Marie Wilt: Von der Hausfrau zur Ausnahmesängerin

Die imposante Sängerin mit der Ausnahmestimme, deren Todestag sich im September 2021 zum 130. Mal jährt, war auch eine Ausnahmeerscheinung. Ihr Suizid erschütterte die Wiener Presse, die schon zu Lebzeiten der Künstlerin zahlreiche Anekdoten und Geschichten über sie verbreitet hatte.

Ihre Lebensgeschichte, ihr Äußeres und ihr Verhalten gaben schon zu Wilts Lebzeiten Anlass zu zahlreichen Anekdoten: Die Sängerin mit der gigantischen Stimme, die erst im Alter von 31 Jahren ihr Bühnendebüt feierte. Die in Gesellschaft zuweilen unorthodox, weil unverblümt agierte. Deren Äußeres im Widerspruch zu ihrer faszinierenden Stimme zu stehen schien. Die sich mit ihrer praktischen, zupackenden Art nicht zu schade war, selbst niedrigste Hausarbeit zu übernehmen. Die ihre Finanzen in die Hand nahm und ihre Gagen selbst verhandelte. Die mit ihren psychischen Problemen zwischen Depression und Manie kämpfte, die höchstwahrscheinlich Mitursache ihres Freitods waren.

Kindheit bei einer Pflegefamilie

Ihre Mutter Juliane Liebenthaler entstammte einer alteingesessenen Fiakerdynastie aus Margarethen. Deren Großvater Jakob soll der Leibfiaker von Kaiser Josef II. gewesen sein. Sie selbst war als Handarbeiterin tätig und brachte am 30. Jänner 1834 in Nikolsdorf (heute Wien 5) ihre zweite Tochter Maria Viktoria Liebenthaler auf die Welt. Der Vater ist im Taufbuch nicht angegeben. Knapp eineinhalb Jahre davor hatte sie bereits eine Tochter, Theres, geboren, ebenfalls ohne Bekanntgabe des Vaters. Angeblich starb ihre Mutter bald nach Maries Geburt an der Cholera, ihr Name fehlt jedoch in den Wiener Totenbeschauprotokollen bis 1840. Marie wuchs daher bei einer Pflegefamilie auf, jener von Joseph Tremier und seiner Frau Franziska (Fanny), die aus der angesehenen Familie von Pratobevera stammte. Hier erhielt sie eine gutbürgerliche Erziehung inklusive des obligaten Klavierunterrichts, liebte die Musik und wollte Sängerin werden. Der renommierte Gesangslehrer Carl Kunt sprach ihr jedoch eine geeignete Gesangsstimme ab und der Wunsch wurde vorerst begraben.

Ehefrau, Hausfrau und Mutter

So ging sie zunächst den üblichen Weg einer bürgerlichen jungen Frau und heiratete im Alter von 19 Jahren – ihr Vormund Joseph Tremier hatte in die frühzeitige Eheschließung eingewilligt – den um neun Jahre älteren Bauingenieur Franz Wilt in Steyr, wo sie sich mit ihrer Pflegefamilie immer wieder aufhielt. Ein Jahr später wurde Tochter Franziska, genannt Fanny, geboren. Aus beruflichen Gründen verbrachte die junge Familie längere Zeit in Dalmatien. Spätestens 1857 lebte sie wieder in Wien, ab 1858 leitete ihr Ehemann die Demolierung der Wiener Stadtmauer, später übernahm er auch die Bauleitung des neuen Opernhauses. Nach der Rückkehr in ihre Heimatstadt laborierte Marie Wilt an einer langwierigen Lungenkrankheit und sollte auch später mitunter mit Lungenproblemen kämpfen. Genesen, widmete sie sich wieder autodidaktisch dem Gesang, den sie nie aufgegeben hatte, und wurde Mitglied des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde. Dessen Leiter Johann von Herbeck erkannte ihr Talent und gab ihr die Solopartie der Jemina in der Uraufführung von Franz Schuberts Oratorium-Fragment „Lazarus“ am 27. März 1863.

Konzertsängerin

Herbeck setzte Wilt danach regelmäßig als Solistin seiner sog. „Gesellschaftskonzerte“ ein und sie nutzte die Chance, sich als Konzertsängerin zu profilieren. Im April 1864 wirkte sie erstmals in einem Konzert der von Johannes Brahms geleiteten „Wiener Singakademie“ mit. Nachdem ihr die Sängerin Désirée Artôt, mit der sie im April 1865 in zwei Konzerten gesungen hatte, eindringlich zu einer Bühnenkarriere geraten hatte, überwand die 31-Jährige ihre Bedenken, dafür eigentlich schon zu alt zu sein, und wagte den langersehnten Schritt auf die Bühne. Ihr Gesangsunterricht, den sie bei Josef Gänsbacher aufgenommen hatte, trug nun endlich Früchte.

