Freiland , Karte
Text: Simon Hadler
Im Zuge der zweiten Wiener Türkenbelagerung im Jahr 1683 kamen osmanische Streifscharen auch in das niederösterreichische Traisental. Dort stießen sie auf das Stift Lilienfeld, dessen Abt Matthäus Kolweiß die Verteidigung organisierte und Orte, Burgen und Pässe in der Umgebung besetzen ließ, darunter auch Freiland. Hier soll eine Mauer, von den ansässigen Bauern verteidigt, den Weg in die Steiermark versperrt haben.
Die Legende von der so genannten Türkenmauer oder vom Blutbach (vgl. Bauer 1982: 148f.) bei Freiland gehört wohl zu den bekanntesten Erzählungen rund um die Konfrontation mit osmanischen Truppenteilen in Lilienfeld und Umgebung im Jahr 1683. Der damals amtierende Abt des Lilienfelder Zisterzienserstifts, Matthäus Kolweiß, hatte eine Besatzung zur Verteidigung des Klosters und seiner umliegenden Güter aufstellen und Wegsperren errichten lassen. Auch das südlich gelegene Freiland sollte befestigt werden, nicht zuletzt um den Durchzug der feindlichen Truppen in die Steiermark und nach Mariazell zu blockieren.
Die Legende besagt, dass zu diesem Zweck eine Mauer quer über das Tal erbaut wurde. Damit konnte zum einen der Fluss – je nach Erzählung handelte es sich dabei um die Traisen oder um ein kleines Bächlein, den Mausbach – gestaut werden, zum anderen konnte der Posten nun von den Bauern der Umgebung, etwa aus Türnitz und Hohenberg, verteidigt werden. Als nun die osmanischen Truppen tatsächlich bis nach Freiland kamen, sollen sie von den Bauern erfolgreich zurückgeschlagen worden sein. Es waren nicht zuletzt die Wassermassen des aufgestauten Flusses, die den Gegnern zum Verhängnis geworden sein sollen.
Kurz vor der Ortstafel führt heute ein Weg rechts den Berg hinauf, auf dem man zu den Resten der so genannten Türkenmauer kommt. Das massive Rondell mit Schießscharten ist gut erhalten. Anlässlich des dreihundertjährigen Jubiläums wurde auf einem angrenzenden Felsen eine Tafel mit folgendem Text angebracht:
Auf dem Felsen selbst wurde ein Holzkreuz errichtet, offenbar bereits vor dem Jubiläumsjahr, denn Josef Bauer berichtet in seiner 1982 erschienenen Sagensammlung bereits davon. Dieser Version der Legende nach soll es aus der Zeit kurz nach Ende der Kampfhandlungen stammen. In früheren Texten zur Türkenmauer findet sich jedoch kein Hinweis auf das Kreuz.
Eine weitere Tafel, von welcher jedoch weder die Initiatoren noch das Datum ihrer Enthüllung bekannt ist, befindet sich direkt an der Mauer. Der Text stellt einen Bezug zum Stift Lilienfeld her:
Von einer historischen Randnotiz zu Bächen voller Blut
Auf der einen Seite ist die Geschichte von der Mauer, an der die Bauern die osmanische Übermacht zurückgeschlagen haben, Teil des regionalen Sagenfundus (vgl. Thalhammer 1963: 174; Bauer 1982: 148f.). Damit verbunden sind manch eine Ausschmückung und martialische Formulierung wie jene vom in Freiland geborenen Heimatdichter Hans Thalhammer: „[...] es gab ein schreckliches Tosen, in dem die Schreie der Asiaten untergingen.“ Und Josef Bauer schrieb: „Das Blut floß so stark, daß das Bächlein vom Berge her – vom Blut übervoll – aus seinen Ufern trat; damals nannten sie das Mausbächlein Blutbächlein.“ (Bauer 1982: 148)
Auf der anderen Seite wird in allen Texten, in denen auf Freiland Bezug genommen wird, kein Zweifel am wahren Kern der Geschichte angemeldet. Der Abt des Lilienfelder Stifts Ambros Becziczka war 1825 wohl einer der ersten, die die Mauer in Freiland mit dem Jahr 1683 in Zusammenhang brachten. In seiner „Historischen und topographischen Darstellung von Lilienfeld und der Umgegend“ geht er jedoch nur ganz am Rande darauf ein. Auch in späteren Darstellungen wird die Geschichte nicht weiter ausgeschmückt (vgl. Treuenfest 1866: 90; Tobner 1883: 32).
