Florianigasse 13, Karte
Text: Johannes Feichtinger, Johann Heiss, Martina Bogensberger, Marion Gollner
Das Bäckerkreuz, eine gotische Kreuzsäule aus Stein, wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts dem „Zöchmeister Paul Lundler dem Got genadt amen“ zur Erinnerung errichtet und befindet sich heute im Innenhof des Gebäudes der Bäckerinnung in der Florianigasse 13. Auf den Reliefs der Säule sind vermutlich Christus und der Heilige Nikolaus, Schutzpatron der Bäcker, abgebildet. Kaiser Rudolf II. ließ nach der Rückeroberung der Festung Raab/Győr im Jahr 1598 am Bäckerkreuz wie an zahlreichen anderen Wegkreuzen den Raaber Spruch anbringen. Das Bäckerkreuz ist die einzige in Wien noch erhaltene so genannte „Raaber Säule“.
Die Bäcker haben sich durch besonders viele Legenden und Sagen aus der Zeit der Türkenbelagerung einen bleibenden Platz in der Geschichte Wiens verschafft. Obwohl viele Geschichten über die Rolle der Bäcker während der Türkenbelagerung historisch nicht nachweisbar sind, bestehen sie fort und werden bis heute reproduziert.
Belegt ist hingegen, dass die Bäcker zur Zeit der zweiten Belagerung Wiens wie andere Zünfte (z.B. Handwerker) eine eigene Kompagnie zur Verteidigung der Stadt 1683 stellten. Diese soll rund 230 Mann umfasst haben. Gleichzeitig kam den Bäckern große Bedeutung bei der Versorgung der Stadtbevölkerung während der Belagerungen zu.
Einige Legenden rund um die Bäcker entstanden wohl, um Privilegien zu rechtfertigen, wie beispielsweise den Bäckerumzug mit eigener Bäckerfahne (vgl. Böhm 2001: 74f.; Historisches Museum der Stadt Wien 1983: 277). Der letzte Umzug dieser Art soll im Jahr 1846 (laut Czeike 1848) stattgefunden haben (Steinböck 1947: 467; Czeike 1992: 228). Sie endeten meist auf dem Platz am Hof, ihre Spitze bildeten Kavallerie und türkische Musik:
Der Bedeutung der Bäcker und anderer Zünfte liegt nicht nur ihre wichtige Versorgungsleistung für die Bevölkerung zu Grunde, sondern auch die Tatsache, dass „ihre Organisation in Zünften einen entscheidenden Einflussfaktor in der Stadtpolitik darstellten. Indem ihnen Privilegien wie das Veranstalten von Umzügen gestattet wurde, schenkte man ihnen nicht nur Anerkennung, sondern verpflichtete sie auch den Interessen der Stadthonoratioren“ (Böhm 2001: 105).
Die gotische Kreuzsäule wurde 1506 dem „Zöchmeister Paul Lundler dem Got genadt amen“ zur Erinnerung errichtet und stand ursprünglich auf dem „Schottengrundt auf der Laimstette“. Später wurde die Säule auf die Bürgerspitalsgründe (Kreuzung Währingerstrasse/Boltzmanngasse) vor das „Bäckerhäusel“ (bei Rotter 1933 „Bäckenhäusel“) verlegt. Das Bäckerkreuz nahm dort vielleicht die Stelle eines noch älteren Kreuzes ein.
1907 überstellte man die Säule beim Neubau des 2. Chemischen Institutes der Universität Wien und dem damit einhergehenden Abriss des Bäckerhäusels in das städtische Materialdepot (Roßauerlände 23). 1933 wurde die Steinsäule schließlich als Dauerleihgabe der Gemeinde Wien im Hof der heutigen Bäckerinnung in der Florianigasse aufgestellt (vgl. Sackmauer 1977; Czeike 1992: 226).
Das Bäckerkreuz ist eine von drei gotischen Kreuzsäulen in Wien. Die anderen waren das Bäckerkreuz auf der 1851 abgetragenen Elisabethbrücke (schon entfernt um 1800) und das Bäckerkreuz in Mariahilf (entfernt 1753) (vgl. Rotter 1933).
Das Bäckerkreuz in der Florianigasse ist angeblich das älteste „plastische Denkmal“ des 8. Wiener Gemeindebezirks (vgl. Schwertberger 2007). Die gotische viereckige Steinsäule ruht auf einem Pfeiler mit abgefasten Kanten und besitzt vier Felder, wobei nur noch zwei erhalten sind. Da die Reliefs durch die Witterung stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist nicht mehr eindeutig erkennbar, um welche Motive es sich dabei handelt.
