Georg Teltscher (George Adams) – ein Leben auf vier Kontinenten

Der international tätige Grafikdesigner Georg Teltscher (George Adams) ist in seinem Herkunftsland Österreich über einschlägige Fachkreise hinaus wenig bekannt. Der folgende Beitrag versucht den Werdegang und das überaus produktive und vielfältige Schaffen des Künstlers und Antifaschisten nachzuzeichnen.

Von Wien ans Bauhaus

Georg Anton Teltscher wurde am 1. Juli 1904 als Sohn des aus Brno/Brünn stammenden Kaufmanns Wilhelm Teltscher und der Maria (Mary), geborene Adams (1875–1973) in Purkersdorf, Niederösterreich, geboren. Er wuchs in einem künstlerisch geprägten Umfeld in Wien auf: Seine Mutter stellte Grotesk- und Reklamepuppen her, sein Onkel war der bekannte Wiener Porträtmaler John Quincy Adams. Nach Absolvierung von fünf Klassen Realgymnasium trat er 1920 in die Kunstgewerbeschule (heute Akademie für angewandte Kunst) ein, wo er die Klasse für ornamentale Formenlehre von Franz Čižek besuchte und bei Rudolf Larisch das Fach Ornamentale Schrift und Heraldik belegte. Hier kam er mit zeitgenössischen Kunstströmungen wie dem Expressionismus, dem Kubismus oder dem Futurismus sowie kinetistischen Verfahren in Berührung, die seine frühen Werke beeinflussten. 1921, gerade einmal 17 Jahre alt, wechselte er ans Bauhaus in Weimar. Er absolvierte die sechsmonatige Vorlehre bei Johannes Itten und Georg Muche und nahm Unterricht bei Wassily Kandinsky. Er gehörte der KURI-Gruppe (Akronym für „konstruktiv, utilitär, rational und international“) an, einer oppositionellen Strömung innerhalb des Bauhauses, die unter dem Einfluss Theo van Doesburgs eine ästhetische Neuausrichtung der Schule im Sinne des Konstruktivismus anstrebte. An der Bühnenwerkstatt des Bauhauses schuf er zusammen mit Kurt Schmidt und F. W. Bogler  Figurinen für das Mechanische Ballett, dessen Grundidee es Kurt Schmidt zufolge war, „die dynamischen Kräfte, die in den Formen der abstrakten Bilder verfestigt sind, losgelöst von der Bildkomposition, in Bewegung“ darzustellen. Dem Zeitalter der Technik und der Maschinen sollte eine tänzerische Ausdrucksform verliehen werden. Abstrakte, zumeist farbige, am Körper der durch ihre schwarze Kleidung und den schwarzen Bühnenhintergrund fast unsichtbaren Tänzer (darunter Teltscher selbst) angebrachte Formen wurden im Rhythmus der Musik von Hans Heinz Stuckenschmidt bewegt. „Die Choreographie bestand darin, durch Begegnungen, durch Hintereinanderstehen, durch Verschiebungen immer neue Formen und Farbkompositionen zu bilden“ (Kurt Schmidt). Das Mechanische Ballett wurde während der Bauhauswoche, für die Teltscher eine Werbepostkarte gestaltet hatte, am 17. August 1923 am Stadttheater Jena uraufgeführt. (In den 1980er-Jahren wurde eine Neuinterpretation mit originalgetreu rekonstruierten Figurinen erstellt.)

Grafikdesigner, Bühnenbildner, Spanienkämpfer

Mit der Ausbildung am Bauhaus war Teltschers beruflicher Fokus auf das Gebiet der angewandten Kunst entschieden (als Schüler an der Kunstgewerbeschule hatte er noch Maler als Berufsziel angegeben). Er arbeitete als freier Grafiker in Deutschland, bevor er 1925 nach Wien zurückkehrte und als Grafikdesigner bei der Firma Vacuum Oil sowie als Bühnenbildner beschäftigt war. So entwarf er das Bühnenbild zur viel beachteten Aufführung von Bertolt Brechts „Baal“ im Theater in der Josefstadt im März 1926. Seine weitere grafische Ausbildung festigte er bei dem renommierten Plakatkünstler Julius Klinger. Ab 1928 arbeitete er als Art Director und Grafikdesigner in Hamburg und Berlin, ehe er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nach Wien zurückkehrte. Im Folgejahr übersiedelte er nach Barcelona, um als Art Director einer Werbeagentur zu wirken. Nach Beginn des Spanischen Bürgerkrieges 1936 schloss er sich einer Miliz an (nach anderen Angaben den österreichischen Internationalen Brigaden). Die Grausamkeiten des Bürgerkrieges hielt er auch fotografisch fest. Eine Rückkehr nach Österreich kam nach dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 für den Antifaschisten mit jüdischen Wurzeln nicht infrage. Mit einem Touristenvisum gelang ihm die Einreise nach Großbritannien, wo er im Juni dieses Jahres eintraf und sich in London niederließ.

