Freyung 6A , Karte
Text: Martina Bogensberger, Johannes Feichtinger, Johann Heiss
Ernst Rüdiger von Starhemberg, der zwischen 1993 und 1997 durch die mit seinem Namen gezeichneten Bekennerschreiben einer Briefbombenserie zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt ist, wird ein großer Anteil an der Verteidigung Wiens vor dem Angriff der Osmanen 1683 zugeschrieben. Der barocke Epitaph im Hauptschiff der Schottenkirche zeigt eine der wenigen Darstellungen eines ‚Türken‘ als ‚wilden’ und ‚unzivilisierten‘ Barbaren.
In der Schottenkirche befindet sich ein Epitaph für Ernst Rüdiger Graf Starhemberg, dem kaiserlichen Verteidiger Wiens im Jahr 1683. Das Grabdenkmal im Kirchenschiff wurde angeblich um 1725 nach einem Entwurf von Joseph Emanuel Fischer von Erlach, dem Sohn des berühmten Barockbaumeisters Johann Bernhard Fischer von Erlach, entworfen (vgl. Czeike 1997: 138). Der Starhemberg-Epitaph schwebt im Hauptraum der Schottenkirche etwa einen Meter über dem Boden und ist etwa vier Meter hoch.
Die oberste Stelle des Starhemberg-Epitaphs nimmt die Fama (Ruhm) ein, die mit der rechten Hand einen Lorbeerkranz auf das Haupt der als Frau dargestellten, trauernden Vindobona setzt. In Entsprechung zur Darstellung von Stadtgottheiten in der Antike ist Vindobonas Kopf mit einer Mauerkrone geschmückt, aus deren Mitte ursprünglich der Turm des Stephansdoms herausragte. In der rechten Hand hält Vindobona einen Schild mit dem Relief-Portrait von Starhemberg.
Zur linken Seite Vindobonas vervollständigen Genien, Waffen, Rossschweife und andere Trophäen, rechts ein gefesselter Türke das Denkmal (vgl. Litschauer 1933: 26–29; Scheidl 1908: 94f., Anm. 1; Czeike 1997: 137ff.).
Der Türke ist durch Haartracht und Bart und durch die Verwendung eines dunklen Steins als solcher sofort erkennbar. Als Kleidung trägt er ein loses Tuch, das ihn nur teilweise verdeckt: Das könnte man als Nacktheit und damit als Zeichen von Primitivität deuten.
Die fast lebensgroße Vindobona steht auf einem Stein, der eine längere lateinische Inschrift trägt (Litschauer 1933: 27), die in Übersetzung lautet (Stift Schotten 1883: 4–5; vgl. auch Litschauer 1933: 29f.):
In Österreich gibt es eine Anzahl von Darstellungen, die Türken als Barbaren abbilden. Von diesem auf spezielle Art abwertenden Türkenbild vermitteln neben dem Starhemberg-Epitaph u.a. folgende Kunstwerke die einen beispielhaften Eindruck: die Statuette des über einen Türken reitenden Kaisers Leopold I. von Matthias Steinl (nach 1690) im Wiener Kunsthistorischen Museum; das Deckenfresko im Augustiner-Chorherrenstift St. Florian von Martino und Bartolomeo Altomonte, das Kaiser Karl VI. triumphierend über einen niedergestreckten Türken abbildet (1722–1724) sowie die Darstellung auf der Kapistrankanzel an der Außenseite des Stephansdoms, die den Franziskanerpater Giovanni da Capistrano auf einen liegenden Türken stehend zeigt (1738). Auffallenderweise wurden diese Arbeiten innerhalb eines halben Jahrhunderts nach der zweiten Wiener Türkenbelagerung angefertigt.
Literatur
Bandion, Wolfgang (1989): Steinerne Zeugen des Glaubens. Wien.
Czeike, Felix (1997): Historisches Lexikon Wien. Band 5. Wien.
Czeike, Felix (1983): Wiener Bezirkskulturführer Innere Stadt. Wien.
Kortz, Paul (1906): Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts. Wien.
Litschauer, Gottfried (1933): Das Wiener Schottenstift und das Türkenjahr 1683. Klosterneuburg.
Rapf, Cölestin Roman (1974): Das Schottenstift. Wien.
Rist, Matthias (21997): Schottenkirche Wien. Abtei- und Pfarrkirche Unserer Lieben Frau. Regensburg.
Scheidl, Franz (1908): Denkmale und Erinnerungszeichen an die Türkenzeit in Wien. Wien.
Stift Schotten (1883): Die Kirche unserer lieben Frau zu den Schotten in Wien und der neue Hochaltar welcher zur dankbaren Erinnerung an die vor zweihundert Jahren erfolgte Rettung Wiens am Feste Maria Namen 1883 geweiht wurde. Wien.
Telesko, Werner (2008): Kulturraum Österreich. Die Identität der Regionen in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts. Wien/Köln/Weimar.
Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.
Vaelckeren, Johann Peter von (1683): Vienna à Turcis Obsessa à Christianis Eliberata: Sive Diarium Obsidionis Viennensis, Inde à sexta Maii ad decimam quintam usque Septembris deductum.
Vaelckeren, Johann Peter von (1684): Wienn Von Türcken belägert/ Von Christen entsezt. Das ist: Kürtzliche Erzehl- und Beschreibung alles dessen/ was sich vor- in- und nach der grausamben Türckischen Belägerung der Kayserlichen Residentz Statt Wienn in Oesterreich Anno 1683. vom 6. Maii an/ biß 19. Septembris von Tag zu Tag denckwürdigs zugetragen. Linz.
Zeissberg, Heinrich von (1888): Historische Uebersicht. In: Wien 1848–1888. Denkschrift zum 2. December 1888, hg. vom Gemeinderathe der Stadt Wien. Band 1. Wien, 1–106.






