Als selbstbestimmte junge Frau machte sich Marie (Maria), geb. Bayer, 1866 auf den Weg nach Mexiko an den Hof von Kaiser Maximilian, wo ihr Mann den Posten des Hofarchitekten bekleidete. „... wegen der Reise fürchte nichts für mich, ich habe Courage für 10, wenn ich weiß, ich darf zu meinem theuren Mann“, ließ sie ihn wissen. So begab sie sich mit ihrem Kleinkind auf eine abenteuerliche Reise über den Atlantik in ein Land, in dem Krieg herrschte.
Maria Johanna Antonia Bayer wurde am 27. April 1843 in Mödling, Niederösterreich, in eine alteingesessene Familie geboren. Ihr Großvater, Anton Bayer, war bereits seit über zwanzig Jahren Bürgermeister des mondänen Städtchens, in dem sich die Wiener Gesellschaft zur Sommerfrische sowie die versammelte Künstlerschaft tummelten. Sein Porträt hat Eduard Ritter, ein erfolgreicher Wiener Maler, 1832 in Öl gemalt.
Sein Sohn Anton Bayer jun. heiratete 1834 standesgemäß in Wien Juliana Scheimpflug, die aus einer vermögenden Mödlinger Familie stammte. Somit waren die besten Voraussetzungen für ein Leben in Wohlstand geschaffen. Anton Bayer jun. wurde Brennholzhändler und ließ 1840 eine zweigeschoßige Villa im Herzen Mödlings erbauen, entworfen vom bedeutenden Architekten Friedrich August von Stache. Dort kam Marie zur Welt.
Die Familie sollte sich allerdings nur wenige Jahre daran erfreuen, denn bereits 1846 musste Anton Bayer jun. das Haus verkaufen. Er hatte beschlossen, den einträglichen Handelsberuf gegen das künstlerische Metier einzutauschen, und in der Folge Schulden angehäuft, sodass die Familie nach Wien ziehen musste. Dort wurden 1847 und 1848 Maries Geschwister Johanna und Joseph geboren. Als Maries Bruder August 1848 und ihre Schwester Cornelia 1851 starben, verblieb ihr von den älteren Geschwistern nur Julius, mit dem sie eine besondere Beziehung verband.
Julius Valentin Anton Bayer (1840–1883) hatte von seinem Vater die Liebe zur Kunst geerbt. Er wurde sechzehnjährig an der Akademie der bildenden Künste in Wien aufgenommen und sollte sich später seinen Traum als akademischer Landschaftsmaler erfüllen. So hatte der Vater der Familie zwar die finanzielle Sicherheit genommen, aber die „Schleusen der Kunst“ geöffnet. In diesem Umfeld lernte Marie ihre große Liebe, Carl Kaiser, kennen, der zu dieser Zeit ebenfalls an der Akademie studierte.
Carl Borromäus Kaiser, der sich ab etwa 1874 Carl Gangolf Kayser nannte, wurde am 12. Februar 1837 in Wien geboren. Sein Vater war Stukkateurmeister mit eigenem Betrieb. 1860 hatte Carl bereits Studien der Malerei und Bildhauerei in Wien und München absolviert. Nun war er Mitarbeiter und (nicht inskribierter) Schüler von Friedrich Schmidt an der Akademie.
Carl und Marie verlobten sich wohl bald, doch Marie, die sich auf das gemeinsame Leben freute, musste noch Jahre auf die Hochzeit warten. Kaiser war beruflich sehr beschäftigt und unternahm zahlreiche Reisen, die ihn bis nach New York führten. Am 21. November 1863 heirateten die beiden in Kaltenleutgeben bei Wien. Trauzeuge war Dombaumeister Friedrich Schmidt – später Oberbaurat Freiherr von Schmidt und Architekt des Wiener Rathauses.
Im August 1864 kam ihre Tochter Marianne zur Welt. Doch bereits im Februar 1865 erreichte auf Empfehlung von Schmidt eine Einladung den ehrgeizigen Carl. Architekt Ritter von Essenwein suchte einen organisatorisch veranlagten, unerschrockenen Bauleiter mit Aussicht auf die Stellung eines Hofarchitekten im Auftrag Seiner Majestät Kaiser Maximilians von Mexiko.