Internierung in Australien

1940 wurde Georg Teltscher im Zuge der kollektiven Furcht vor einer „Fünften Kolonne“ als „Enemy Alien“ im Lager Huyton interniert und anschließend zusammen mit 2.500 Männern, hauptsächlich Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich, auf den ehemaligen Truppentransporter „Dunera“ verbracht, der in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli mit dem Ziel Australien aus dem Hafen von Liverpool auslief. Gleich zu Beginn der Reise wurde das Schiff Ziel eines zum Glück glimpflich verlaufenden Torpedoangriffs eines deutschen U-Boots. Die Gefangenen waren auf engstem Raum unter Deck zusammengepfercht, die hygienischen Bedingungen waren katastrophal, es mangelte an Nahrung und Trinkwasser. Zudem kam es zu Plünderungen der wenigen Habe der Deportierten sowie zu Misshandlungen durch die Wachmannschaft. Auch Teltscher wurde, als er unerlaubterweise ans Oberdeck gehen wollte, so brutal zusammengeschlagen, dass er einige Zähne verlor. In Australien angekommen, wurde der Großteil der später als „Dunera Boys“ bekannt gewordenen Männer, so auch Teltscher, in das Internierungslager Hay gebracht.

Zwar waren die Lebensbedingungen aufgrund der extremen klimatischen Situation im Outback hart, doch wurden die Gefangenen durch die australische Administration korrekt behandelt und es wurde ihnen weitgehende Selbstverwaltung gestattet. Den dennoch tristen Lageralltag versuchten sie durch eine Reihe von sportlichen und kulturellen Aktivitäten aufzulockern. Die bildenden Künstler – neben Teltscher etwa der deutsche Bauhäusler Ludwig Hirschfeld-Mack oder die Österreicher Robert Hofmann (Maler) und Emil Wittenberg (Bühnenbildner, Maler) – hatten die Möglichkeit, ihre Kunst auszuüben. Teltscher schuf in Hay eine Reihe von eindrucksvollen Aquarellen und Grafiken, die einen Einblick in das Lagerleben vermitteln.

„We are here because we are here because we are here“

Größere Bekanntheit erlangte Teltschers im Rahmen eines Wettbewerbs für eine lagereigene Währung als Siegerentwurf hervorgegangener Geldschein, der die bisher gültige – Zigaretten – ablöste. Die je nach Wert (Sixpence, One Shilling, Two Shillings) in Blau, Grün oder Rot gehaltene Banknote zeigt auf der Vorderseite vor dem Hintergrund des Stacheldrahtzauns des Camps, dem Wappen Australiens nachempfunden, Känguru und Emu, zwischen ihnen ein Schild mit einem Schaf. Geschickt nutzte Teltscher die Gestaltungselemente der Note zur Platzierung einer Reihe versteckter Botschaften, die von ungebrochenem Humor und Widerstandsgeist zeugen: So verbirgt sich im Stacheldrahtgewirr der Umrahmung die Inschrift „We are here because we are here because we are here“, die die Widersinnigkeit der Internierung der rassistisch Verfolgten und Antifaschisten versinnbildlicht.

Die Rückseite der Note bedeckt ein Ornament aus 25 fast identischen Schafen, die jeweils mit der Nummer sieben versehen sind – der Nummer der Lagerabteilung in Hay mit ihren 25 Hütten, wo Teltscher untergebracht war. In der Wolle jedes Schafs ist, kaum wahrnehmbar, die Unterschrift des jeweiligen Hüttenleiters verborgen.

Im Dienst des „War effort“

Das Bekanntwerden der skandalösen Geschehnisse auf der „Dunera“ im britischen Mutterland und der Verlauf des Kriegsgeschehens führten schließlich zu einem Kurswechsel in der Politik gegenüber den Geflüchteten aus dem „Dritten Reich“. Die in Australien Internierten erhielten die Möglichkeit zur Rückkehr nach Großbritannien, wofür sich Georg Teltscher entschied. Im Juli 1941 betrat er wieder englischen Boden. Um den „War effort“ des Gastlandes zu unterstützen, wirkte er zunächst als Sprecher bei den von dem Kunsthistoriker und ehemaligen Bauhaus-Lehrer Bruno Adler als Teil der psychologischen Kriegsführung gestalteten deutschsprachigen Programmen der BBC mit. Später meldete er sich zur britischen Armee und nahm an Einsätzen hinter den feindlichen Linien teil. Darüber hinaus wurde er als Kartograf und Gestalter von Propagandaflugschriften herangezogen. 1945 wurde er nach Wien versetzt, wo er mit Kriegsgefangenen der Alliierten arbeitete. In Teltschers Armeezeit fällt wohl auch die Änderung seines Namens auf George Anthony Adams. 1946 wurde er naturalisiert.

