Im Rahmen urbanistischer Studien zu norischen Städten liegen die Schwerpunkte in der Darstellung und Interpretation des Stadtplanes und der Infrastruktur von Flavia Solva sowie in der Analyse der diachronen Siedlungsgeschichte und Fortifikation von Ovilava.

Flavia Solva (Wagna)

Die archäologischen Forschungen zur römerzeitlichen ›Hauptstadt‹ der Steiermark, Flavia Solva, setzten um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Mit einem neuen Projekt wurde eine Synthese aller bislang aus Grabungen und geophysikalischen Prospektionen resultierenden Befunde und ausgewählter Funde versucht. Die Ergebnisse mündeten nicht nur in einem vollständigen Stadtplan mit den Gräberfeldern, sondern auch in neuen Überlegungen zur dualen diachronen Entwicklung der beiden an den Flüssen Sulm (Frauenberg/Leibnitz) und Mur (Wagna) gelegenen Fundplätze.

Als Ausgangspunkt wird ein neuer Plan des Municipiums an der Mur mit allen seinen Insulae und Gräberfeldern vorgestellt, der, auf dem Gesamtbestand von Grabungs- und Prospektionsdaten bis 2020 basierend, erstmals die konkludente Interpretation der Verbauungsmuster und Infrastruktur erlaubt. Die zusammenführende Neubewertung aller Grabungsbefunde gibt neue Indizien zur diachronen Entwicklung von Oppidum und Municipium, die sich vor allem in der Dualität der beiden Siedlungsplätze, dem Frauenberg an der Sulm und Wagna an der Mur, äußert. Wichtige Diskussionspunkte liegen nicht nur in der Definition der territorialen Grenzen und Interaktionen mit einem alpinen kaiserlichen Patrimonium, sondern auch in den dadurch evozierten ländlichen Siedlungsstrukturen.

Eine Zeit wirtschaftlicher Blüte darf im 2. Jh. n. Chr. ausgemacht werden, wobei die Interdependenz des Wirtschaftsaufschwungs von der militärischen Erschließung des Donaulimes illustriert wird. Einen markanten Einbruch in der Stadtentwicklung gibt es, wahrscheinlich bedingt durch germanische Invasoren, gegen die Mitte des 3. Jhs. n. Chr., worauf spätestens in tetrarchisch-constantinischer Zeit im Zuge der Neuorganisation der Provinz eine wirtschaftliche Erholung und Bedeutung von Solva folgte. Neue Grabungen im nördlichen Suburbium bezeugen einen komplexen, über 2.000 m langen Graben, der als bewässerter Kanal eine räumlich kurze Verbindung zwischen den Flüssen Sulm und Mur ermöglicht haben dürfte.

Ovilava (Wels)

In den letzten Jahren fanden im Stadtgebiet von Wels zahlreiche aufschlussreiche Grabungen statt, die eine Neubewertung der römischen Siedlungsentwicklung erlauben. Im Rahmen einer Forschungskooperation mit dem Stadtmuseum Wels wird ein exzeptioneller Befund mit einem sehr umfangreichen hochinformativen Fundbestand bearbeitet. Dabei handelt es sich um eine etwa 14 m breite Grabenanlage, die als älteste spätantoninische Fortifikation des Municipiums anzusprechen ist.

Die variantenreiche Assemblage aus der Verfüllung der fossa liefert einen eindrucksvollen Überblick über die als Folge der Stationierung der zweiten italischen Legion am Fluss Enns in der nordwestnorischen Region eingeführten Gebrauchsformen. Rund 650 signifikante Gefäße lokaler Herstellung sind zum einen sehr gut vergleichbar mit den Funden aus der figlina von Vransko (Slowenien), die von der Legio II Italica in nächster Nähe der castra von Ločica in der Praetentura Italiae et Alpium an der Bernsteinstraße um 170 n. Chr. betrieben wurde. Zum anderen liegen die besten Parallelen der Gefäßkeramikfunde aus der Töpferei der Canabae Nordwest von Lauriacum vor, die unmittelbar nach der Stationierung der italischen Legion an der Enns in Betrieb genommen wurde und während der 70er/80er Jahre des 2. Jhs. n. Chr. intensiv produzierte. Durch einige wenige Einzelstücke sind Querverbindungen in das Territorium von Flavia Solva festzustellen.

Zahlreich sind die aus Buntmetall und Eisen gefertigten Kleinfunde aus der Grabenanlage von Ovilava, die in direktem Kontext mit dem soldatischen Milieu zu sehen sind. Militaria und Trachtbestandteilen dokumentieren die breite Palette der im Umfeld der zweiten italischen Legion üblichen Formenvielfalt spätantoninischer-frühseverischer Zeit. Wie zahlreiche Werkabfälle bekunden, waren nächst der fossa Metall verarbeitende Betriebe ansässig. Diese dürften im Auftrag der Legion in Ovilava tätig gewesen sein, abseits der Frontlinie des Limes und zugleich am Fluss Traun, der die Verkehrsverbindung zu den Abbaugebieten alpiner Rohstoffe des Salzkammerguts herstellte.