Text: Silvia Dallinger, Marion Gollner
Der Kapuzinermönch Marco d’Aviano (Bürgerlicher Name: Carlo Domenico Cristofori) wurde 1631 in der norditalienischen Gemeinde Aviano geboren und war nach seiner Aufnahme in den Kapuzinerorden als Bußprediger, Missionar und Diplomat tätig. Kaiser Leopold I. ernannte ihn zu seinem persönlichen Berater und Seelsorger. Im Zuge der Zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 soll er in seiner Funktion als päpstlicher Legat die christlichen Heeresführer geeint und die Soldaten mit erhobenem Kreuz im Kampf gegen die Osmanen angefeuert haben. Seither gilt er als ‚Beschützer und Retter des Christentums‘. Erst im Jahr 2003 wurde Marco d’Aviano nach einem langwierigen und nicht unumstrittenen Prozess selig gesprochen. Eine überlebensgroße Bronzestatue vor der Kapuzinerkirche in der Wiener Innenstadt (Bild) erinnert noch heute an den einflussreichen Prediger und politischen Berater der Barockzeit.
Zum Märtyrer berufen
Marco d’Aviano wurde am 17. November 1631 in Aviano (Friaul) als Carlo Domenico Cristofori geboren und wuchs als drittes von insgesamt elf Kindern in einer wohlhabenden Familie auf. Später besuchte er das Jesuitenkolleg in Görz. Schon mit 17 Jahren wollte sich d’Aviano heimlich am Krieg um Candia (heute: Iraklio, Kreta) zwischen der Republik Venedig und dem osmanischen Heer beteiligen und war bereit, als Märtyrer für seinen Glauben zu sterben. Hunger und Erschöpfung zwangen ihn jedoch bereits in der Hauptstadt Istriens, Capo d’Istria (heute: Koper), aufzugeben. Dort ansässige Kapuziner nahmen ihn auf und schicken ihn in seine Heimat zurück.
Beeindruckt von diesem Erlebnis trat der damals 17-Jährige am 21. November 1648 selbst dem Kapuzinerorden bei, um in der Rolle des Predigers und Seelsorgers als Apostel und Märtyrer zu wirken. Nachdem er einige Jahre Theologie und Philosophie studiert hatte, wurde er am 18. September 1655 zum Priester geweiht, erhielt aber erst im September 1664 die Erlaubnis zu predigen. Seine Predigten in lateinischer oder italienischer Sprache waren von der Anbetung Mariens und dem Wunsch geprägt, die Menschen zur Rückkehr zum Glauben sowie zur Reue und zur Buße ihrer Sünden zu bewegen.
Wundersame Heilungen
Die Predigten Marco d’Avianos sollen von Massenbekehrungen und ‚Wundern‘ begleitet gewesen sein: Der Legende nach ereignete sich die erste einer Serie von ‚Wunderheilungen‘ am 18. September 1676, als Marco d’Aviano im Stift San Prosdocimo in Padua die seit 13 Jahren gelähmte Schwester Vincenza Francesconi durch seine Gebete und seinen Segen geheilt haben soll. Der Überlieferung zufolge heilte er auch den „hoffnungslos kranken“ Karl V. von Lothringen im Jahr 1682.
‚Wunder‘ wie diese machten ihn weit über Italiens Grenzen hinaus bekannt. So predigte er bald auch in Österreich, Böhmen, der Schweiz, Frankreich, Belgien, den deutschen Fürstentümern und den Niederlanden vor tausenden Menschen, obwohl er die jeweiligen Landessprachen nicht beherrschte, sondern nur Latein und Italienisch sprach:
„Obwohl nur durch Dolmetscher vermittelt, wirkte sein Wort – der ganze Mann war eine einzige Predigt“ (Brandmüller 10.05.2003).
,Ick kann nit deutsch‘, leitete P. Marco seine lateinischen und italienischen Volkspredigten ein, die seine Zuhörer doch unter der Gewalt seiner geistlichen Größe und Persönlichkeit und seiner Gesten ebenso ergriffen, als hätten sie alles Wort für Wort verstanden. […] In München folgte [1680] – um nur ein Beispiel von hunderten zu nennen – einer einzigen Predigt die Fülle von 117 Heilungen, die hier sofort authentisch verzeichnet wurden. (Grauer et al. 1933: 9)
Der intimste Ratgeber des Kaisers
Im September 1680 traf Marco d’Aviano zum ersten Mal mit Kaiser Leopold I. in Linz zusammen. Der Kapuzinermönch wurde daraufhin bald zu seinem freundschaftlichen Berater und Seelsorger: „Pater Markus war der intimste Ratgeber des Monarchen, Vertrauter in all seinen Geheimnissen, sein Seelenvater“ (Klopp 1888, zit. nach: Feigl 1993: 64).