Carl Kaiser traf seine Entscheidung schnell und war schon im März 1865 mit dem letzten Transport des Freiwilligenkorps unterwegs nach Mexiko. Marie, die gern mitgefahren wäre, schrieb ihm: „Ach könnt ich nur mit Dir, da wollte ich Dir alle Mutlosigkeit wegfangen, und wir wollten mit einer solchen Siegesmiene dort anlangen, dass man von uns gezwungen würde zu sagen: Sie kamen, sahen und siegten."So aber blieb sie mit der erst sechs Monate alten Marianne in Wien zurück. Es sollte fünfzehn Monate dauern, bis sie den Reisebescheid erhielten. Marie bereute, dass sie Carl hatte allein ziehen lassen, und resümierte: „Du, ein Mann, nimmst den Ehrgeiz für die Liebe, nicht also ich, ich kann ohne Liebe nicht leben, ungeliebt durch das Leben zu gehen scheint mir das herbste Los auf Erden und seit Du fort bist, habe ich das bittere Gefühl niemandem anzugehören ...“
Nach seiner militärischen Intervention in Mexiko hatte Napoleon III. 1863 Erzherzog Ferdinand Maximilian die Kaiserkrone Mexikos angeboten. In der irrigen Annahme, das Land sei befriedet, nahm dieser das Angebot an und reiste mit seiner Frau Charlotte 1864 nach Mexiko. Er fand ein von jahrelangen Bürgerkriegen erschöpftes Land vor, viele Bauten in desolatem Zustand. Im Mai 1865 dort angelangt, begann Carl Kaiser mit der Reformierung des Bauwesens. Im Februar 1866 wurde er Hofbaumeister, womit die Übernahme der Reisekosten nach Mexiko für seine Familie einherging.
Kurz nach ihrem 23. Geburtstag konnte Marie, begleitet von ihrer kleinen Tochter und der Kinderfrau, die Reise über den Atlantik antreten. Sie begannen die Überfahrt im französischen Saint-Nazaire und langten nach über dreiwöchiger Fahrt am 10. Juni 1866 mittags bei unerträglicher Hitze an. Nach einer kurzen Nacht im von Gelbfieber verseuchten Veracruz nahmen sie den Zug nach Paso del Macho, dem Maultierpass. Von dort ging es nur noch per Diligence weiter: Die mexikanische Postkutsche war wie ein hoher Kasten gebaut und ohne jeden Comfort. Acht kaum zu bändigende Maulesel waren vorgespannt. Die tiefdurchfurchten Wege waren teils ausgetrocknet und zerklüftet, teils sumpfig. Jedes tiefe Schlagloch drohte die Räder zu zerschmettern.
Am 12. Juni 1866 nachts erreichte die Kutsche die hellerleuchtete Stadt Puebla mit ihren unzähligen reich vergoldeten Kirchen. Dort erwartete sie bereits Carl, der aus Mexiko-Stadt angereist war. Nach nur einem Tag ging es weiter in die Hauptstadt, wo sie im Palacio Imperial an der monumentalen Plaza Mayor ihr Quartier beziehen sollten. Marie gewöhnte sich in Mexiko-Stadt schnell ein und hatte sogar Gelegenheit, dem Kaiserpaar beim letzten Montagball von Kaiserin Charlotte persönlich zu begegnen. Sie erhielt auch Einblick in die Bauprojekte Carls, wie den Nationalpalast, das Schloss Chapultepec, den Palacio Cortez in Cuernavaca und das Lustschloss Tehuantepec.
Es waren allerdings kriegerische Zeiten, der gestürzte Präsident Benito Juárez agierte aus dem Norden und schickte seine Guerilleros auf Überraschungsangriffe, das Land versank im Chaos. Panik brach aus, als bekannt wurde, dass Kaiser Napoleon III. jede weitere Unterstützung verweigerte und den vollständigen Abzug der französischen Truppen ankündigte. Kurz darauf erfuhr Maximilian vom Kriegsausbruch zwischen Österreich und Preußen. Von Europa war keine Hilfe zu erwarten. Ein Desaster für das mexikanische Kaiserreich, dessen Staatskassen leer waren.
