Glasmalereiforschung in Österreich vom Mittelalter bis in die Gegenwart
Die Kunstgattung Glasmalerei gehört mit der Wandmalerei zu den wichtigen Zweigen der Monumentalmalerei. Aufgrund ihres materialbedingten Verbandes mit der gebauten Architektur zählt sie zu den bedeutenden medialen Bildträgern in Sakral- und Profanbauten seit dem Mittelalter. Dank der großen Flächen, die Fenster insbesondere in Kirchenräumen in der Regel einnehmen, wurden über die Glasmalerei oft nicht nur einzelne Bilder oder Szenen dargestellt, sondern den Betrachter:innen ganze Zyklen mit bestimmten Ikonographien (Heiligenviten, theologische Glaubensinhalte, Historienbilder) präsentiert, die wie riesige Plakatwände von den Wänden prangten. Seit jeher diente die Glasmalerei somit beinahe allen sozialen Gruppierungen (dem Kaiserhaus, der Kirche, Adeligen und Bürger:innen) als attraktives Instrument in der Vermittlung von religiösen, gesellschaftlich relevanten oder herrschaftlich-repräsentativen Bildbotschaften.
Seit dem 1. Juni 2022 findet Glasmalereiforschung in Österreich an der ÖAW über das am IHB angesiedelte Langzeitprojekt „Corpus Vitrearum“ statt. Das Projekt wird im Rahmen des internationalen Forschungsvorhabens Corpus Vitrearum durchgeführt, dessen Ziel die gründliche fachliche Erfassung historischer Glasmalereien vom Mittelalter bis in die Gegenwart auf der Grundlage gemeinsamer und verbindlicher Richtlinien ist. Aktuell zählt das Projekt weltweit fünfzehn aktive Mitgliedsstaaten, darunter auch seit 1952 das Gründungsmitglied Österreich. Das Großprojekt ist dem Comité International d'Histoire de l‘Art (CIHA) anvertraut und steht seit 1956 unter der Schirmherrschaft der Union Académique International (UAI).
Das Langzeitprojekt Corpus Vitrearum an der ÖAW fokussiert sich auf die österreichischen Glasmalereibestände vom Mittelalter bis zur Neuzeit, wobei auch dislozierte Objekte in die Bearbeitung fallen, die entweder zu einem späteren Zeitpunkt in internationale Sammlungen abgewandert sind oder von österreichischen Glasmalereiwerkstätten für den europäischen und globalen Markt geschaffen wurden.
Im Fall der Forschungen zur Glasmalerei des 19. und 20. Jahrhunderts stehen aktuell die Glasmalereibestände der Tiroler Glasmalereianstalt in Innsbruck im Fokus der Betrachtung. Dazu gehören vor allem Glasmalereien, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von Innsbruck aus nach Amerika geliefert wurden sowie die Fenster des Linzer Mariendoms (Oberösterreich), die seit 2021 etappenweise im Zuge einer zehnjährigen Großkampagne restauriert werden. Zudem werden wichtige Hauptwerke der Franzensburg in Laxenburg und der Pfarrkirche Wien-Breitensee untersucht. Während die im Auftrag des österreichischen Kaiserhauses geschaffenen Glasmalereien der Franzensburg die so genannte „Wiedergeburt“ monumentaler Glasmalerei in Österreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts markieren, handelt es sich bei den Bildfenstern von Wien-Breitensee um wichtige Werke des österreichischen Historismus, die dem Thema der Pietas Austriaca verpflichtet sind.
In methodischer Hinsicht wird eine Vielzahl historischer und kunsthistorischer Fragestellungen beleuchtet (Baugeschichte, Stifter:innen, historischer Kontext, Künstler:innen, Stil, Datierung und Ikonographie). Die über die Bearbeitung gewonnenen Erkenntnisse zu Fragen der Erhaltung, Materialität und Technik der dokumentierten Kunstwerke liefern unter Berücksichtigung der Archivalien sowie der Analyse künstlerischer Detailformen zugleich einen wichtigen Beitrag für die Praxis der Restaurierung und damit für die österreichische Denkmalpflege. Somit trägt das Projekt auch wesentlich zum Erhalt des kulturellen Erbes Österreichs bei.
Zur Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse nützt Corpus Vitrearum verschiedene Disseminationskanäle. Die untersuchten Standorte und Objekte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, deren Erforschung nach den internationalen Richtlinien des Corpus Vitrearum erfolgt, werden in den Buchreihen von Corpus Vitrearum Medii Aevi (CVMA) und Corpus Vitrearum Neuzeit publiziert, um die Bearbeitung von österreichischer Seite zu einem Abschluss zu bringen. 2024 konnte der sechste österreichische Corpus Vitrearum Medii Aevi–Band zu den mittelalterlichen Glasmalereien der Steiermark (Band VI, 1 und Band VI,2 ) vorgelegt werden.