Nur eine Persönlichkeit wie Marco d’Aviano konnte und durfte dem Kaiser gegenüber diejenige Schwäche andeuten, an welcher dieser litt. Wir sehen die Art und Weise, in welcher es geschah und zugleich, in welcher es aufgenommen wurde, aus den eigenen Worten des Kaisers: ‚O wie sehr zur rechten Zeit‘, ruft er [in einem Schreiben an Aviano vom 5. September 1682] aus, ‚kommen mir die väterlichen Mahnungen Ew. Hochwürden, und gewiß will ich mit aller Kraft mich bemühen, meine Unterlassungssünden zu erkennen und besser meine so schwere Pflicht zu erfüllen. Aber Ew. Hochwürden wissen auch, daß es nicht leicht ist, daß ich allein stehe, daß es unmöglich ist, alles wissen zu können. Und dazu muß ich meine Schuld aussprechen, daß ich von Natur nicht wenig mich zum Zweifel und zur Unentschlossenheit neige, daß ich es nicht verstehe, sofort mich an kraftvolle Entschlüsse zu halten. Dessen ungeachtet werde ich Ihre so väterlichen Rathschläge befolgen, und, wenn ich es bisher nicht gethan habe, so werde ich es fortan ohne Aufschub thun, wie ich auch bereits Sorge getragen habe, einige derselben ins Werk zu setzen. Aber auch zu diesem Ende bedarf ich Ihrer heiligen Fürbitte.‘ (Klopp 1882: 257)
Darüber hinaus pflegte d’Aviano enge Freundschaften mit Karl V. von Lothringen, Jan III. Sobieski und König Karl II. von Spanien. Zur Zeit der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 wurde er päpstlicher Legat und hatte damit eine Doppelfunktion als Diplomat und Prediger inne.
Marco d’Aviano eint das Entsatzheer
Seine diplomatischen Fähigkeiten stellte Marco d‘Aviano erstmals während eines Kriegsrats im Hardegg’schen Schloss Juliusburg in Stetteldorf am Wagram bei Tulln am 3. September 1683 unter Beweis. Dort vermittelte er zwischen Karl V. von Lothringen und Jan III. Sobieski in der Streitfrage, wer von beiden den Oberbefehl über das Entsatzheer führen sollte. Der Überlieferung nach schaffte es der Kapuzinerpater, die Differenzen zugunsten des Polenkönigs beizulegen und damit ein rasches und gemeinsames Handeln der Verbündeten Österreichs zu ermöglichen.
In einem Brief Marco d’Avianos an den Kaiser heißt es:
Eu. Majestät weiß, dass ich bei der Belagerung Wiens so große Gnade von Gott hatte, zu bewirken, dass die Hilfe wenigstens um 10 Tage früher, als es sonst geschehen wäre, erfolgte, dass, wenn nur 5 Tage gezögert worden wäre, Wien vielleicht in die Hände der Feinde gefallen wäre. Zweimal beruhigte und besänftigte ich den König von Polen, der aus vielen Ursachen auf’s höchste verstimmt war, und bewog ihn mit allem Eifer sich an die Befreiung von Wien zu machen, die dann mit Gottes Hilfe rühmlichst erfolgte. (zit. nach: Hemberger 1896: 29)
‚Er hat nicht wenig beigetragen‘, meldet der Botschafter Contarini von seiner Kenntniß aus, ‚die Verzögerungen abzuschneiden, die Eifersucht zu beschwichtigen, die dem ersehnten und nothwendigen Entsatze der Stadt hemmend im Wege standen.‘ (Bericht Contarinis vom 26. September 1683, zit. nach: Klopp 1882: 298)
Am 8. September feierte Marco d’Aviano anlässlich des Festes Mariä Geburt bei Tulln eine Messe – für ihn der ideale Anlass, „um sich mit den inbrünstigen Bitten für einen erfolgreichen Angriff auf die Türken an die seligste Jungfrau wenden zu können“ (Sachslehner 2006: 261). Er feierte die Messe mit großen, dramatischen Worten und Gesten im Zelt des Polenkönigs Sobieski, der ministriert haben soll und über dem Altar eine Kopie des berühmten Marienbildes der „Schwarzen Madonna von Tschenstochau“ anbringen ließ. D’Aviano war in seiner „Ermahnungsrede“, die er mit erhobenem Kreuz an die bei Tulln stationierten Truppen gehalten haben soll,
Um die Soldaten zur vollkommenen Reue ihrer Sünden zu motivieren, soll er selbst immer wieder die Worte gerufen haben: „Ich habe gesündigt, ich habe gesündigt, Barmherzigkeit, o Herr!“ (vgl. ebd.). Sein starker Glaube und seine mitreißenden Predigten sollen schließlich die Truppen in Begeisterung versetzt, ihren Mut gestärkt und so zum Sieg verholfen haben.
