In der Frühzeit der österreichischen Fotografie machte sich eine junge Frau mit Porträtaufnahmen selbstständig und begründete den Ruf eines Ateliers, das selbst vom Kaiserhaus geschätzt wurde. Eine Würdigung zum 180. Geburtstag Adele Perlmutters
Zur Kundschaft des k. u. k. Hof-Ateliers Adèle zählten neben der europäischen Hocharistokratie auch Persönlichkeiten wie Wilhelm von Tegetthoff, Mark Twain oder Mitglieder der Hofbühnen wie Charlotte Wolter und Katharina Schratt.
Im Gegensatz zu ihrer prominenten Klientel ist die Namensgeberin des Ateliers weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Wurzeln ihrer Familie liegen in Galizien, wo Adele am 9. August 1845 in Złoczów (Solotschiw), dem Verwaltungssitz des gleichnamigen Kreises mit Schwerpunkt Segeltucherzeugung, zur Welt kam. Ihr Vater Samuel (geb. Tarnopol/Ternopil, 18. Juli 1812; gest. Wien, 7. Februar 1885) war Kaufmann, Fotograf und Maler. Ihre Mutter Clara (Klara), geb. Margulies (geb. Skałat/Skalat, 1. Mai 1822; gest. Wien, 19. Jänner 1908) war eine Schwester des Chemikers und Industriellen Benedikt Margulies (geb. Skałat, Februar 1821; gest. Rannersdorf, Niederösterreich, 17. Juni 1901). Dieser hatte mit Josef Loschmidt ein Verfahren zur Gewinnung von Kalisalpeter entwickelt und 1847 eine erste Fabrik nahe Wien errichtet. Adeles Brüder Wilhelm(geb. Tarnopol, 18. Oktober 1843; gest. Wien, 14. Februar 1918) und Max (geb. Brody, 12. Jänner 1849; gest. Bad Goisern, Oberösterreich, 7. Juli 1920) schlugen ebenfalls die Fotografenlaufbahn ein.
Ab 1860 lebte Adele in der Wiener Leopoldstadt, wo Samuel Perlmutter 1862 ein Atelier eröffnete. Nach eigenen Angaben war sie darin von Beginn an tätig, und auch das deutsche Fotografen-Adressbuch jenes Jahres nennt lediglich „A. Perlmutter“, kein anderes Familienmitglied. Dass Adele beim Maler und Fotografen Emil Rabending gelernt hat, legt ein Bericht über ihre erste Ausstellungsbeteiligung nahe, demzufolge Rabending sie in alle Geheimnisse der Fotografie eingeweiht und sich eine bedrohliche Konkurrentin geschaffen habe.
Schon 1863 führt die „Oesterreichische Buchhändler-Correspondenz“ unter den Neuerscheinungen ein Porträt von Josefine Gallmeyer an, „stehend in ganzer Figur nach dem Leben photographirt und herausgegeben von Adele Perlmutter“, erhältlich bei Joseph Bermann. Das Wiener Handels- und Gewerbe-Adressbuch für jenes Jahr lokalisiert ihr Atelier in der Praterstraße 527 – eine Konskriptionsnummer, die bald darauf von der Orientierungsnummer Ferdinand-Straße 7 / Aspern-Gasse 2 (heute Aspernbrückengasse) abgelöst wurde. Damals war Adele eine von drei Frauen, die die Fotografie in Wien gewerblich ausübten – neben 103 Berufskollegen.
Der Anfang ihrer Tätigkeit fällt in eine Phase, in der das Visitformat boomte. Das erst wenige Jahre zuvor in Frankreich patentierte Verfahren erlaubte es, sich vergleichsweise günstig ablichten zu lassen. Eine zeitgenössische Reklame sprach von der „Lieblingsidee der eleganten Welt“, statt einer gewöhnlichen Visitenkarte ein fotografisches Porträt zu überreichen. Das Sammeln der Fotos von Angehörigen, Bühnenlieblingen und anderen Prominenten kam stark in Mode, auch Kaiserin Elisabeth besaß u. a. drei „Schönheiten-Alben“.
1864 trat Adele der Photographischen Gesellschaft in Wien bei – rechtzeitig, um sich an deren erster Ausstellung (zugleich der ersten Fotoausstellung im deutschen Sprachraum überhaupt) zu beteiligen. Im Palais Dreher hingen ihre Arbeiten, darunter Porträts von Anastasius Grün und Christine Hebbel, im selben Raum wie jene des Hoffotografen Ludwig Angerer.
