Seit dem 17. Jahrhundert v. Chr. lassen sich in den archäologischen Funden des griechischen Festlands in bislang beispiellosem Umfang fremde Materialien in unterschiedlichster Form nachweisen, die die kulturelle Identität des mykenischen Griechenlands entscheidend prägen sollten. Unter diesen Materialien finden sich auch verschiedene Arten von Edelsteinen, die in der Ägäis selbst nicht vorkommen – darunter Lapislazuli, einer der seltensten und prestigeträchtigsten Steine überhaupt.

Wie die Untersuchung mykenischer Gräber, Siedlungen und Paläste zeigt, war Lapislazuli ausschließlich den obersten Gesellschaftsschichten vorbehalten. Damit eignet sich das Material ideal, um Austauschbeziehungen, Prestigewerte und Elitenstrategien in der frühen mykenischen Welt nachzuvollziehen.
Vor diesem Hintergrund wurde das von der Dr.-Anton-Oelzelt-Newin`schenStiftung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanzierte Pilotprojekt initiiert, das erstmals einen naturwissenschaftlichen Ansatz zur Herkunftsbestimmung von Lapislazuli-Artefakten der Ägäischen Bronzezeit erprobt (Abb. 1). Ziel ist es, die geochemische Zusammensetzung archäologischer Proben mit bekannten Lagerstätten zu vergleichen und so Handels- und Austauschnetzwerke zwischen der Ägäis und den Herkunftsregionen dieser begehrten Rohstoffe zu rekonstruieren.
Für die Untersuchung wurden geologische Proben aus den vier bekannten prähistorisch genutzten Lapislazuli-Vorkommen in Afghanistan, Sibirien, Myanmar und Chile analysiert und mit archäologischem Material aus den frühmykenischen Tholosgräbern von Kakovatos verglichen. Dank der Unterstützung des griechischen Kulturministeriums und des Archäologischen Nationalmuseums in Athen konnten im Dezember 2021 zwölf Fragmente aus diesen mykenischen Gräbern exportiert und an der Universität Graz und an der Technischen Universität Graz mittels zerstörungsfreier Verfahren untersucht werden. (Abb. 2)

Mittels der Methode Laser-Ablation-ICP-MS (LA-ICP-MS), wurden 47 Spurenelemente erfasst. Die geochemische Charakterisierung der geologischen Proben erlaubt eine klare Unterscheidung der vier Lapis-Herkunftsgebiete. Der Vergleich mit den Proben aus Kakovatos zeigte eine eindeutige Zuordnung zu Afghanistan – ein Ergebnis, das erstmals den weiträumigen Import von Lapislazuli in die frühe mykenische Welt eindeutig belegt.
Die Resultate dieses Pilotprojekts bilden eine wichtige Grundlage für künftige Forschungen zur Provenienz und Verbreitung von Lapislazuli. Eine Publikation der Ergebnisse ist in Vorbereitung und soll demnächst in einer internationalen Fachzeitschrift erscheinen.
Da Lapislazuli ein äußerst heterogenes Material ist und seine postdepositionalen Veränderungen bislang kaum untersucht wurden, besteht ein zentrales Ziel zukünftiger Arbeiten in der Erweiterung der archäologischen und geologischen Datenbasis. Um hierfür ein schonendes und zugleich aussagekräftiges Analyseverfahren zu entwickeln, wurde ein nicht-destruktives Protokoll auf Basis von tragbarer Röntgenfluoreszenz (pXRF) und Fourier-Transform-Infrarotspektroskopie (FTIR) erarbeitet.
Dank der fortgesetzten Kooperation mit dem Archäologischen Nationalen Museum konnte dieses Verfahren im Oktober 2024 auf einen erweiterten Korpus angewendet werden: Neben den 12 Proben aus Kakovatos wurden 52 weitere Lapislazuli-Artefakte aus verschiedenen mykenischen Fundorten der Peloponnes – insbesondere aus Mykene – untersucht. Gemeinsam mit den griechischen Kolleginnen und Kollegen soll diese Forschung in den kommenden Jahren auf weitere Fundorte in der Ägäis ausgedehnt werden, um ein bislang unerreichtes Verständnis der Nutzung und Zirkulation von Lapislazuli in der bronzezeitlichen Ägäis zu gewinnen.
Neuerdings besteht eine weitere Kooperation mit dem Vorderasiatischen Museum in Berlin, wo im Sommer 2025 40 bronzezeitliche Lapislazuliobjekte aus Assur ebenfalls zerstörungsfrei gemessen werden konnten. Die Ergebnisse aller Untersuchungen werden gemeinsam neue Einblicke in die Netzwerke bronzezeitlicher Fernverbindungen geben.
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