Vor 222 Jahren kam am 18. März 1804 Salomon Sulzer in der Vorarlberger Marktgemeinde Hohenems zur Welt. Der Sohn einer Kaufmannsfamilie erfuhr in seiner Jugend eine gründliche Ausbildung zum Kantor und übernahm 1820 ebenjene Stelle in seiner Heimatgemeinde. Als knapp 22-Jähriger an den neu errichteten Wiener Stadttempel berufen, begründete er dort gemeinsam mit Rabbiner Isaak Noah Mannheimer den „Wiener Ritus“.
Die Welt, in die Salomon Sulzer hineingeboren wurde, konnte bereits in seinen ersten Lebensjahren mit einigen Besonderheiten aufwarten. Hohenems – die Kerngemeinde, die von jener ehemaligen Reichsgrafschaft übrig geblieben war, in der zwölf jüdischen Familien 1617 erstmals die Ansiedlung erlaubt wurde – zählte zu Beginn des 19. Jahrhunderts rund 3.000 Seelen. Der direkt an der Rheingrenze gelegene Ort nahm damit, hinter der Nachbargemeinde Dornbirn und noch vor den Städten Bregenz, Bludenz und Feldkirch, den zweiten Rang in der Vorarlberger Bevölkerungsstatistik ein. Gut fünfzig Jahre nach der Eingliederung in die Habsburgermonarchie fiel Hohenems in Folge des Friedens von Pressburg, wie die gesamte Grafschaft Tirol, an das 1806 neuentstandene Königreich Bayern. Die Zeit der napoleonischen Kriege und der wechselnden Herrschaftsverhältnisse hinterließ ihre Spuren auch in Sulzers Familiengeschichte. Gut erkennbar am Nachnamen, der ab 1813 auch offiziell geführt wurde, denn im Geburtsregister ist die spätere Berühmtheit noch unter dem Namen Salomon Levi zu finden.
Das in jenem Jahr erlassene „Bayerische Judenedikt“, das für die jüdische Bevölkerung einen großen Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung darstellte, zwang sie, deutsche Namen anzunehmen. Während sich andere Namensvettern fortan Rosenthal oder Landauer nannten, fiel bei Salomons Vater Josef Jakob Levi die Wahl auf Sulzer. Er bezog sich dabei auf die Ortschaft Sulz bei Rankweil, wohin ihre Vorfahren einst vertrieben wurden und aus der die Familie Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgekehrt war.
Einige Mythen ranken sich um die Kindheit Salomon Sulzers. Sie reichen von der Weissagung seines Großvaters auf dessen Sterbebett 1808 bis zum Gelöbnis der Eltern nach seinem angeblich im Jahr 1810 oder 1811 beinahe erlittenen Ertrinkungstod. All diese Vorzeichen sollten ihm – so die spätere, teils von Sulzer selbst bemühte Legende – eine große Karriere im Dienst des Judentums prophezeien. Eine entsprechende Förderung erhielten damals aber, neben Salomon und seinem älteren Bruder Jakob, auch die Kinder anderer Familien. Die Anstellung von Privatlehrern wurde nicht nur von den wohlhabendsten Familien praktiziert, auch der im Tuchhandel engagierte Josef Sulzer sorgte für die Ausbildung seiner Söhne. Als im Februar 1815 mit dem Ableben Benjamin Bermanns erstmals seit Jahrzehnten die Stelle des Gemeindekantors frei wurde, herrschte lange Uneinigkeit über dessen Nachfolge. Sulzers Vater forderte vehement, seinen erst 11-jährigen Sohn auf dieses Amt zu berufen. Stattdessen wurden in den darauffolgenden Jahren einige auswärtige Männer ausgewählt, deren Verbleib in Hohenems aber aufgrund fehlender Niederlassungsgenehmigungen stets von kurzer Dauer war. Salomon Sulzer – der zwischenzeitlich von seinem Vater immer wieder für den Posten in Stellung gebracht wurde – absolvierte einstweilen weitere Ausbildungen. So zog er unter anderem mit dem Endinger Rabbiner Lippmann als Hilfssänger durch die Schweiz und Frankreich, lernte in Karlsruhe und wurde zudem vom nunmehrigen Hohenemser Kantor Salomon Eichberg unterrichtet. Ihm sollte Sulzer schließlich 1820 im Amt nachfolgen.
