Vor etwas über zwanzig Jahren wurde in den Ruinen des antiken Dion in Nordgriechenland ein Gebilde aus Metallplatten und ‑röhren ausgegraben, das man rasch als die ältesten bislang bekannten Orgelreste identifizierte. Gebaut etwa im ersten nachchristlichen Jahrhundert, stammen sie ungefähr aus der gleichen Periode, aus der uns auch Texte überliefert sind, die die Funktion einer Wasserorgel (hydraulos) beschreiben, einschließlich Luftpumpen, Druckkessel, Windlade und Tasten für die einzelnen Töne, aber ohne eine genauere Beschreibung der Orgelpfeifen selbst. Obgleich berühmt in musikarchäologischen Kreisen, wurde die Orgel von Dion nie genauer publiziert, und die meisten Aspekte ihrer Funktion blieben bislang in Dunkel gehüllt.
Unser Projekt hat es sich daher zum Ziel gesetzt, die langerwartete vollständige Dokumentation dieses faszinierenden Fundes zu liefern, einschließlich einer Analyse der bei seiner Konstruktion verwendeten Materialien. Auf dieser Grundlage werden wir mögliche Interpretationen bezüglich der Funktionsweise des Instruments, der Art der verwendeten Pfeifen und der spielbaren Musik diskutieren. Eine der wichtigsten Fragen betrifft in diesem Zusammenhang die Winddrücke, unter denen es spielen konnte, wovon sowohl die möglichen Winderzeugungsmechanismen als auch die verwendbaren Pfeifentypen abhängen. Hier werden wir experimentieren müssen, um Konfigurationen auszuprobieren, die teilweise weit jenseits der Komfortzone moderner Orgeln liegen. Schließlich hoffen wir, eine vollständig funktionale Rekonstruktion vorstellen zu können.
Gegenwärtig vermuten wir eher, dass die Orgel von Dion ihre Luftzufuhr nicht durch einen hydraulischen Mechanismus erhielt, sondern durch ein System von Bälgen. Wenn sich diese Annahme erhärten sollte, gibt uns das erstmals die Gelegenheit eine antike Balgorgel zu rekonstruieren, wie wir sie aus bildlichen Darstellungen kennen. In diametralem Gegensatz zu mittelalterlichen und modernen Orgeln, die auf einen möglichst gleichmäßigen Luftdruck ausgelegt sind, scheint die Konstruktion der antiken Balgorgeln geeignet, die Körperbewegungen des die Bälge tretenden Personals in musikalische Akzente zu übersetzen, sodass jenes, anstelle ganz hinter der Spielerin zurückzutreten, wesentlich an der Darbietung mitwirkt – gewissermaßen als hörbarer Tanz. Eine derartige Rekonstruktion würde damit direkt in noch gänzlich unerforschte Gebiete der Musikarchäologie führen.