Operndebüt in Graz

Vorbereitet vom Professor der Hof-Opernschule Carl Maria Wolf, mit dem sie in kurzer Zeit drei große Rollen einstudierte, fuhr sie am 28. November 1865 nach Graz. Am 9. Dezember fand am dortigen Landestheater ihr „erster theatralischer Versuch“, wie die Annonce verhieß, als Donna Anna in Mozarts „Don Juan“ statt. Am 20. Dezember gab sie die Valentine in den „Hugenotten“ von Meyerbeer und einen Tag später die Leonore in Beethovens „Fidelio“. Dieser Kraftakt hinterließ seine Spuren, auch die Prosa im „Fidelio“ und die darstellerischen Anforderungen bereiteten der Debütantin noch Schwierigkeiten, aber man erkannte bereits ihre außergewöhnliche Stimme.

Erste Auslandsgastspiele

Schon kurz danach trat sie ihre erste Gastspielreise an. Im März 1866 sang Wilt an der Berliner Oper unter den Linden, wo sie hoffte, ein Engagement zu erhalten. Sie musste ihren Aufenthalt jedoch nach zwei Auftritten infolge einer Kohlenmonoxid-Vergiftung abbrechen. Wiederhergestellt, gab sie im Mai am Covent Garden Theatre in London und im November im Teatro La Fenice in Venedig unter dem Namen Maria Vilda jeweils die Titelpartie in Bellinis „Norma“. Während sie in London außerordentlich gut ankam, war die Aufnahme in Venedig eher kühl.

Operndebüt in Wien

Am 8. März 1867 trat sie erstmals in Wien als Opernsängerin in Verdis „Troubadour“ vor das Publikum. Zwei weitere Auftritte als Donna Anna und Norma folgten im Laufe des Monats. Im April sang Wilt ein weiteres Mal in London. Parallel dazu verliefen Vertragsverhandlungen mit dem Wiener Hofoperntheater. Aufgrund ihrer anfangs noch geringen Repertoirekenntnisse erhielt sie zunächst nur einen Vertrag für 36 Gastrollen, der danach in ein fixes Engagement umgewandelt wurde, und begann am 25. September wieder mit der Norma. Zu Höhepunkten ihrer Karriere in Wien zählten die Donna Elvira in der Eröffnungsvorstellung der neuen Hofoper am 25. Mai 1869, sie war die erste Wiener Aida (29. April 1874) und kreierte am 10. März 1875 die Sulamith in der Uraufführung von Karl Goldmarks „Königin von Saba“. Verschiedene Ehrungen bestätigten sie in ihrem Erfolg, etwa die Ernennung zur k. k. Kammersängerin 1869, zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 1871, später auch zum Ehrenmitglied des Budapester Nationaltheaters (1881) und der Wiener Hofoper (1883). Die Sängerin beschränkte sich jedoch nicht nur auf das Opernfach, sondern betätigte sich weiterhin auch mit großem Erfolg im Konzertsaal. Dazu kamen einige Gastspiele als Opern- und Konzertsängerin in Deutschland und Russland.

Erzwungener Abschied

Marie Wilts Privatleben hingegen verlief weniger glücklich, ihre Ehe mit Franz Wilt zerbrach. Im Zuge ihres Aufenthalts in Russland soll die Sängerin einen Arzt kennengelernt haben, für den sie ihren Mann verlassen wollte. Dieser forderte von ihr daraufhin den Verzicht auf öffentliche Auftritte in Wien sowie die gerichtliche Hinterlegung von 119.000 Gulden. Wilt willigte ein und verließ im Frühjahr 1879 Heimatstadt und Mann. Ihre Tochter war mittlerweile bereits erwachsen, hatte im Herbst 1876 nach Graz geheiratet und war nunmehr ebenfalls Mutter einer Tochter.

Leipzig und La Mara

Wilt ging daraufhin ans Leipziger Stadttheater, um hier erstmals den „Ring des Nibelungen“ außerhalb Bayreuths auf die Bühne zu bringen. Allerdings kämpfte sie infolge ihrer privaten Probleme – aus der erhofften Beziehung mit dem Arzt wurde nichts – mit schweren Depressionen und Selbstmordgedanken und litt in der fremden Stadt unter Einsamkeit. Durch die Bekanntschaft mit der um drei Jahre jüngeren Leipzigerin Marie Lipsius, die zum engen Freundeskreis von Franz Liszt zählte und unter dem Pseudonym La Mara auch als bekannte Musikschriftstellerin tätig war, gewann die Sängerin wieder Zuversicht. Zwischen den beiden musikbegeisterten Frauen entwickelte sich eine intensive Freundschaft und La Mara widmete ihr 1882 sogar ein eigenes Kapitel in der fünfbändigen Porträtreihe „Musikalische Studienköpfe“. In Leipzig erweiterte Wilt ihr Repertoire um die einschlägigen Wagner-Rollen und sang in der Saison 1878/79 allein 13-mal den gesamten „Ring des Nibelungen“. Die Freundin stand ihr dabei zur Seite und besuchte jede ihrer Vorstellungen, die danach intensiv besprochen wurden. Dazwischen gab Wilt auch gefeierte Gastspiele in Dresden. Der Plan, die kommende Saison parallel an beiden Opernhäusern zu singen, zerschlug sich allerdings und sie kehrte zurück nach Wien.