Als Kantor der Hohenemser Synagoge gründete Salomon Sulzer einen Chor und ließ bei besonderen Anlässen ein kleines Orchester die Gottesdienste begleiten. Gleichzeitig besserte er seine geringe Entlohnung (das Jahresgehalt von 98 Gulden entspricht heute einer Kaufkraft von etwa € 2.500,-) durch Schächtungen sowie Spenden auf und wurde wohl auch von seiner Familie finanziell unterstützt. Hohenems, wo Jüdinnen und Juden damals rund ein Sechstel der Gesamtbevölkerung stellten, war für den jungen Sulzer gewissermaßen ein Experimentierfeld. In der weit entfernten Hauptstadt der Monarchie verlief das jüdische Leben zu jener Zeit in ungeregelten Bahnen. Die tatsächliche Gemeindegründung sollte nämlich erst 1852 erfolgen und auch dann dauerte es noch bis 1867, ehe die verbliebenen Beschränkungen für die jüdische Bevölkerung in der gesamten Monarchie aufgehoben wurden. Im Jahr 1825 lebten aber deutlich mehr Personen jüdischen Glaubens in Wien, wo am 12. Dezember der Grundstein für den neuen Stadttempel in der Seitenstettengasse gelegt wurde. Einen knappen Monat später reiste Sulzer – die Bewilligung zu einem achtwöchigen Urlaub in der Tasche – in die Donaumetropole. Das Versprechen, nach Hohenems zurückzukehren, sollte er, trotz einer in Aussicht gestellten Gehaltserhöhung von 20 Gulden, nicht halten.
So blieb Salomon Sulzer in Wien und nahm am Sonntag, den 9. April 1826 als Oberkantor (eig. Chasan/Hazzan) an der Seite des Predigers Isaak Noah Mannheimer an der feierlichen Eröffnung des Stadttempels teil. Vom Wechsel in die Hauptstadt überzeugte ihn wohl neben der größeren Gestaltungsmöglichkeit seiner Arbeit auch das stark verbesserte jährliche Salär in der Höhe von 1.800 Gulden. Aus Hohenems folgte ihm bald die fünf Jahre jüngere Fanny Hirschfeld, die er am 25. Juni 1827 heiraten sollte. Von den sechzehn zur Welt gebrachten Kindern erreichten vierzehn das Erwachsenenalter und erlebten damit aus nächster Nähe die steile Karriere ihres Vaters.
Fünf von ihnen ergriffen später ebenfalls einen Musikerberuf: Marie (verh. Belart, 1828–1892), Henriette (verh. Biacchi, 1832–1907) und Sophie (verh. Altschul, 1840–ca. 1885) wurden Sängerinnen, Julius (1830–1891) Komponist, Kapellmeister und Violinist sowie Joseph (1850–1926) Komponist und Violoncellist im Hofopernorchester und bei den Wiener Philharmonikern.
Sulzer hatte eine außergewöhnlich schöne Baritonstimme. Diese sowie die Leistungen des von ihm ausgebildeten Chores veranlassten auch zahlreiche nicht-jüdische Einheimische (darunter Mitglieder des Kaiserhauses) und Auswärtige zu einem Besuch der Synagoge, unter ihnen Robert Schumann und Franz Liszt. Sulzer ließ sich aber auch außerhalb der Synagoge hören, sogar in Hofkonzerten, obwohl ihm sein Dienstvertrag solche Auftritte ausdrücklich verbot. Besonders gerne und erfolgreich interpretierte er Schuberts „Allmacht“ D 852, so etwa am 18. März 1846, begleitet am Klavier von Liszt. Seine Interpretation verleitete den Journalisten Friedrich Uhl zu dem Ausspruch: „Wer nicht von Sulzer Schubert′s ‚Allmacht‘ gehört oder vielmehr empfunden, kennt kaum die Macht der Töne.“
Von 1845 bis 1847 war Sulzer außerdem Professor an der „Männergesangschule“ des k. k. Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst Wien). Gleich nach seiner Übersiedlung hatte er Kompositionsunterricht beim damaligen Kapellmeister des Theaters an der Wien, Ignaz von Seyfried, genommen und sich seither auch als Komponist betätigt. Neben Werken für den jüdischen Gottesdienst entstanden weltliche Lieder und Chöre. Wie so viele andere Musiker stellte er sich 1848 auf die Seite der Revolutionäre und lieferte einschlägige musikalische Beiträge, etwa den Trauerchor „Klaget – klaget“ für die Märzgefallenen, das Lied „Schwarz-Roth-Gold“ (die deutsche Fahne symbolisierte damals gegenüber dem Schwarz-Gelb der Habsburger den politischen und sozialen Fortschritt), das „National-Garden-Lied“ oder das „Lied der Todtenkopflegion“, Letzteres für den radikaleren unter den studentischen Truppenverbänden. Er gründete außerdem gemeinsam mit dem Komponisten und Pianisten Joseph Rudolph Schachner einen Chor innerhalb der Akademischen Legion und erteilte dafür interessierten Studenten unentgeltlich Gesangsunterricht. Sein „Tyroler-Lied“ für Tenorsolo und Männerchor aus dieser Zeit wurde besonders oft aufgeführt und stach auch in künstlerischer Hinsicht unter den zahllosen Gelegenheitswerken dieser Zeit hervor.