Im August 1866 erfuhr man in Mexiko von der verheerenden Niederlage Österreichs gegen Preußen bei Königgrätz. Eine Schlacht, der auch ein Cousin Maries zum Opfer fiel. Trotz des heranrückenden Krieges arbeitete Carl unermüdlich weiter und wurde noch am 17. Oktober jenes Jahres zum obersten Verantwortlichen für alle kaiserlichen Bauten in Mexiko bestellt.
Marie, die ihr zweites Kind erwartete, wäre wohl am liebsten mit Carl nach New York oder New Orleans gegangen, doch ihm gelang es nicht, seinen Kontrakt als Hofarchitekt aufzulösen. Den Österreichern stand es ansonsten nun frei, auf Kosten der Franzosen in ihre Heimat zurückzukehren. Auch das französische Heer war im Begriff, Mexiko zu verlassen. Es herrschten chaotische Zustände.
Marie war im sechsten Schwangerschaftsmonat – eine neuerliche Reise in der Postkutsche damit undenkbar. Als es darum ging, den letzten Verwundetentransport der Franzosen zu erreichen, um nach Veracruz zu gelangen, musste sie mit Marianne überstürzt abreisen und das meiste zurücklassen. Carl folgte ihnen in der Kutsche, in der sich auch Marineoffizier Carl Weyprecht befand. Dieser hielt in seinem Tagebuch aus Mexiko über das Zusammentreffen mit dem französischen Konvoi am 4. Jänner 1867 fest: „der Architekt nahm seine Frau in Empfang, und wir verbrachten mit ihr, einer sehr hübschen, jungen, liebenswürdigen Wienerin, drei recht angenehme Stunden bei einem Frühstück, das wir zu diesem Zwecke vorbereitet hatten."
Als Carl sie in Veracruz an Bord geleitete, waren Marie und Marianne – wie er später notierte – sehr krank und nur der Stabsarzt der französischen Armee hatte sie retten können. Carl jedoch kehrte nach Mexiko-Stadt zurück, um seine Honorare einzutreiben, was Marie ihm nie verzeihen konnte.
Trotz der Strapazen der Reise, der traumatischen Flucht und des hohen Fiebers während der Schwangerschaft kam in Wien ein gesundes Kind auf die Welt. Am 9. April 1867 wurde Karoline Dolores Anna Kaiser geboren. Carl selbst richtete aus New Orleans am 12. Mai 1867 einen Brief an „Mary“ mit der Vermutung: „Schon haben wir jetzt wahrscheinlich ein kleines Mädchen mehr zu Hause.“ Das kleine „Mexi-Mädchen“, wie Carl es liebevoll nannte, sollte aber bereits am 29. November 1867 an Bronchitis sterben.
Über die Stadt schreibt er im selben Brief: „Dir hätte es hier sehr gefallen, schon aus einem Grund. Die Frauen sind hier die Herren des Tages. [...] Luxus und zeitweise Geschmack der hiesigen Frauen ist außerordentlich fruchtbar. […] Die Männer freilich [...] sind bei Tag und bei Nacht nur zur Arbeit für ihre hübschen Frauen bestellt."Ansonsten ist der Ton sehr abgekühlt, Carl beschwert sich, dass er kaum Briefe von Marie erhält, und fügt die bange Frage hinzu: „Mitte diesen Sommer, so ich nicht Unglück auf der Reise erfahren werde, hoffe ich Dich wieder zu finden – bist noch die gute, liebe Marie?“
Die schwer enttäuschte Marie aber hatte inzwischen ihr Leben selbst in die Hand genommen. Familienüberlieferungen zufolge hatte Carl seinen besten Freund und alten Studienkollegen Hugo Ernst gebeten, Marie in seiner Abwesenheit in Wien zu beschützen. Ein Ansinnen, dem dieser nur allzu gern nachkam, hatte er Marie doch immer schon verehrt. Die Beziehung zwischen Marie und Carl erwies sich nach dessen Rückkehr im Juli 1867 als zerrüttet. Sie schienen sich kaum zu sehen, Marie war mit den Kindern aufs Land gezogen.
