Ausgehend von frühbronzezeitlichen Gräberfeldern in Niederösterreich untersucht dieses interdisziplinäre Projekt Gesundheit, Lebensweise und Aktivitäten anhand anthropologischer Überreste. Mittels innovativer 3D-Oberflächenmodellierung zur Enthesenanalyse (V.E.R.A. 2.0) und ergänzt durch Mikro-CT-Daten werden Aktivitätsmuster erfasst, um geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sowie Körper-Artefakt-Beziehungen zu rekonstruieren.

Die frühe Bronzezeit Mitteleuropas (ca. 2300–1600 v. Chr.) war von tiefgreifenden technologischen Innovationen geprägt, deren Verbreitung und Nutzung den Alltag nachhaltig veränderten. Mit diesen Entwicklungen ging die Herausbildung komplexer sozialer Hierarchien einher, die sich auch im archäologischen Befund widerspiegeln, etwa in Bestattungsriten. Diese zeigen wiederkehrend geschlechtsspezifische Unterschiede in Bestattungspraktiken, beispielsweise hinsichtlich Körperlage, Grabtiefe oder der Ausstattung mit Grabbeigaben. Diese Beobachtungen werfen die Frage auf, inwiefern materielle und strukturelle Unterschiede mit übergeordneten sozialen Strukturen verknüpft sind und welche Ursachen der geschlechtsspezifischen Differenzierung im Bestattungskontext zugrunde liegen: Beruht sie auf biologischen Unterschieden, sozialem Status oder auf spezifischen Rollen und Tätigkeiten innerhalb prähistorischer Gesellschaften?

Die Interpretation solcher Unterschiede anhand von Bestattungspraktiken ist jedoch mit erheblichen Unsicherheiten verbunden, da sie anfällig für subjektive Deutungen und moderne Projektionen ist. Um diese Verzerrungen zu minimieren, greifen neuere Studien verstärkt auf bioarchäologische Methoden zurück. Dazu zählt die Analyse von Muskelansatzstellen (Enthesen), anhand derer sich Aktivitätsmuster rekonstruieren lassen, die auf biologischen Anpassungsprozessen des Knochens beruhen. Traditionell erfolgte diese Analyse mithilfe sogenannter Enthesen-Scoring-Methoden, bei denen sichtbare Veränderungen systematisch kategorisiert werden. Allerdings haben sich diese Verfahren als problematisch erwiesen, da sie stark von Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Gesundheitszustand beeinflusst werden und zudem eine hohe subjektive Komponente aufweisen.

Aus diesem Grund setzen neuere Ansätze auf weniger subjektive, quantitativere Verfahren. Dazu zählt die Analyse von 3D-Oberflächenscans, wie sie in der semi-automatisierten Virtual Enthesial Recording Application (V.E.R.A. 2.0) Anwendung findet. Diese Methode erlaubt eine detaillierte Analyse kleinräumiger Unterschiede innerhalb einer Enthese und wurde daher für die Erfassung der Enthesendaten in diesem Projekt ausgewählt. Ergänzend dazu kann die Untersuchung der inneren Knochenstruktur, etwa der kortikalen Dicke und Dichte, wertvolle Hinweise auf Aktivität und Knochengesundheit liefern. Die Kombination aus 3D-Oberflächenmodellierung und Mikro-CT-Analyse ermöglicht es, pathologische Veränderungen besser von arbeitsbedingten Anpassungen zu unterscheiden.

Ein besonders geeignetes Untersuchungsgebiet stellt Niederösterreich dar, das eine hohe Dichte frühbronzezeitlicher Fundstellen aufweist und somit über ein umfangreiches archäologisches Fundmaterial verfügt. Im Mittelpunkt dieser Studie stehen die osteologischen Überreste aus den beiden frühbronzezeitlichen Nekropolen von Drasenhofen und Franzhausen II. Aufgrund ihrer Größe und archäologischen Bedeutung bieten sie eine einzigartige Möglichkeit, soziale Organisation und Arbeitsteilung in der Frühbronzezeit zu erforschen.

Die in diesem Forschungsprojekt gewonnenen Daten werden nicht nur unser Wissen über das Leben in der Frühbronzezeit, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und soziale Beziehungen in Niederösterreich erweitern, sondern auch moderne nicht-invasive Methoden neu kombinieren und weiterentwickeln, um zukünftige Aktivitätsmuster besser rekonstruieren zu können.

 

Kooperationen
Laufzeit

01/ 2026–12/2028

Finanzierung
  • DOC [Doktorand/inn/enprogramm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften] / 27410