrgrabung

In Zusammenarbeit mit der Balkan Heritage Foundation veranstaltet das Projekt eine internationale Sommerfeldschule, die als universitäre Lehrveranstaltung mit festem Curriculum anerkannt ist. Die Lehrveranstaltung ist im US-amerikanischen Hochschulsystem akkreditiert, benotet und mit Leistungspunkten versehen. Studierende werden in Feldmethodik, einschließlich Grabungstechniken, Analyse stratigraphischer Einheiten, Dokumentation, Prospektion, GIS, Flotation, Zeichnung und Fotografie ausgebildet und erwerben theoretisches Wissen zur neolithischen Archäologie zwischen Südwestasien und Europa.

 

Projektleitung
Team Makedonien
  • Aleksandar Danev (Städtisches Museum Sveti Nikole)
  • Ivan Sarašov (Goce Delčev Universität – Štip)
  • Dejan Georgiev (Goce Delčev Universität – Štip)
  • Kristijan Blaževski (Goce Delčev Universität – Štip)
  • Sašo Kiroski, Igor Georgioski (Goce Delčev Universität – Štip)
Kooperationen
  • Andrej Maczkowski (Universität Bern)
  • Saskia Pail (Universität Wien)
  • Maximilian Luger (Universität Wien)
  • Ariane Balmer (Universität Bern)
Finanzierung
  • Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Nordmazedonien
  • ÖAW-ÖAI
  • BEAM archaeology field school