Die letzten Jahre

Ende 1879 unternahm sie mit der Pianistin Annette Essipoff eine Konzertreise durch die Monarchie, zwischen 1880 und 1882 gab sie ausgedehnte Gastspiele am Pester Nationaltheater und am Frankfurter Stadttheater. Nachdem ihr Auftritte in Wien wieder gestattet waren, kehrte Marie Wilt Ende April 1882 als langersehnter Gast an die Wiener Hofoper zurück. Ihre letzte Vorstellung dort gab sie am 18. Jänner 1886 als Lucrezia Borgia. Mit zwei Auftritten im November 1888 in Graz verabschiedete sie sich endgültig von der Opernbühne. Ihre letzten Lebensjahre wohnte sie dort häufig bei ihrer Tochter, wurde phasenweise für unzurechnungsfähig erklärt, verbrachte aufgrund ihrer psychischen Probleme auch einige Zeit in der „Landes-Irrenanstalt Feldhof“ und zerstritt sich mit ihrer Familie. Sie spendete große Summen an verschiedene Hilfsorganisationen, widmete der Universität Graz im November 1890 100.000 Gulden in Form einer Stiftung, wollte vorübergehend ihren Nachkommen überhaupt nichts hinterlassen, änderte mehrmals ihr Testament und bestellte ihre Tochter letztlich doch zu ihrer Alleinerbin. Vereinzelt trat Marie Wilt noch als Konzertsängerin an die Öffentlichkeit, dürfte aber immer wieder mit Stimmbandproblemen gekämpft haben. Mitte Juli 1891 in Salzburg bewies sie bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt eindrucksvoll, dass ihre Stimme nichts eingebüßt hatte, bezeichnenderweise mit der berühmten Koloraturarie der Konstanze, „Martern aller Arten“. Zwei Monate später war sie tot. Die 57-Jährige hatte sich am 24. September 1891 aus dem Fenster im vierten Stock eines Hauses im Wiener Zwettlhof, dem Durchgang zwischen Stephansplatz und Wollzeile, in den Lichthof gestürzt.

Stimmphänomen

Marie Wilt war sängerisch und hinsichtlich ihres weitgespannten Repertoires eine Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit, ihre faszinierende Stimme ließ über ihre darstellerischen Defizite hinwegsehen: „Die Omnipotenz ihres zweiundeinhalb Oktaven umfassenden, in allen Registern leicht ansprechenden, vollkommen ausgeglichenen, entmaterialisierten Riesensoprans bedeutete ein Phänomen, das an die Einzigkeit seiner Existenz gebunden ist, weil sich die vorbedingenden Umstände, unter denen es lebendig wurde, nur in der Unendlichkeit wiederholen könnten“, urteilte Max Kalbeck über die Künstlerin („Neues Wiener Tagblatt“, 3. 5. 1919).


Literatur: Neue Freie Presse, 25. 9. 1891; Neuigkeits Welt-Blatt, 26. 9. 1891; Neues Wiener Tagblatt, 13. 5. 1919; Neues Wiener Journal, 10. 4. 1924; ADB; Kutsch-Riemens, 1997 und 2000; ÖBL; oeml; Wurzbach; La Mara, Musikalische Studienköpfe 5, 1882; La Mara, Durch Musik und Leben im Dienste des Ideals 1–2, 2. Auflage, 1925; Berühmte Sängerinnen der Vergangenheit und Gegenwart, ed. A. Ehrlich, 1895; A. Böhm Edler von Böhmersheim, Geschichte des Singvereines der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, 1908, passim; H. Bauer, Die Entwicklung des Stiftungs- und Stipendienwesens an der Karl-Franzens-Universität 1863–1914, DA Graz, 1989, S. 77ff.; Spielplanarchiv Wiener Staatsoper (Zugriff 12. 9. 2021); Trauungsbuch Stadtpfarre Steyr, OÖ; HHStA; Österreichische Nationalbibliothek / Handschriftensammlung; Taufbuch Pfarre St. Florian, Wienbibliothek im Rathaus / Handschriftensammlung, WStLA, alle Wien.

(Monika Kornberger)

Wir danken der Autorin, dem Bildarchiv Austria und der Wienbibliothek im Rathaus für die Unterstützung mit Bildmaterial.