Hugo Ernst setzte das Werk seines Vaters Leopold Ernst, Architekt und Dombaumeister von St. Stephan, nach dessen Tod fort und wurde 1862 Bauführer am Stephansdom, wo er mit Friedrich Schmidt zusammenarbeitete. Auch führte er den Ausbau des Schlosses Grafenegg fort. Hugo war zudem ein sehr tüchtiger Geschäftsmann der Ringstraßenzeit.
Obwohl sie noch mit Carl Kaiser verheiratet war, erwartete Marie ein Kind von Hugo Ernst. Ihr Sohn kam am 19. Juni 1868 zur Welt und erhielt den Namen Ernst Kaiser, Taufpate war sein leiblicher Vater, Hugo Ernst. Die Ehe mit Carl wurde am 4. Juni 1869 in Form einer Trennung von Tisch und Bett geschieden. Carl forderte seine fünfjährige Tochter Marianne für sich. Marie durfte sie erst zehn Jahre später wiedersehen.
Da nach katholischem Recht eine Auflösung der Ehe nur durch den Tod möglich war, heirateten Hugo und Marie erst fünfzehn Jahre später am 18. Mai 1884 in Budapest auf dem Wege der sog. Siebenbürgischen Ehe, die einen Wechsel der Konfession und der Staatsbürgerschaft voraussetzte. Eine äußerst aufwendige und kostspielige Prozedur. Als Carl Kaiser am 2. September 1895 starb, konnte die Trauung in Wien am 21. Oktober 1895 wiederholt werden.
Marie hatte mit Hugo zwei weitere Kinder, Maria Eleonora (geb. Wien, 22. Mai 1870) und Theodor Hugo Maria (geb. Wien, 8. August 1877). 1876 errichtete Hugo mit seinem Schwager, dem Architekten Friedrich Schachner, ein repräsentatives dreigeschoßiges Stadthaus in der Gusshausstraße 16 (heute 28) in Wien, in das später auch Maries Tochter Marianne einziehen durfte.
Außerdem ließ er 1884 nach der Hochzeit als Morgengabe für Marie eine prächtige Villa in Kaltenleutgeben im Schweizerhausstil erbauen. Das in einen zehn Hektar großen Park eingebettete Bauwerk heißt heute Villa Elfenhain.
Schließlich erwarb er 1909 eine ansehnliche Liegenschaft am Kaiser-Franz-Ring 17 in Baden. Dort starb Marie 71-jährig am 6. Juni 1914. Sie wurde in Mödling im Familiengrab beigesetzt, dessen Grabstein Hugo Ernst selbst gestaltete. Später wurden hier auch Hugo (1930), ihr Sohn Theodor (1935) und ihre Tochter Maria Eleonora (1951) bestattet.
Literatur: El Diario del Imperio, 19. 6. 1866, Nr. 440, S. 587; Michael Drewes, Carl Gangolf Kaiser (1837–1895) und seine Tätigkeit als Hofarchitekt Maximilians von Mexiko, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 101, 1993, S. 383–403; Carl Weyprecht, Seeheld, Polarforscher, Geophysiker. Wissenschaftlicher und privater Briefwechsel des österreichischen Marineoffiziers zur Begründung der internationalen Polarforschung, bearb. Frank Berger u. a., 2008, S. 242–247; Helmut Scharsching, Das weite Land der Rose. Maria Bayer, eine außergewöhnliche Frau der Ringstraßenzeit, 2009; Helmut Scharsching, Carl Kaiser. 1837–1895. Schlossherr, Hof- und Innenarchitekt, Burgenbauer, 2013, S. 57f., 72; Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien; Pfarre Gumpendorf, Pfarre St. Karl Borromäus, beide Wien; Pfarre Mödling-St. Othmar, Pfarre Kaltenleutgeben, Pfarre Baden-St. Stephan, alle Niederösterreich; NÖ Landesarchiv, St. Pölten.
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