Etwas ausführlicher geht der Autor eines Artikels in der katholisch-konservativen, antisemitischen St. Pöltner Zeitung darauf ein: Er schildert zuerst die geografische Lage Freilands und erwähnt Abt Matthäus, der „diese wilden Horden siegreich zurück“ trieb und schreibt dann zur Mauer:
In weiterer Folge erwähnt der Autor, dass „Millionen von Wanderern“ danach gefragt hätten, wie der Ort zu diesem Namen kam, worauf man ihnen die Geschichte von der Türkenmauer erzählt habe. Doch woher kommt diese Verbindung des Namens mit einer historischen Begebenheit, die in dieser Form schriftlich noch nicht da war? Der Anlass, sie niederzuschreiben, war die Umbenennung der seit 1893 bestehenden Eisenbahnstation von Freiland in Türnitz. Für den Autor gefährdete die Namensänderung die Identität des Ortes wie die seiner Bewohner:
Als die Namensänderung wenige Jahre später im Zuge der Vorarbeiten einer von Freiland nach Türnitz führenden Stichbahn rückgängig gemacht wurde, druckte die St. Pöltner Zeitung ein Jubelgedicht des Lilienfelder Paters Gerhard Schirnhofer ab, welches der Autor Abt Kolweiß widmete:
Später wurde die Geschichte von der Abwehr der Türken bei Freiland unter anderem von dem schon genannten Hans Thalhammer aufgegriffen. In einer recht freien Darstellung der Ereignisse des Jahres 1683 in Lilienfeld anlässlich des 250. Jahrestages hebt er vor allem die Leistung der die Mauer verteidigenden Bauern hervor:
Einige Jahre später veröffentlichte die Lilienfelder Bezirkszeitung eine Erzählung Thalhammers als Fortsetzungsroman. In „Arno, der Wildheuersohn. Ein österreichischer Heimatroman“ schildert der Autor ausführlich den Kampf zwischen den Bauern und den heranstürmenden osmanischen Soldaten an der Mauer in Freiland (Lilienfelder Bezirkszeitung 1.6.1951–15.8.1952).
In jüngerer Zeit fand die Türkenmauer vermehrt auch in wissenschaftlichen Arbeiten Erwähnung (z.B. Überlacker 1983: 302; Mussbacher 1975: 44). Einen Beleg dafür, dass diese Mauer, deren Reste noch heute zu sehen sind, tatsächlich 1683 zur Abwehr der Osmanen erbaut wurde, bleiben die Autoren jedoch schuldig. Im frühesten Text über die Verteidigung Lilienfelds vom aus Schlesien stammenden Pater und Küchenmeister Wilhelm Hessel (deutsche Übersetzung in Fritz 2005), der zur Grundlage vieler späterer Darstellungen wurde, wird Freiland nicht erwähnt. Hessel schreibt vielmehr davon, dass die gegnerischen Truppen „völlig unerwartet“ auftauchten (Fritz 2005: 112). Es ist schwer vorzustellen, dass in dieser kurzen Zeit eine so massive Mauer errichtet werden konnte, die der Autor nicht einmal erwähnte. Abgesehen davon ist zu lesen, dass zwar Straßen und Pässe gesperrt wurden, die feindlichen Soldaten konnte das jedoch nicht aufhalten:
Auch die Inschrift eines Votivbildes, das die Gemeinde Türnitz im Juni 1684 der Kirche in Sonntagberg stiftete, erwähnt mit keinem Wort die Mauer bei Freiland (Überlacker 1968: 94).