Bleibende Bedeutung haben aber seine Synagogalgesänge in hebräischer Sprache für Baritonsolo und mehrstimmigen Chor (Knaben und Männer), die er von Beginn seiner Tätigkeit am Wiener Stadttempel an komponierte und in zwei Bänden unter dem Titel „Schir Zion“ („Gesang Zions“) 1840 bzw. 1865 veröffentlichte. Orientierte sich Sulzer im ersten Band mehr an der Musik seiner Zeit – er hatte auch 37 Kompositionen von Zeitgenossen, darunter der 92. Psalm D 953 von Schubert, aufgenommen –, so ist im zweiten Band eine gewisse Auseinandersetzung mit überlieferten Synagogalmelodien erkennbar. Insgesamt bleibt „Schir Zion“ ein Dokument des Ausgleichs zwischen Konservativen und Modernen innerhalb der jüdischen Gemeinde sowie einer Annäherung an den christlichen Gottesdienst (eine Orgelbegleitung, für die Sulzer vergeblich eintrat, wurde ihm allerdings untersagt) und damit ein musikalisches Pendant zu den als „Wiener Minhag“ bekannten liturgischen Reformen Mannheimers. Über deren gemeinsames Engagement urteilte der Musikkritiker Eduard Hanslick: „Mannheimer predigte, wie Sulzer sang [...]. Es war die glühendste Kanzelberedsamkeit, die ich erlebt, hier in Worten, dort in Tönen.“ In der Folge wurde „Schir Zion“ von zahlreichen Synagogen innerhalb und außerhalb der Monarchie übernommen. Durch Sulzers lange, bis 1881 dauernde Amtszeit konnte er eine Reihe von Kantoren ausbilden, die seinen Stil in Europa und Nordamerika verbreiteten. Seine Vorstellung eines Kompromisses zwischen Ost und West bzw. Juden und Christen fand aber nicht überall Anklang. Während Sulzer selbst sein Werk als „Ausgangspunkt einer civilisatorischen Strömung“ sah, die „eine größere künstlerische Entwicklung der Tempelmusik“ ermögliche, wichen orthodoxe Juden in die konservativeren Wiener Bethäuser (etwa in der Schiffgasse oder Leopoldsgasse) aus. Hatte Uhl Sulzers Lieder noch im positiven Sinne als „gesungene Bitten um Emancipation“ charakterisiert, sprachen spätere Generationen abschätzig von „Assimilationsmusik“. Diese Änderung in der Wertschätzung ist natürlich auch vor dem Hintergrund sich verschärfender nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte seit dem späten 19. Jahrhundert zu sehen.
Noch zu Lebzeiten wurde Sulzer für seine Tätigkeit vielfach geehrt. Zu seinem 40-jährigen Kantorenjubiläum wurde im alten Musikvereinssaal der Gesellschaft der Musikfreunde eine Feier veranstaltet. Ferner erhielt er die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft in Österreich und Russland, wurde Ritter des Franz Joseph-Ordens und Offizier des osmanischen Medjidie-Ordens. Weiters wurden ihm das taxfreie Bürgerrecht der Stadt Wien sowie von der Accademia di Santa Cecilia in Rom der Titel „maestro“ verliehen.