International tätiger Grafikdesigner

Seine Etablierung als erfolgreicher Grafikdesigner verdankte Adams nicht zuletzt den Netzwerken österreichischer und deutscher Exilant:innen in Großbritannien. Noch während des Krieges vermittelte ihn Bruno Adler als Grafikdesigner zum Verlag Diagram. Von 1946 bis 1948 war er Art director für die von Wolfgang Foges initiierte Sachbuchreihe „Future Books“. Für den von Walter und Eva Neurath 1949 gegründeten Verlag Thames & Hudson entwarf er das (auch nach dem Rebranding vor einigen Jahren in seinen Grundzügen erhalten gebliebene) Logo und gestaltete Hunderte Buchumschläge. Von 1951 bis 1973 lehrte er im Design Department des London College of Printing, unterbrochen von zweimaligem Aufenthalt in den USA, wo er im Auftrag des Massachusetts Institute of Technology (MIT) dessen Broschüren designte. 1973 übernahm Teltscher einen Lehrauftrag an der University of Nigeria in Nsukka, wo er bis 1977 Grafikdesign und Fotografie unterrichtete. Den Prinzipien des Bauhaus und seinen Unterrichtsmethoden blieb er zeitlebens verbunden. Er wirkte an der Ausstellung „Bauhaus: 1919–1928“ 1938/39 im New Yorker Museum of Modern Art mit und nahm als Gewährsmann an der Retrospektive „50 years Bauhaus“ an der Londoner Royal Academy of Arts 1968 teil. Er starb am 5. März 1983 in London, der Überlieferung zufolge auf dem Heimweg nach dem Einkauf von Arbeitsmaterialien für Plakatdesigns im Auftrag von Amnesty International.


Literatur: Die Bühne im Bauhaus (Bauhausbücher 4), (1924), S. 70ff.; Wie sie Geld verdienen, in: Bettauers Wochenschrift, 1926, Nr. 14, S. 3; Baal im Josefstädter Theater, in: Der Tag, 23. 3. 1927, S. 8; George Adams, Memories of a Bauhaus Student, in: The Architectural Review, 27. 9. 1968, S. 192ff.; Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration 2, ed. Herbert A. Strauss – Werner Roeder, 1983, S. 6; Ken Inglis u. a., Dunera Lives 1, 2018, s. Reg.; Christine Kanzler – Elisabeth Lebensaft, “It’s a story you will never forget“. Auf den Spuren österreichischer Dunera Boys in Australien, in: Exilforschung: Österreich. Leistungen, Defizite & Perspektiven, ed. Evelyn Adunka u. a., 2018, S. 131ff.; Henry Teltscher, The Glückspilz, in: Erinnerungen. Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus 5/2, ed. Renate Meissner, 2018, S. 240, 256ff.; Fiona MacCarthy, Walter Gropius. Visionary Founder of the Bauhaus, 2019, S. 148; Andrew McNamara, Georg Teltscher (1904–1983), in: Bauhaus Diaspora and Beyond, ed. Philip Goad u. a., 2019, S. 74f.; Kurt Schmidt, Das Mechanische Ballett – eine Bauhaus-Arbeit, in: Unser Bauhaus. Bauhäusler und Freunde erinnern sich, ed. Magdalena Droste – Boris Friedewald, 2019, S. 283ff.; Mitteilung Elisabeth Lebensaft, Wien; Evang. Pfarre Wien Wien-Innere Stadt; Schüler*innen-Datenbank der Universität für angewandte Kunst, Wien (Zugriff: 6. 7. 2026); National Archives of Australia, Canberra; George Adams. A Bauhäusler who came to live near Belsize Park, Researched, written and designed by John Allan and Tom de Gay, with generous assistance from Sara Adams (Zugriff: 6. 7. 2026); Georg Adams artist, Ben Uri Research Unit for the study and digital recording of the Jewish, Refugee and wide Immigrant contribution to British visual culture since 1900 (Zugriff: 6.7.2026); Australian War Memorial (Zugriff: 6. 7. 2026); Forschungsstelle bauhaus community (BeBA) (Zugriff: 6. 7. 2026); DÖW. ÖsterreicherInnen für Spaniens Freiheit 1936–1939 (Zugriff: 6. 7. 2026).

(Christine Kanzler)