Familiäre und höfische Beziehungen in den Memoiren der Gräfin Luise Charlotte von Schwerin (1684−1732)


Die Lebenserinnerungen der Gräfin Luise Charlotte von Schwerin (1684–1732) geben wertvolle Einblicke in die Handlungsspielräume und Netzwerke von Frauen des Hofadels im frühen 18. Jahrhundert.

Geboren als Freiin von Heiden im Herzogtum Kleve und aufgewachsen in den Niederlanden, heiratete die Autorin 1704 in eine der führenden Familien des Berliner Hofadels ein. 1716 begleitete sie ihren Mann, Graf Friedrich Wilhelm von Schwerin, auf seiner Mission als außerordentlicher preußischer Gesandter nach Wien. 1719 trat sie im Palais der Gräfin Eleonore Theresia von Strattmann vom reformierten zum katholischen Glauben über. Ihr Vorhaben, ein Gut in Schlesien zu erwerben und damit wohl auch ihrem Mann und ihren Brüdern Möglichkeiten für den Eintritt in den kaiserlichen Dienst zu eröffnen, scheiterte am Widerstand des böhmischen Hofkanzlers Graf Schlik. Wegen ihres Glaubenswechsels aus Preußen ausgewiesen und von ihrer Familie getrennt, verbrachte sie den Rest ihres Lebens in Köln, Schlesien und Wien und starb 1732 im Kloster St. Laurenz in Wien.

In den frühen 1720er-Jahren schrieb sie ihre Lebenserinnerungen nieder, die in zwei Abschriften in französischer Sprache erhalten sind. Insbesondere aus dem Raum der Habsburgermonarchie sind aus dieser Zeit keine vergleichbaren Selbstzeugnisse von Frauen erhalten. Im Rahmen des Forschungsprojekts wird eine moderne digitale Edition entstehen, die den Text in französischer und deutscher Sprache für die Forschung zugänglich macht und durch Hintergrundinformationen und digitale Auswertungswerkzeuge erschließt.

Im Zentrum der Forschungsfragen des Projekts steht das soziale Netzwerk der Gräfin in Wien. Dieses beruhte primär auf verwandtschaftlichen und informellen Beziehungen, aber auch Hofämter und kirchliche Institutionen spielten eine wichtige Rolle darin. Sowohl in dieser Hinsicht als auch in Bezug auf die kommunikativen Strategien und das intendierte Publikum des Texts fragt das Projekt u.a. nach zeitgenössischen Vorstellungen von Öffentlichkeit, „Privatheit“ und Geheimhaltung. Die Memoiren geben Einblicke in weibliche Lebenswelten und Handlungsspielräume am Kaiserhof und den umgebenden, gemischtkonfessionellen Kreisen, in denen die Gräfin sich bewegte.

Die digitale Edition wird in Kooperation mit dem Zentrum für Informationsmodellierung (ZIM) der Universität Graz entwickelt. Das vom FWF finanzierte Projekt kann auf vorangehende Forschungen (u.a. im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe „Self-Narratives in Transcultural Perspective“) und eine gedruckte Edition aufbauen, die auf einer der beiden heute bekannten, voneinander abweichenden Abschriften der Memoiren basiert: Une conversion au XVIIIe siècle. Mémoires de la comtesse de Schwerin, herausgegeben von Maurice Daumas and Claudia Ulbrich unter Mitarbeit von Sebastian Kühn, Nina Mönich und Ines Peper (Bordeaux, 2013).