Zwischen Sowjetstern und Hakenkreuz – das Schicksal des Komponisten Hans Hauska

Hans Hauska wurde am 18. Mai 1901 als Sohn des gleichnamigen Apothekers und seiner Frau Olga, geborene Bartl, im westböhmischen Maschau (tschechisch Mašťov) geboren. Nach dem Tod des Vaters 1911 übersiedelte er mit seiner Mutter und der Schwester nach Wien. Nach Ablegung der Reifeprüfung 1920 inskribierte er an der dortigen Technischen Hochschule, musste das Studium des Fachs Maschinenbau aber aufgrund der tristen finanziellen Lage der Familie bald aufgeben und arbeitete als Bankbeamter, selbstständiger Fotograf und Korrepetitor. Bereits als Jugendlicher hatte er Unterricht beim Violinisten Alfred Mildner in Geige und Musiktheorie erhalten, weiters spielte er Bratsche und Klavier.

Musiker der Agitproptruppen

Wohl aufgrund seiner prekären wirtschaftlichen Situation übersiedelte Hauska 1928 nach Berlin, wo er sich unter anderem mehr schlecht als recht als Stehgeiger und Kinomusiker durchbrachte. Über seine Bekanntschaft mit Hanns Eisler kam er mit den Agitproptruppen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in Berührung. Diese nach dem Vorbild der sowjetischen Blauen Blusen entstandenen Theatergruppen brachten mittels eines aktuellen, alle Bereiche proletarischen Lebens abdeckenden Repertoires die Losungen der Partei unter die Massen. Die mobilen Ensembles spielten nicht nur im Versammlungslokal, sondern auch auf Straßen und Plätzen, vor Betrieben und Stempelstellen und warben Mitglieder für die KPD und ihre Organisationen.

1930 heuerte Hauska bei der Kolonne Links an, der von Helmut Damerius geleiteten Truppe der deutschen Sektion der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH). Der zunächst misstrauisch beäugte „Klassenfremde“ wirkte als Pianist mit und vertonte beispielsweise „Das Lied von der Roten Betriebswehr“, „Wahlschlager“ oder das „Lied vom Franz Meier“. Sein großes Vorbild als Komponist war Hanns Eisler. Die beliebte Agitproptruppe wurde 1931 von der IAH für ihre erfolgreiche Werbetätigkeit mit einer Reise in die Sowjetunion prämiiert.

Im Sehnsuchtsland UdSSR

Dort tourte die Kolonne Links durch mehrere Unionsrepubliken, wo sie neben einem Besuchsprogramm, das sie mit dem Aufbauwerk des ersten Fünfjahrplans wie etwa dem Prestigeprojekt des Staudamms Dnjeprostroj in der Ukraine bekannt machte, auch zahlreiche Auftritte in Betrieben und Arbeiterklubs absolvierte.

Zurück in Deutschland, sah sich das Ensemble mit einer Notverordnung konfrontiert, die jegliche Aktivitäten von Agitproptruppen illegalisierte. Die IAH sandte die Kolonne daher erneut in die Sowjetunion, mit dem Auftrag, die kulturelle Betreuung der ausländischen Arbeiter zu übernehmen. Die fernöstliche Stadt Wladiwostok wurde zum Ausgangspunkt einer mehrmonatigen Tournee durch die Industriezentren Sibiriens. Das Repertoire wurde an die sowjetischen Gegebenheiten angepasst und zielte auf die Hebung der Bereitschaft der Menschen, sich unter Hintanhaltung persönlicher Bedürfnisse in den Dienst des „sozialistischen Aufbaus“ zu stellen. In der Szene „Schwarze Kasse“ etwa, von Hauska mit einer an russische Volksweisen angelehnten Musik ausgestattet, wurden in humoristischer Form Schlendrian, Alkoholismus und häufiger Wechsel des Arbeitsplatzes gebrandmarkt.

Das Jahr 1932 führte die Truppe – mit erweiterter Besetzung unter dem Namen Deutsches Theater der Arbeiterjugend Kolonne Links – in die Bergbau- und Industriezentren des Ural, des Kusbass oder des Donbass, wo zahlreiche ausländische Facharbeiter, darunter viele Deutsche, beschäftigt waren. Auch hier galt die szenische Agitation der Hebung der Arbeitsmoral und dem Kampf gegen „Saboteure“.

