Das Projekt beschäftigt sich mit der bioarchäologischen Untersuchung von Kindheit, Aufwachsen und Kinderfürsorge sowie den sozialen Perspektiven auf Mütter in frühmittelalterlichen (6. – 10. Jh.) Gesellschaften im heutigen Oberösterreich. Ein Fokus liegt hierbei auf wandelnden Kindheitskonzeptionen, unterschiedlichen Kinder- und Müttersterblichkeitsraten und Bestattungssitten einem multiethnischen Grenzgebiet zwischen Frankenreich, Slawen und Awaren.
Kindheit, Mutterschaft und Eltern-Kind-Beziehungen sind zentrale soziale Konstrukte, die das Gefüge einer Gesellschaft prägen. Trotz bedeutender Fortschritte steckt ihre Erforschung für vergangene Gesellschaften noch in den sprichwörtlichen Kinderschuhen und auch für frühmittelalterliche Gesellschaften ist nur wenig über diese alltäglichen Strukturen bekannt. Gräberfelder dieser Zeit bieten jedoch eine gute Möglichkeit, um gesellschaftliche Dynamiken zu untersuchen, da die Bestattungssitten dieser Zeit durch vielfältige rituelle Elemente und die Darstellung von Identität und sozialer Zugehörigkeit geprägt sind.
Das heutige Oberösterreich zwischen dem 6. und 10. Jh. stellt hierbei eine aussagekräftige Fallstudienregion dar, denn nach dem Ende der römischen Herrschaft bildete es das Grenzgebiet zwischen fränkisch-bajuwarischen Herrschaftsbereichen im Westen, dem awarischen Reich im Osten und slawisch geprägten Gebieten im Südosten. Trotz weniger schriftlicher Quellen weisen archäologische Befunde auf eine teilweise Eingliederung in bajuwarische Verwaltungsstrukturen im späten 6./frühen 7. Jh. sowie auf mehrere Phasen (slawischer) Migration hin.
Aus der Region sind rund 100 Bestattungsplätze bekannt, die sich nicht nur anhand ihrer Beigabenausstattung, sondern auch durch ihre räumliche Verteilung in zwei Gruppen teilen lassen. Während sich die Gräberfelder des 6. und 7. Jh. vor allem im Westen befinden und häufig an römische Infrastruktur sowie die Grenzen der ehemaligen Provinz Noricum ripenseanschließen, liegen jüngere Fundstellen zunehmend im Osten und nördlich der Donau. Auffällig ist zudem eine unterschiedliche Repräsentation von Kindern unter drei Jahren in beiden Gruppen. Zunächst wurde die steigende Anzahl an Kinderbestattungen – ohne einschlägige Datengrundlage – mit erhöhter Säuglingssterblichkeit und verschlechterten Lebensbedingungen im 8. bis 10. Jh. erklärt.

An dieser Stelle setzt das aktuelle Projekt an: Statt die unterschiedliche Anzahl von Säuglingen und Kleinkindern ausschließlich demografisch zu deuten, soll untersucht werden, inwiefern auch soziale und kulturelle Faktoren die Lebensbedingungen, Erfahrungen von Kindern und den Umgang mit ihrem Tod prägten. Im Zentrum stehen dabei die Interpretation von altersspezifischen Bestattungsriten, sowie die Rekonstruktion von Säuglings- und Kinderfürsorge. Darüber hinaus wird untersucht, wann und in welcher Form Kinder in häusliche Tätigkeiten, soziale Rollen und Arbeitsprozesse integriert wurden. Die Analyse weiblicher Bestattungen erweitert diese Perspektive um die Darstellung des weiblichen ›life course‹. Demografische Verteilungen, Gesundheits- und Fertilitätsindikatoren, aber auch geschlechtsspezifische Grabausstattungen sollen Rückschlüsse auf die biologischen und sozialen Dimensionen von Mutterschaft erlauben. Der bioarchäologische Ansatz, den das Projekt verfolgt, verbindet archäologische Analysen von Bestattungskontexten, Gräberfeldstrukturen und Beigaben mit anthropologischen und biomolekularen Untersuchungen menschlicher Überreste.
Übergeordnet zielt die Untersuchung darauf ab, den sozialen Stellenwert und die Identitäten von Kindern und Müttern, das Eltern-Kind-Verhältnis sowie die Bedeutung von Kinderfürsorge in unterschiedlichen ländlichen Gesellschaften zu rekonstruieren. Damit leistet es einen Beitrag zu einem differenzierteren Verständnis von Kindheit, Mutterschaft undTrauer in kulturell vielfältigen Grenzräumen des Frühmittelalters.
10/2025–09/2029