Am 17. Jänner 1890 schloss Salomon Sulzer ein letztes Mal seine Augen. Drei Tage später wurde er in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet. Des berühmten Chasans wurde in Wien bald darauf in einem Ausstellungsbereich des neu eingerichteten Jüdischen Museums – dem weltweit ersten seiner Art – gedacht. Auch in seiner Heimatgemeinde, deren jüdischer Bevölkerungsanteil inzwischen deutlich abgenommen hatte, erinnerte man sich an den früheren Kantor. So schrieb der damalige Rabbiner Aron Tänzer davon, dass eine Sulzer-Büste den Choraufgang der Hohenemser Synagoge schmücke. Zugleich prangte an seinem – schräg gegenüber liegenden – ehemaligen Elternhaus bald eine kupferne Gedenktafel mit den Worten „Sulzers Geburtshaus“. Heute erinnert eine etwas ausführlichere Version aus Stein an den „Begründer des modernen Synagogengesanges“. Ein Jahr nach der Stadterhebung wurde 1984 in Hohenems eine kleine Straße nach Salomon Sulzer benannt und zu seinem 100. Todestag erschien eine Sonderbriefmarke mit seinem Porträt.
Zu dieser Zeit befand sich das Jüdische Museum Hohenems gerade im Aufbau. Bernhard Purin, Teil des Projektteams, organisierte parallel dazu für das Jüdische Museum der Stadt Wien und das Land Vorarlberg die Gedenkausstellung „Salomon Sulzer. Kantor, Komponist, Reformer“. Die Schau wurde von Jänner bis März 1991 in Wien gezeigt, am 10. April folgte die Eröffnung des Hohenemser Museums. Dort wird seither in einem eigenen Raum an Sulzer erinnert, außerdem finden sich Bezüge zu ihm in mehreren Ausstellungen und Publikationen. In den historischen Gemäuern der ehemaligen Synagoge, die ab Mitte der 1950er Jahre als Feuerwehrhaus genutzt wurde, entstand nach einem weiteren Umbau 50 Jahre später ein nach Salomon Sulzer benannter Veranstaltungssaal. Das Haus beherbergt zudem die Musikschule „tonart“, die, wie auch das Jüdische Museum Hohenems, den Salomon-Sulzer-Saal häufig für Aufführungen verwendet. Zum Abschluss der baulichen Umgestaltung des ehemaligen jüdischen Viertels 2016 wurde vor dem Saal der Salomon-Sulzer-Platz eingeweiht. Im März 2025 wurde schließlich auch in Wien ein Zeichen der Erinnerung gesetzt und im 1. Bezirk, unweit des Stadttempels in der Seitenstettengasse, ein Kreisverkehr Salomon Sulzer gewidmet.
Literatur: Eduard Hanslick, in: Neue Freie Presse, 13. 3. 1866; Friedrich Uhl, in: Neue Freie Presse, 25. 3. 1866; Aron Tänzer, Die Geschichte der Juden in Hohenems, 1905, s. Reg.; Kantor Salomon Sulzer und seine Zeit, ed. Hanoch Avenary, 1985; Salomon Sulzer – Kantor, Komponist, Reformer.Katalog zur Ausstellung des Landes Vorarlberg. Jüdisches Museum der Stadt Wien, vom 20. Jänner bis 28. März 1991, ed. Bernhard Purin, 1991; „… an illusion | wohl eine Illusion“?, ed. Johannes Inama – Hanno Loewy, 2004; Heimat Diaspora, ed. Hanno Loewy, 2008, s. Reg.; Von Salomon Sulzer bis „Bauer & Schwarz“, ed. Thomas Albrich, 2009; Barbara Boisits, in: Musikwelten – Lebenswelten. Jüdische Identitätssuche in der deutschen Musikkultur, ed. Beatrix Borchard – Heidy Zimmermann, 2009; Tina Frühauf, Salomon Sulzer. Reformer, Kantor, Kultfigur, 2012; Georg Gaugusch, Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800–1938, S–T, 2023, S. 4325ff.; Barbara Boisits, in: Österreichisches Biographisches Lexikon 14, 2012; Hohenems Genealogie (Zugriff 11. 3. 2026).
(Barbara Boisits – Raphael Einetter)