Wegen Umbauarbeiten konnte Adele Perlmutter ihr Atelier nur bis Mai 1864 nutzen. Vorübergehend war sie daher in der Großen Mohrengasse 12 tätig. Die Annonce zur Wiedereröffnung des Hôtel de l’Europe ein knappes Jahr später warb damit, dass sich neben anderen Annehmlichkeiten auch „das bekannte photographische Atelier Adèle“ darin befinde. Es sei elegant ausgestattet und mit einem der größten Glassalons in Wien versehen. In ihm konnten Gruppen bis zu 100 Personen aufgenommen werden. Das Atelier befand sich im Dachgeschoß des Gebäudes – in vorelektrischen Zeiten eine in Wien auch von anderen Fotografen geübte Praxis.
Adele inserierte gleichfalls die Wiedereröffnung ihres „höchst comfortabel eingerichteten photographischen Ateliers“: „Bilder mit Figurengröße von 15–16 Zoll. Aufnahmen täglich und bei jeder Witterung von 9 bis 4 Uhr. Vorgemerkte Stunden werden reservirt. Zufahrt von der Asperngasse.“ Aus dem November 1865 datiert ein Brief von ihr an Auguste Wilbrandt-Baudius, in dem sie die Schauspielerin „zu einer lebensgroßen Aufnahme höflichst“ einlädt.
Im selben Jahr erhielt sie auf der internationalen fotografischen Ausstellung in Berlin ihre erste Medaille. Der „Mährische Correspondent“ gab sich überrascht über „so vollkommene Bilder von zarter Frauenhand“, die sich den besten Leistungen der Gegenwart anschlössen: „Welche große Routine gehört dazu, so colossale Platten tadellos zu Stande zu bringen und wie schnell hat sich Frl. Adèle einen bedeutenden Namen erworben“, heißt es. Neben Silbernen Medaillen (Pariser Weltausstellung 1867, Hamburger Fotoausstellung 1868) sowie der „Medaille für guten Geschmack“ (Wiener Weltausstellung 1873) zeugte auch das Urteil Hermann Krones von der Qualität ihrer Bilder. Er hielt sie für brillant und betonte die „vorzügliche Behandlung der Rembrandt-Beleuchtung, verbunden mit meisterhafter Durchführung in der Negativ-Retouche“.
1868 suchte die 23-Jährige unter Hinweis auf die von ihr porträtierten „durchlauchtigste[n] Mitglieder des Allerhöchsten Hofes“ um den Hoftitel an. Auch hatte sie mehrere Arbeiten an die Kaiserin und an Erzherzogin Sophie „auf deren besonderes Verlangen“ liefern dürfen. Wenige Tage später erhielt sie das Dekret.
Die Verleihung ging mit einer Expansion einher. Im „Fremdenblatt“ vom 15. November 1868 kündigte sie an, „daß ich […] ein zweites Atelier im ‚Hotel Müller‛ am Graben Nr. 19, am 1. Dezember d. J. eröffnen, und daher in der Lage sein werde, die Bestellungen schneller effektuiren zu lassen, als dies bis nun in meinem bisherigen Einen Atelier möglich war.“ Die Aufnahmen in der Praterstraße würden aber nach wie vor von ihr persönlich erledigt, wie sie später annoncierte. Das Atelier war anfangs im nordwestlichen Teil des Hotels angesiedelt. Durch Umbau entstand 1880 ein neues im Südwestteil, dessen Anlage und Einrichtung Franz Stolze in seinem „Handwerksbuch für Photographen“ (1898) eingehend beschrieb. Die beiden mit einander verbindbaren Salons hatten eine Fläche von rund 12 bzw. 7 m x 5,5 m und maßen am höchsten Punkt des Glasdaches 4 m. 1890 führte schließlich auch ein Lift in den 5. Stock.
1871 heiratete Adele Perlmutter in Rannersdorf bei Wien den Breslauer Kaufmann Eugen Heilpern (geb. 29. Jänner 1843; gest. Wien, 2. Dezember 1921), der gemeinsam mit Heinrich Haas eine Fabrik für Teerprodukte und Dachpappen gründete. Sie brachte drei Kinder zur Welt. Die SöhneHans (Johann) Heilpern (geb. Rannersdorf, 1. Juli 1872) und Wilhelm (Willy) Heilpern (geb. Wien, 27. Oktober 1881) wurden Chemiker und Gesellschafter von Heilpern & Haas. Ihre Tochter (Elinor/Ellinor) Melanie (geb. Wien, 17. Dezember 1874; begraben ebd., 8. September 1936) heiratete den Maler und Mitbegründer des Hagenbundes Ludwig Ferdinand Graf, dem auch ein Ölgemälde von Adele Heilpern zu verdanken ist. Adele und Eugen traten 1888 aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus – Eugen wurde in diesem Jahr Mitglied der Freimaurerloge Zukunft in Pressburg. Beide ließen sich 1910 evangelisch taufen. In dieser „Traumzeit für Millionäre“ belegte Eugen Heilpern Platz 893 im Ranking der reichsten Wiener. Die Familie übersiedelte 1885 vom Hotel am Graben in ein von Heinz Gerl entworfenes Haus in der Reisnerstraße 26 (Wien 3).