Das vordere Feld zeigt mit großer Wahrscheinlichkeit Christus als den „segnenden Erlöser“, das rechte den heiligen Nikolaus von Myra, den Schutzpatron der Bäcker. Das linke Feld zeigte vermutlich die „heilige Maria mit ausgebreitetem Mantel“. Es könnte sich jedoch auch um die Darstellung eines Bischofs (heiliger Paulus aus Verdun) bzw. um ein Abbild der Stifterpersönlichkeit handeln (vgl. Wolf 2005: 12).
Bekrönt wird das Bäckerkreuz von einem steinernen Spitzdach mit einem Eisenkreuz. Das Zunftzeichen der Bäcker, die Brezel, ist am Säulenschaft angebracht. Darunter befindet sich ein aufgerolltes Schriftband mit folgender Widmung:
Rotter vermutet, dass der Name „Lundler“ auf der Säule vielleicht als „Rockner“ zu lesen ist, denn er konnte den Namen „Lundler“ auch nach ergiebigen Nachforschungen nicht ausfindig machen, wohingegen in der betreffenden Zeit Hans Rockner Besitzer jenes Grundes war, auf dem sich das Bäckerkreuz befand.
Unter dem Raaber-Spruch findet sich die Jahreszahl 1506, die entweder auf die Errichtung des Kreuzes oder auf das Todesjahr Lundlers/Rockners verweist (vgl. Rotter 1933).
Als am 29. September 1594 die Stadt Raab/Györ den Osmanen übergeben werden musste, rief der Verlust dieser nahe liegenden Festung zunächst großen Schrecken hervor. Die Stadt konnte jedoch schon am 29. März 1598 wieder zurückerobert werden: „Der sich als Türkensieger fühlende Kaiser Rudolf II. befahl daraufhin am 25. April 1598 in einem Patent allen Obrigkeiten und Grundherren im Land, die alten Denksäulen, Kreuze und ,Marter Seulen‘ (Marterl) an den Straßen und Wegkreuzungen zu renovieren.“ (Winkelbauer I 2003/04: 442).
So wurde auch auf dem Bäckerkreuz der so genannte Raaber-Spruch angebracht:
Während die Bezeichnung des Bäckerkreuzes auf seine Stifter verweist (vgl. Rotter 1933), erfüllte es (wie auch die anderen Wegkreuze) später die Aufgabe, den Sieg über die Osmanen vor Raab/Győr im Jahr 1598 im öffentlichen Bewusstsein wach zu halten. Das Bäckerkreuz wird daher auch zu den sogenannten „Raaber Säulen“ gezählt. Davor hatte das Bäckerkreuz, das seit 1933 im Innenhof des Hauses der Bäckerinnung aufgestellt ist, eine andere Funktion:
Literatur
Böhm, Jasmine (2001): „Türken-Images“ im öffentlichen Raum. Eine ethnologische Spurensuche in Wien. Diplomarbeit der Universität Wien.
Czeike, Felix (1992): Historisches Lexikon Wien. Band 1. Wien.
Darstellung der gewerblichen Zustände der Wiener Bäcker-Innung. 1848. Wien.
Historisches Museum der Stadt Wien (1983): Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683. 82. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien. 5. Mai bis 30. Oktober 1983. Wien.
Landesinnung der Wiener Bäcker: Überblick über die Geschichte der Wiener Bäckerinnung, 30.11.2009. (Website nicht mehr online)
Sackmauer, Ludwig (1977): Landesinnung Wien der Bäcker. Ausstellung: „6000 Jahre Brot – 750 Jahre Wiener Bäckerinnung“. 22. September bis 2. Oktober 1977. Wien.
Scheidl, Franz (1909): Denkmale und Erinnerungszeichen an die Türkenzeit in Wien. Wien.
Schwertberger, Gerald (2007): ALLA TURCA und Türkenkugeln. Türken-Bezüge im Stadtbild Wiens. Wien, 13.03.2010.
Rotter, Hans (1933): Drei Wiener Wahrzeichen – die Bäckerkreuze. Wien.
Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Wien/Köln/Weimar.
Wiener Bäcker-Innung (Hg.) (1927): 700 Jahre Wiener Bäcker=Innung. Herausgegeben von der Wiener Bäcker-Innung anläßlich der Feier ihres 700jährigen Bestandes. Wien.
Winkelbauer, Thomas (2003/04): Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter, Teil I (Österreichische Geschichte 1522–1699), Wien.
Wolf, Alfred (2005): Denkmäler und Zierbrunnen in Wien Alsergrund. Erfurt.







