Der dynamische Stadtumbau der Spätgründerzeit brachte in den Wiener Vorstädten einen neuen Gebäudetyp hervor: Straßenhöfe sind eine unterschätzte Anomalie in den ausgedehnten Blockrandvierteln des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Beim Straßenhof, der gehäuft ab etwa 1900 in Erscheinung tritt, ist die Straßenfront durch eine „kurze, sackartige, nicht selten durch ein Gittertor abgeschlossene Privatstraße eingebuchtet. Er erinnert in seinen Dimensionen an die Großwohnbauten der älteren Zeit und nimmt in manchem die architektonische Gestaltung der ersten Gemeindebauten vorweg“ (Bobek/Lichtenberger 1978, 107).
Der Straßenhof wurde entwickelt, um die besser vermarktbare Straßenfront zu maximieren, d.h. die Zahl der straßenseitigen Wohnräume, insbesondere der begehrten Eckzimmer zu erhöhen. Gleichzeitig wird durch monumentale Fassadenordnung, Symmetrien und das traditionelle Hoheitsmotiv des Ehrenhofs architektonische „Adressbildung“ betrieben. Der Straßenhof ist ein ambivalentes soziales Stadtphänomen: Er bewirkt schon innerhalb der kleinsten Einheit eines Stadtkörpers, der Parzelle eines Häuserblocks, eine Art „Regulierung“. Gleichzeitig trägt er zur Regulierung des öffentlichen Straßenraums bei, indem er aus Eigeninitiative neue Verkehrs- und Grünräume schafft. Da er aber privat finanziert wird, kann er genau dadurch eine Segregation bewirken, die Bevölkerungsteile ausschließt, indem Straßenzüge z.B. visuell und/oder durch physische Barrieren abgegrenzt werden.
Obwohl sich in einer ersten Erhebung im heutigen, quantitativ bereits deutlich reduzierten Baubestand etwa 80 Ensembles mit insgesamt 3,5 km Straßenlänge finden lassen, wird der Straßenhof in der Regel bei der Behandlung des „Wiener Zinshauses“ bzw. Gründerzeithauses oder „Wohnhofs“ übergangen. Er gilt in der Literatur als typologische „Sackgasse“ (Bobek/Lichtenberger 1978, 214) – sowohl in formal-genealogischer wie semantischer Hinsicht. Zwar ist ein guter Teil der Gebäude in den gängigen (bau)kunsthistorischen Topographien oberflächlich erfasst. Einige Anlagen sind ob der Bekanntheit der Architekten (z.B. Oskar Marmorek: Gebhartgasse 6; Max Fabiani: Lehargasse 9-11) in Monographien und Werkverzeichnissen zu finden. Die bautypologische Erfassung des Bestandes aber fehlt bislang genauso wie seine architektur- und kunsthistorische Analyse und Einordnung.
Nach wie vor fehlt der Straßenhof auch weitgehend in der Genealogie des kommunalen Bauprogramms 1919–1934 sowie nach 1945. Das ist erstaunlich, weil sich seine Rezeption und Weiterentwicklung nicht nur in Baumassendisposition und Motivik einer Vielzahl von Wohnanlagen, sondern auch in zahlreichen Publikationen des Roten Wien nachweisen lässt. Diesen Hinweisen wurde ebenso wie den formalen und funktionalen Parallelen zu französischen (cours und passages) oder zentraleuropäischen Bautypen (z.B. Privatstraßen in Budapest, Graz oder Wien) bislang nicht nachgegangen.
Hypothesen und Ziele
Der Wiener Straßenhof der Spätgründerzeit ist
• aufgrund seiner relativen Häufigkeit ein bis heute stadtbildprägendes Element,
• ein bislang unerforschtes Experimentierfeld des Späthistorismus mit einer Reihe von Sonderthemen und -motiven (Baukörpergliederung, Freiräume etc.) und
• bebauungs- und wohnbautypologisch ein wichtiges Bindeglied zwischen älteren Raumfiguren bzw. Bautypen (Wohnhof/Durchhaus/Ehrenhof etc.) und dem Reformblock 1890–1940 – mit Auswirkungen bis in die Gegenwart.
Zur Schließung der Forschungslücke Straßenhof will das Projekt
• zum ersten Mal einen Überblick der bis 1914 in Wien gebauten Ensembles zusammenstellen,
• daraus eine städtebauliche und architektonische Chronologie und Typologie entwickeln,
• auf dieser Basis markante Beispiele auswählen und genauer analysieren, beispielsweise hinsichtlich Kontext und Bauplatz, Autorenschaft, Motivik etc.,
• Thesen für die Einordnung des Straßenhofs in die größeren architekturhistorischen Entwicklungslinien, zumal in Richtung Wohnbaureform und Rotes Wien, entwickeln,
• den Straßenhof als Experimentierfeld für die Aushandlung von Öffentlichkeit analysieren (Grundabtretungen, Ausnahmen von Bauordnungsbestimmungen, Privatstraßen als Bestandteil des Wegenetzes und der Grünversorgung etc.).
Literatur
Kontakt
Dr. Richard Kurdiovsky (Projektleitung)
DI Mag. Phil. Dr. techn. Friedrich Hauer
Laufzeit
November 2025 bis Oktober 2026
Finanzierung
Stadt Wien, MA 7 – Kultur-, Wissenschafts- und Forschungsförderung