Adeles Bruder Wilhelm, der seinen Namen 1894 in Förster ändern ließ, war 1862 nach Wien gekommen und seit dieser Zeit Mitarbeiter. Ab 1874 leitete er die Filiale am Graben, 1880 erhielt auch er den Hoftitel (Hoffotograf des Prinzen von Wales und des Kaisers von Brasilien war er bereits). Unklar ist das Ausmaß der Mitwirkung Adeles nach ihrer Heirat. Das Wiener Adressbuch führt sie bis 1884 als Hoffotografin, und noch 1896 schrieb sie Hugo Thimig einen Brief, in dem sie ihm „im Auftrag der Frau Schratt“ Bilder schickte. Erst 1908 wurde sie aus der Mitgliederliste der Genossenschaft der Photographen in Wien gestrichen. Bruder Max war anfangs Porträtfotograf im Atelier Adèle, verlegte sich aber später auf Reprotechnik und betrieb eine „Photozinkographische Kunstanstalt“. Wilhelm Perlmutter hatte ein Faible für Pferdefotografie, wie er 1882 in einer Art Home Story für „The Photographic News“ (London) erzählte. Entsprechende Aufnahmen entstanden in der Filiale „Photographie hippique“ an der Prater-Hauptallee.
Von der distinguierten Klientel des Ateliers zeugt u. a. das „Wiener Salonblatt“ ab Mitte der 1880er-Jahre bis zur Jahrhundertwende. Zahlreiche Titelblätter zieren Porträt-Lithografien von Prinzessinnen, Baronessen, Gräfinnen und Komtessen nach Vorlagen aus dem Hofatelier. Ab 1925 bis zur Einstellung des Blattes 1938 wurden dann häufig die Fotos selbst wiedergegeben.
Ab Mai 1885 ersetzte eine Zweigstelle in der Walfischgasse im ersten Bezirk die mittlerweile aufgegebene Filiale in der Asperngasse. Sie bestand bis etwa Mai 1899. Nachmieter wurde Victor Angerer. Daneben bediente ab 1904 eine Sommerfiliale in Bad Ischl auch die Wünsche der Kurgäste.
Der letzte Inhaber des Ateliers war Wilhelms Sohn Ernst (Arnošt) Förster (geb. Wien, 4. Dezember 1879), der zusätzlich eine Filiale am Prager Graben und das Sommeratelier „Sanssouci“ in Karlsbad führte. In Wien zeigte er 1937 in einer Jubiläumsausstellung einen Querschnitt durch 75 Jahre Fotografie, in der sich deren technische Entwicklung ebenso widerspiegelte wie die der Mode. Bald darauf brachte der Nationalsozialismus das Ende des Ateliers, das 1940 aus dem Handelsregister gelöscht wurde. Ernst Förster wurde im Juni 1942 aus Prag nach Theresienstadt deportiert, wo er am 26. Juli 1943 ums Leben kam. Auch Adeles Söhne überlebten nicht: Johann wurde im Februar 1942 nach Riga, Wilhelm im Mai 1942 nach Maly Trostinez deportiert und dort ermordet. Das Haus in der Reisnerstraße (zuletzt im Besitz von Johann Heilpern und Rudolf Haas) war 1939 zwangsverkauft worden.
Adele Heilpern starb am 8. Februar 1941 im Wiener Rothschildspital und wurde auf dem evangelischen Friedhof Simmering in jenem Grab beigesetzt, in dem schon ihr Mann, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn ruhten.
