Das Heiligtum des Poseidon bei Samikon war über ein Jahrhundert lang Gegenstand archäologischer Suche. Der antike Geograph Strabon beschreibt in seinen Geographika (8. Buch) ein berühmtes Poseidonheiligtum in Triphylien (Elis), das als zentrales Kultzentrum der triphylischen Städte galt und von Makistos verwaltet wurde. Seine Angaben verorten das Heiligtum an der Westküste der Peloponnes, am Fuß des Lapithosgebirges. Topographische Hinweise wie die weithin sichtbare Festung von Samikon und die nahe gelegene Grotte der Nymphen mit ihren warmen Schwefelquellen – wohl identisch mit der Höhle und den Quellen von Kaiafa – bestätigen diese Lage.
Auf Grundlage dieser Beschreibung wurde das Heiligtum im Bereich der Hügel von Kleidi unterhalb der antiken Festung von Samikon vermutet (Abb. 1). Das sumpfige Gelände zwischen den Lagunen von Kaiafa und Agoulenitsa erschwerte jedoch lange Zeit systematische Untersuchungen, sodass das Heiligtum unentdeckt blieb.
Seit 2017 führen das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI) und der griechische Antikendienst von Elis in Kooperation mit den Universitäten Mainz und Kiel geoarchäologische und geophysikalische Untersuchungen durch. Geomagnetische Messungen im Jahr 2021 zeigten die Umrisse eines Gebäudes, das als Tempel identifiziert werden konnte. Seit 2022 wird der monumentale Bau unter der Leitung von Birgitta Eder (ÖAI Athen) und Erofili-Iris Kolia (Antikendienst Elis) systematisch ausgegraben.
Die bisherigen Ergebnisse (Stand 2025) erlauben folgende Rekonstruktion: Der langrechteckige Bau (9,44 × 27,88 m) gliedert sich in zwei große Säle mit axialen Innenstützen und zwei gleichwertig gestaltete Vorhallen im Südosten und Nordwesten. Beide Fassaden besitzen zwei Säulen in antis und ein Satteldach in lakonischer Eindeckung. Errichtet wurde der Bau wohl im 6. Jh. v. Chr., seine Aufgabe erfolgte im frühen 3. Jh. v. Chr. (Abb. 2)
Eine dichte Schicht aus Dachziegeln bedeckte die gesamte Tempelfläche. Diese Ziegellage markiert offenbar den Einsturz des Daches nach einem Brand, wie verkohlte Holzkohlenreste und sekundär gebrannte Lehmziegel zeigen. Wenige Keramikfragmente – vor allem Trinkgefäße – datieren diesen Befund in die Zeit um 300 v. Chr.
Besonders bedeutend ist der Fund einer großen Bronzetafel (40,5 × 27,5 cm) aus dem Saal Nordwest. Die Inschrift, datiert ins 4. Jh. v. Chr., erwähnt ausdrücklich die Aufstellung der Tafel im Heiligtum des Poseidon Samios und bestätigt damit die Lokalisierung des lange gesuchten Heiligtums. Die Edition der Inschrift erfolgt durch Sophia Zoumbaki (Athen) und Hans-Joachim Gehrke (Freiburg).
Ebenfalls aus dem Saal Nordwest stammt ein großes marmornes Perirrhanterion (Reinigungsbecken) mit aufwendig gestalteten Henkeln, die bronzene Vorbilder archaischer Zeit nachahmen. Antike Reparaturen an der Schale zeugen von ihrer langen Nutzung.
Parallel zur Freilegung des Tempels wird die Ausdehnung des Heiligtums erforscht (Abb. 3). Eine massive zweischalige Mauer im Norden des Areals, bereits von Wilhelm Dörpfeld beobachtet, könnte nach aktuellem Forschungsstand Teil einer Dammkonstruktion gewesen sein, die das Heiligtum gegen das Lagunenwasser im Norden schützte.
Dokumentarfilm der Gerda Henkel-Stiftung (6 Episoden)
bis 12/2027