Zu diesem Zeitpunkt gerieten die an der Ästhetik der Avantgarde orientierten, operativen „kleinen Formen“ der Agitproptruppen allerdings bereits in Verruf: Die kulturpolitische Wende hin zur von Berufskünstlern geschaffenen „großen Form“ im Theater, der Weg zum „Sozialistischen Realismus“ begann sich abzuzeichnen.

Komponist im Exil

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 waren die Mitglieder der Kolonne über Nacht zu Exilanten geworden. Mit der Etablierung in der Sowjetunion eröffneten sich für Hauska weitere Möglichkeiten der künstlerischen Entfaltung und Professionalisierung. So komponierte er für das kurzlebige, aus Mitgliedern der ehemaligen Agitproptruppe und exilierten Berufsschauspielern entstandene Deutsche Theater Kolonne Links unter der Leitung Gustav von Wangenheims die Bühnenmusik, etwa für Wangenheims Stücke „Agenten“ und „Helden im Keller“. Nach dessen Auflösung war er musikalischer Leiter und Komponist beim 1935 gegründeten Deutschen Gebietstheater Djnepropetrowsk unter Maxim Vallentin, einer mobilen Bühne für die deutschsprachige Minderheit in der Ukraine. Hauska schrieb weiters Bühnenmusiken zu an verschiedenen Theatern der Union aufgeführten Stücken Friedrich Wolfs (u. a. „Floridsdorf“, das die Ereignisse des Februaraufstandes in Wien 1934 zum Inhalt hatte, „Das trojanische Pferd“, „Professor Mamlock“, „Tai Yang erwacht“). Er war außerdem als Begleiter des Sängers Ernst Busch und als Chorleiter im Deutschen Klub in Moskau tätig.

Ein neues künstlerisches Feld tat sich auf, als er mit der Komposition von Filmmusiken beauftragt wurde – und das, obwohl er laut eigener Aussage „immer Scherereien als ‚Formalist‘“ hatte und seine „ideologische Herkunft von Hanns Eisler“ „keine Empfehlung“ für ihn gewesen sei. Sein erster Auftrag war die Musik für den Dokumentarfilm „Borinage“ (1933) von Joris Ivens und Henri Storck über einen Streik belgischer Bergarbeiter, für den in der UdSSR eine Neu- und Tonfassung erstellt wurde.

Hauskas zweite Filmmusik entstand 1935 für den fast ausschließlich unter Beteiligung deutscher Exilanten (u. a. Mitglieder der ehemaligen Kolonne Links) gedrehten Film „Kämpfer“. Das Szenario wurde von Gustav von Wangenheim (zugleich Regisseur) gemeinsam mit Joris Ivens und Alfred Kurella entwickelt, als Berater wirkte Maxim Gorki. Die Handlung des Films, der fiktionale Szenen mit dokumentarischen Elementen kombiniert, spielt im nationalsozialistischen Deutschland zur Zeit des Reichstagsbrand-Prozesses gegen Georgi Dimitroff und dessen spektakulärer, mit Freispruch endender Verteidigung vor Gericht. Sie zeichnet die Entwicklung der Figur des Arbeiters Fritz Lemke vom unpolitischen Menschen zum Widerstandskämpfer nach.

Dimitroff selbst sprach Auszüge aus seiner Verteidigungsrede im Moskauer Studio nach. Die Musik, geschrieben für ein zweifach besetztes Sinfonieorchester und Altsaxophon, nimmt neben Hauskas eigenen Kompositionen Motive bekannter Melodien auf, die den gegensätzlichen gesellschaftlichen Lagern zugeordnet sind. So fungiert das KZ-Lied „Die Moorsoldaten“ (im Film interpretiert von Ernst Busch) leitmotivisch als Kampflied der unterdrückten Arbeiterklasse, deren Sieg als unausweichlich dargestellt wird. Mit Hauskas Karriere schien es bergauf zu gehen.

In den Fängen des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD)

Noch während der Dreharbeiten kam es zu ersten Verhaftungen von Mitwirkenden im Rahmen der stalinistischen „Säuberungen“. Unter den Emigranten breitete sich eine Atmosphäre des Misstrauens, der Angst, aber auch der Denunziation aus.