Seit 2021 erinnert der Adele-Perlmutter-Platz im 2. Bezirk an die Fotografin, die nicht nur an der künstlerischen Entwicklung des Porträts Anteil hatte, sondern auch dazu beitrug, die Fotografie als Frauenberuf zu etablieren. So verwies „Das Blatt der Hausfrau“ 1897 auf die vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten sowohl in der Porträtfotografie als auch in der fotomechanischen Vervielfältigung. Die Fotografie sei nicht mehr ein „Nothanker für verfehlte Existenzen“, sondern erfordere gründliches Wissen und künstlerisches Können. Den Wert der Frauenarbeit in der Kunst bewiesen einige berühmte von Frauen vertretene Ateliers, wobei Adeles an erster Stelle genannt wird. Ähnlich der Jahresbericht der Schule des Brünner Frauen-Erwerbvereins 1898, der die Fotografie als lohnenden Erwerbszweig für Mädchen und Frauen einschätzt; gute Fotografinnen fänden sehr leicht Anstellung. Zur Ausbildung empfahl man neben der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren in Wien die Ateliere Adele Perlmutter, Rosa Jenik und Fräulein Jagemann.
Literatur: Oesterreichische Buchhändler-Correspondenz, 1. 3. 1863; Figaro (Anzeiger), Neue Freie Presse, 15. 4. 1865; Mährischer Correspondent, 29. 6. 1865; Gemeinde-Zeitung, 16. 10. 1867; Fremdenblatt, 15. 11., 13. 12. 1868; Wiener Salonblatt, 23. 2. 1890, 10. 1. 1937; Neues Wiener Tagblatt, 23. 3. 1937; Allgemeines Adress-Handbuch ausübender Photographen von Deutschland, den österr. Kaiserstaaten […], 1860; Katalog. Erste photographische Ausstellung in Wien, veranstaltet von der photographischen Gesellschaft …, 1864, S. 18f.; R. Marneau’s Fotografie-Kalender für das Schaltjahr 1864, S. 45; Photographische Correspondenz 1, 1864, S. 7ff., 2, 1865, S. 169; Zeitschrift für Fotografie und Stereoskopie 5, 1864, S. 73; Bericht über die Welt-Ausstellung zu Paris im Jahre 1867, 3, 1869, S. 307, 321; Ö. Steinacker, Die Londoner Internationale Ausstellung des Jahres 1871 …, 1873, S. 107, 165; Photographische Notizen 9, 1873, S. 115f.; Helios, ed. und red. H. Krone, 4, 1873, S. 84f., The Photographic News 26, 1882, S. 27; H. Baden Pritchard, The Photographic Studios of Europe, 1883, S. 250ff.; Das Blatt der Hausfrau 8, 1897/98, S. 52; Handwerksbuch für Photographen 1, ed. F. Stolze, 1898, S. 42ff.; Erster Jahresbericht […] der Schule des Frauenerwerb-Vereines in Brünn […], 1898, S. 12; Österreichische Photographen-Zeitung, 1908, H. 4, S. 67; Geschichte der Fotografie in Österreich, ed. O. Hochreiter – T. Starl, 1983, Bd. 2, S. 163; Ludwig Ferdinand Graf 1868–1932, 1995, S. 157; T. Starl, Lexikon zur Fotografie in Österreich, 2005; G. K. Kodek, Unsere Bausteine sind die Menschen. Die Mitglieder der Wiener Freimaurerlogen (1869–1938), 2009, S. 143; Vienna’s Shooting Girls. Jüdische Fotografinnen aus Wien, ed. A. Winklbauer – I. Meder, 2012, passim; R. Sandgruber, Traumzeit für Millionäre, 2013, S. 360; T. Starl, Frauenberuf und Liebhaberei. Fotografinnen in Österreich bis zum Ersten Weltkrieg, 2014 (PDF http://timm-starl.at/download/Starl_Fotografinnen.pdf); U. Matzer, Eine Gender-Analyse von Fotografie-Historiografien am Beispiel zweier Berufsfotografinnen in Wien (1860-1914), phil. Diss. Wien, 2018; W. Kohl, Heilpern & Haas, auf: auer-von-welsbach-museum.at; S. Dieberger, Rückseiten mit Medaille. Die Cartes de visite aus dem Atelier der Adele Perlmutter (magazin.wienmuseum.at, 20. 11. 2024); Archiv der Republik, Evangelische Pfarre Wien-Innere Stadt (Lutherische Stadtkirche), Israelitische Kultusgemeinde, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Theatermuseum, Wiener Stadt- und Landesarchiv, alle Wien; Evangelischer Friedhof Simmering, Verstorbenensuche; Mitteilungen Peter Prokop, Andreas Nierhaus, Uwe Schögl, alle Wien; holocaust.cz (s. Arnošt Förster); memento.wien (Zugriffe 29. 7. 2025).
(Eva Offenthaler)
Wir danken dem Bildarchiv Austria für die kostenlose Wiedergabeerlaubnis von Fotos.
