Akteure und politische Entscheidungsfindung im "Orientalischen Büro" des Hofkriegsrates (1606-1665)

Das „Anderssein“ des Orients hat in den vergangenen Jahrhunderten die westliche Welt auf unzählige Weise herausgefordert. Die richtige Entscheidung in Bezug auf Regionen und Staaten zu treffen, die sich von unserer heimischen Lebenswelt weitgehend unterscheiden, erscheint heute genauso kompliziert wie zuvor. In diesem Zusammenhang lohnt es sich Entscheidungsstrategien früherer Epochen zu berücksichtigen, die auch bei der Bewältigung gegenwärtiger Konflikte vom Nutzen sein können.

Die Präsenz des Osmanischen Reiches im frühneuzeitlichen Mitteleuropa hatte zweifellos tiefgreifende Auswirkungen auf die Länder und Nationen der Region. Die Habsburgermonarchie gehörte zu den zentralen staatlichen Akteuren der zeitgenössischen politischen Szene, die spätestens ab dem Anfang des 16. Jahrhunderts mit einer erschütternden militärischen Übermacht des Halbmondes konfrontierte. Es versteht sich von selbst, dass Konflikte ein tiefes Verständnis des Gegners erfordern, um erfolgreiche Strategien entwickeln zu können. Im Zusammenhang mit der frühneuzeitlichen habsburgisch-osmanischen Rivalität in Mitteleuropa zielt das Projekt auf folgende Hauptfragen ab: Wo und von wem wurden die Entscheidungen osmanischer Relevanz am Habsburgerhof getroffen? Woher kam die Fachkompetenz der Experten und wie hat die habsburgische Verwaltung ihr Wissen in der Politik angewandt? Wie hat die Habsburgermonarchie schließlich ihr eigenes diplomatisches Personal und Strategie für die Verwaltung von osmanischen Angelegenheiten geschaffen?

Das Projekt soll sich auf eine größere Friedensperiode im 17. Jahrhundert konzentrieren, als raffinierte Friedenssicherungsmechanismen und erfahrene Diplomaten das Verhältnis zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich prägten. In diesem Zusammenhang wird in erster Linie die Tätigkeit des Wiener Hofkriegsrates untersucht, einer Kollegialbehörde von Militär- und Zivilexperten, die die diplomatische Maschinerie auf habsburgischer Seite kontrollierte. Dieses Organ wurde 1556 gegründet und war ursprünglich für den osmanischen Krieg im Königreich Ungarn konzipiert, seit dem frühen 17. Jahrhundert war es aber auch für die orientalische Diplomatie verantwortlich und behandelte Themen wie Friedensverhandlungen, diplomatische Missionen nach Osten, Korrespondenz, Betrieb des diplomatischen Außenpostens in Konstantinopel usw. Dieses wissenschaftliche Bestreben befasst sich also prinzipiell mit der charakteristischen orientalischen Diplomatie der frühneuzeitlichen Habsburger und fragt danach, wie Entscheidungen von grundlegender Bedeutung hinter den interkulturellen Kulissen der diplomatischen Bühne getroffen wurden, um militärische Konfrontationen weitmöglichst zu vermeiden und die habsburgisch-osmanische Herrschaft in dem mitteleuropäischen Raum zu stabilisieren.

Kontakt

Dr. Zsuzsanna Cziráki (Projektleitung)


Projektlaufzeit

Juli 2021 - Juni 2023


Finanzierung

Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF): M 3034 Meitner-Programm