In einem Brief an seine Frau beschrieb Sobieski am Tag nach der Messe Marco d’Aviano wie folgt: „Er ist wahrlich ein mit dem Herrgott verbundener Mensch, nicht primitiv und nicht bigott“ (zit. nach: Zeller 1981: 25). Sobieski berichtete auch darüber, wie der Kapuzinermönch ihm in einer halbstündigen Audienz erzählte, „was er mit dem Kaiser privat gesprochen hatte, wie er warnte, ermahnte und darlegte, warum der Herrgott diese Länder hier straft“ (ebd.). Den Worten d’Avianos zufolge personifizierten ‚die Türken’ den Zorn Gottes gegen die Sünder. Zum Kaiser soll er gesagt haben:
Der Überlieferung nach las Marco d’Aviano auch am frühen Morgen des 12. Septembers 1683, dem Tag der Entsatzschlacht, eine Heilige Messe, bei der ihm Sobieski neuerlich ministriert haben soll. Auch sein Sohn Jakob soll zum Prinzen geschlagen worden sein. Die bis heute erinnerte Messe soll d’Aviano nicht mit den sonst üblichen Worten „Ite missa est“ („Gehet hin in Frieden“) geschlossen haben, sondern mit den prophetischen Worten „Joanne vinces“, also „Johann, du wirst siegen”. Jüngere Autoren und Autorinnen bezweifeln jedoch sowohl den Ort der Messe als auch Sobieskis Anwesenheit (s. z.B. Tomenendal 2000; Sachslehner 2006).
Zum Abschluss der Messe soll d’Aviano die Truppen mit dem Ausruf „Maria hilf!“ und einem persönlichen Gebet in die Schlacht entlassen haben. Eine erhalten gebliebene flämische Übersetzung des Gebets soll sich heute im Kapuziner-Generalat in Rom befinden (Krautsack/ Mayerl 1999: 68f.):
Die Rolle Marco d’Avianos während der Schlacht wurde z.B. vom venezianischen Gesandten Domenico Contarini geschildert, der dem Senat am 26. September 1683 folgendes schrieb:
Der zwischen 1891 und 1906 amtierende Benefiziat der St. Josefskirche am Kahlenberg Josef Hemberger weiß folgendes von der Schlacht zu berichten:
Mittler zwischen den christlichen Mächten
In den Jahren nach der Zweiten Wiener Türkenbelagerung setzte sich Marco d’Aviano weiterhin für die Einheit der christlichen (v.a. der katholischen) Mächte in Europa ein. Er vermittelte vor allem zwischen Frankreich und dem Kaiserreich, um im Falle einer weiteren Bedrohung durch das Osmanische Reich gemeinsam vorgehen zu können. So sei der zwanzigjährige Waffenstillstand, der am 16. April 1684 mit Frankreich geschlossen wurde, auch dem Einfluss Marco d’Avianos zu verdanken gewesen. In dieser Vermittlerposition besuchte er mindestens vierzehn Mal den kaiserlichen Hof in Wien.
Bis 1689 beteiligte sich d’Aviano als Prediger und Seelsorger auch aktiv an den späteren Feldzügen gegen die Osmanen, wie etwa der Rückeroberung von Ofen 1686 und der Rückeroberung Belgrads 1688, das allerdings 1690 wieder verloren ging. Mit hocherhobenem Kreuz soll er den Soldaten ‚vorangestürmt’ sein und sie durch seine Predigten motiviert und angefeuert haben.
Mit Zähigkeit, Ausdauer und manchmal mit Erbitterung bekämpfte er die immer neuen Zwistigkeiten und Mißstände im Christenheer, besonders Korruption und Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. (Mayerl 2005)
In Belgrad soll d’Aviano als „Verfechter der Menschenrechte“ (Lazaristen) 800 türkische Gefangene durch sein persönliches Eingreifen vor dem Tod bewahrte haben.
Darüber hinaus versorgte Marco d’Aviano Kaiser Leopold I. mit Analysen der Schlachten und Vorschlägen moralischer, militärischer und taktischer Natur. So forderte er beispielsweise Gehaltskürzungen für die Befehlshaber im Militärlager wie im Hofstaat und den Ministerien, um dadurch gerechteren Sold für die Truppen zu ermöglichen. Desweiteren widmete er sich Fragen der Feldseelsorge. In militärischer und strategischer Hinsicht machte er dem Kaiser Vorschläge in Hinblick auf Ausrüstung, Waffen, Verpflegung, Befehlsstrukturen und der Überwachung der militärischen Disziplin sowie Anregungen für die strategische Planung der bevorstehenden Schlachten.
Nach dem Sieg über die osmanischen Truppen in Belgrad kehrte d’Aviano nach Italien zurück, um dort dem Kapuzinerkonvent in Padua beizutreten.
Am 13. August 1699 starb Marco d’Aviano im Wiener Kapuzinerkloster in Gegenwart von Kaiser Leopold I. und Kaiserin Eleonora, versehen mit einem päpstlichen Fernsegen, der ihm vom päpstlichen Nuntius Andrea Sante Croce am 12. August übermittelt worden war. D’Avianos Grabmal befindet sich in der Kapuzinerkirche.
Literatur
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