Es ist daher sehr fraglich, ob diese Mauer tatsächlich im Jahr 1683 erbaut wurde oder ob sie überhaupt eine Rolle im Kampf gegen den osmanischen Gegner gespielt hat. Ebenso muss offen bleiben, welchen anderen Zweck sie hatte. Es kann nur gesagt werden, dass sie als Erinnerung bestimmte Funktionen in der jeweiligen Gegenwart erfüllte: Sie konnte im Konflikt um den Namen des Heimatortes und zur Stärkung der lokalen Identität ebenso eingesetzt werden wie zur Betonung bäuerlichen Kampfgeistes. Nicht zuletzt eignet sich die Geschichte auch dafür, den Schrecken anderer historischer Ereignisse zu verdeutlichen, wenn auf einer St. Pöltner Informations- und Reklame-Website die Erzählung mit folgender Anmerkung der Autorin endet:
Literatur
Bauer, Josef (1982): Die Türken in Österreich. Geschichte Sagen Legenden. St. Pölten.
[Becziczka, Ambros (1825 [2003]):] Historische und topographische Darstellung von Lilienfeld und der Umgegend; mit besonderer Rücksicht auf Pfarren, Stifte, Klöster, milde Stiftungen und Denkmähler. Herausgegeben von einigen Freunden der Geschichte (= Topographie des Erzherzogthums Oesterreich, oder Darstellung der Entstehung der Städte, Märkte, Dörfer und ihrer Schicksale; dann der Ruinen, Schlösser, und Edelsitze, und der noch möglichen Reihenfolge ihrer Besitzer; der Lage, und der Erwerbszweige der Ortschaften; des Ursprungs der Stifte, Klöster, Pfarren, Localien, Beneficien und Spitäler, der Denk= und Grabmähler, der merkwürdigen Inschriften, Volkssagen, und Urkunden; Bd. 6). Wien. [Reprint]
Beitraege zur Geschichte der Cictercienser-Stifte (1891) Reun in Steiermark Heiligenkreuz-Neukloster Zwettl Lilienfeld in Nieder- Wilhering und Schlierbach in Ober-Oesterreich Ossegg und Hohenfurt in Boehmen Mogila bei Krakau Szczyrzic in Galizien Stams in Tirol und der Cistercienser-Abteien Marienthal und Marienstern in der koen. Saechsischen Lausitz (= Xenia Bernardina III). Wien. (Online-Version)
Fritz, Sigrid (2005): Das Zisterzienserstift Lilienfeld während der zweiten Wiener Türkenbelagerung. Diplomarbeit. Wien.
Lilienfelder Bezirksbote (17.9.1933): Thalhammer, Hans: Die Türken in Lilienfeld, 1–3.
Lilienfelder Bezirkszeitung (1.6.1951–15.8.1952): Thalhammer, Hans: Arno, der Wildheuersohn. Ein österreichischer Heimatroman, 6.
Müller, Eugen (2011): Becziczka, Ambros. In: Biographia Cisterciensis (Cistercian Biography). Online-Version.
Mussbacher, Norbert (1975): Abt Matthäus Kolweiss von Lilienfeld (1620–1695). Rom.
Riedl-Dorn, Chr. (1991): Schirnhofer, P. Gerhard (Friedrich). In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950. Bd. 10.
St. Pöltner Zeitung (21.10.1897): Freiland, 9f.
St. Pöltner Zeitung (11.1.1900): Schirnhofer, P. Gerhard: Der Trompeter von Freiland, 11.
Thalhammer, Hans (1963): Heimatsagen. In: Heimatkunde des Bezirkes Lilienfeld. Band II. Lilienfeld, 155–191.
Tobner, Paul (1883): Leben und Wirken des Abtes Matthäus III. Kolweiß von Lilienfeld, beschrieben von P. Paul Tobner, Professen dieses Stiftes, aus Anlaß des zweihundertjährigen Jubiläums der im Jahre 1683 glücklich durchgeführten Vertheidigung Lilienfeld’s gegen die Türken. Brünn.
Treuenfest, [Gustav Amon] Ritter von (1866): Die Türken vor Lilienfeld. In: Der Pilger. Illustrirter Kalender für das katholische Volk. Dritter Jahrgang. Herausgegeben von Dr. Anton Kerschbaumer. Wien, 90–98.
Überlacker, Franz (1968): Sonntagberg. Vom Zeichenstein zur Basilika. Sonntagberg.
Überlacker, Franz (1983): Das Türkenjahr 1683 in Sonntagberger Votivbildern. In: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich. Jg. 54, Heft 4, 296–304.






