Den räumlichen Rahmen der Städte, Dörfer und Landschaften, in denen wir heute leben und uns bewegen, prägten die architektonischen Entwicklungen und Baumaßnahmen des 19. Jahrhunderts ganz besonders. Die Gegebenheiten unserer heutigen Lebensumwelt besser zu verstehen, ermöglicht uns die architekturhistorische Forschung. 

Ein wissenschaftlicher Schwerpunkt des Forschungsbereichs Kunstgeschichte liegt auf der Architekturforschung. Da gerade Architektur nie ohne räumlichen Zusammenhang existieren kann und wegen ihrer vergleichsweise hohen Entstehungskosten immer eine relativ große Zahl an Akteur:innen voraussetzt, geht es hier automatisch auch um u.a. stadträumliche (oder ländliche), kulturhistorische und soziale Zusammenhänge. Das zeitliche Spektrum erstreckt sich von Klassizismus und Vormärz über die Hochphase des Historismus in der zweiten Hälfte des 19. bis hin zur Moderne in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Dieser lange Betrachtungszeitraum erlaubt es, Tendenzen und Entwicklungsstränge über traditionelle Epochenbegriffe hinweg in der longue durée aufzuzeigen. Dies betrifft Konstanten, wie die Abwicklung der Agenden der Bauverwaltung oder die lange Dauer, bis die Ideen der Aufklärung wirklich umgesetzt werden bzw. wie lange sie Gültigkeit behalten. Andererseits verändern sich die Bedingungen, unter denen Architektur entsteht, etwa durch eine zunehmende Verwissenschaftlichung des Lebens (hinsichtlich Baukonstruktionen ebenso wie hinsichtlich der Kenntnis um historische Vorbilder) oder durch die massiven ökonomischen und sozialen Veränderungen gerade der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Blick über historische Grenzen hinweg zeigt schließlich, dass die vielfältigen Ausprägungen der Moderne vor 1914 deutlich jene Schritte markieren, die in der Baukultur der Zwischenkriegszeit münden.

Örtlich liegt der Ausgangspunkt in der Stadt Wien, die in diesem Zeitraum unter den Einflüssen internationaler, vor allem westeuropäischer Entwicklungen zur Metropole heranwächst und als Hauptstadt im weltweiten Rahmen der allgemeinen Großstadtwerdung zum zentralen Schauplatz architektonischer und gesellschaftlicher Entwicklungen in Cis-Leithanien wird. Sie steht dabei nicht nur in einem engen Beziehungsgeflecht zu den unmittelbar umliegenden Regionen, sondern auch zu den benachbarten Ländern innerhalb der Habsburgermonarchie und den angrenzenden Staaten Zentraleuropas.

Die konkreten Forschungsthemen gruppieren sich aktuell um das zentrale Phänomen des staatlichen Bauwesens am Beispiel der Habsburgermonarchie wie das aktuelle bilaterale Forschungsprojekt „Invisible Agents“. Neben institutionsgeschichtlichen und personenbezogenen Forschungen, die auch die Untersuchung von Ausbildungssystemen für Architekt:innen berücksichtigen – wie dem architektenmonographischen Projekt zu Pietro Nobile – wird Architektur u.a. als formales Objekt in ihrem visuellen Kontext sowie funktional als Teil von Bautypologien untersucht. Methodisch werden objekt- und architektenmonographische Forschungen immer in verschiedene relevante Kontexte gesetzt. Dazu gehören Fragen nach der Bedeutung gesetzlicher Grundlagen (wie Bauordnungen für die formale Gestaltung von Architektur und ihrer städtebaulichen Aspekte), den Nutzungen und ihren sozio-funktionalen Auswirkungen (etwa im Projekt zu Gesundheitsarchitekturen in Wien) sowie den Bedingnissen urbaner Konstrukte und den Phänomenen der Regionalität oder des Vernakularen.