Am frühen Morgen des 20. November 1937 wurde Hans Hauska in der Moskauer Gemeinschaftswohnung, die er mit seinen Theaterkollegen teilte, verhaftet und ins berüchtigte Taganka-Gefängnis verbracht. Dort sollte er die nächsten elf Monate unter menschenunwürdigen Bedingungen verbringen. Erst nach Wochen erfuhr er die aberwitzige Begründung seiner Haft: Spionage und Terrortätigkeit nach § 58. In seiner Haftbescheinigung heißt es: „Hauska ist ein moralisch zersetzender Typ, trotzkistisch gesinnt und betreibt in seiner Umgebung k/r [konterrevolutionäre] faschistische Propaganda.“ Schließlich teilte man ihm mit, dass er aus der Sowjetunion abgeschoben werde. Unter Androhung von Repressalien gegen seine Frau, die Tänzerin und Schauspielerin Luisrose Fournes, presste man ihm eine Erklärung ab, wonach er sich verpflichte, im Ausland als Agent des NKWD tätig zu werden.

Anfang Dezember 1938 wurde Hauska, nach dem „Anschluss“ Österreichs deutscher Reichsangehöriger geworden, an die polnische Grenze überstellt und gelangte auf gebundener Route nach Deutschland, wo er umgehend festgenommen wurde. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der ehemaligen Kolonne Links bzw. der „Kämpfer“-Crew, die erschossen oder zu jahrelanger Lagerhaft verurteilt wurden, sollte Hauska trotz allem noch verhältnismäßig glimpflich davonkommen.

Vor dem Volksgerichtshof

Nach seiner Ankunft in Deutschland wurde gegen Hans Hauska ein Hochverratsverfahren eingeleitet. Laut Anklageschrift habe er durch seine Tätigkeit als Komponist von Theater- und Filmmusik in der UdSSR den Sturz der staatlichen Ordnung in Deutschland und die Errichtung einer Diktatur des Proletariats vorbereiten wollen. „Gerade diese Art der Tätigkeit des Angeschuldigten ist geeignet gewesen, in unverdächtiger Form als scheinbare Kunstausübung die politischen Bestrebungen des Weltbolschewismus besonders wirksam zu unterstützen.“

Als „Beweis“ werteten die Ankläger insbesondere Hauskas Mitwirkung an dem Film „Kämpfer“. Im Prozess vom 18. August 1939 vor dem Volksgerichtshof wurde Hauska, der sich geständig zeigte und angab, er habe sich vom Kommunismus abgewendet, zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Was schwerer wog, war der Verlust seiner Gesundheit, seines Eigentums, seiner Arbeit und seiner familiären Beziehungen, vor allem aber die fundamentale Erschütterung seiner weltanschaulichen Identität durch das ihm in der Sowjetunion widerfahrene Unrecht.

Nach seiner Entlassung im Juni 1940 wurde Hauska zu einer Berliner Firma dienstverpflichtet und musste sich monatlich bei der Gestapo melden. Einer Einziehung zur Wehrmacht entging er durch „Wehrunwürdigkeit“. Ein Angebot, durch regimefreundliche Kompositionstätigkeit in die Reichsmusikkammer aufgenommen zu werden, schlug er aus.

„Mein Leben war zerschlagen …“

Nach Kriegsende nahm Hauska, der sich nach wie vor als Kommunist begriff, einen ebenso hartnäckigen wie erfolglosen Kampf um seine persönliche Rehabilitierung vor seinen Genossen und Freunden auf. An Gustav von Wangenheim schrieb er im März 1946: „Mein Leben war zerschlagen, alles das, woran ich felsenfest geglaubt hatte, war in der Taganka buchstäblich in den Dreck getreten worden […].“ Und er fragte: „Glaubst du tatsächlich […], dass ich oder einer aus unserem Kreise, die wir in der Sowjet-Union uns ein neues Leben schaffen konnten und ein Leben geführt haben, wie wir es nicht vorher hatten, und nachher auch nicht so schnell wieder haben werden, […] nur im Traum daran gedacht hätten, uns in der Sowjet-Union unanständig zu verhalten“?

Er plante, seinen Fall vor der Partei als Präzedenzfall für all jene aufzurollen, denen dies nicht mehr möglich war, in der naiven Annahme, dass eine solche Aufarbeitung im ureigensten Interesse der Sowjetunion – und damit auch der Kommunistischen Partei – sei. Sowohl bei der KPD wie auch später, nach seiner Repatriierung nach Wien, bei der KPÖ stieß er damit auf taube Ohren. Eine rigide Parteidisziplin und unerschütterliche Loyalität zur UdSSR, aber auch die Mittäterschaft der eigenen Funktionäre standen einer Auseinandersetzung mit den an zahllosen Kommunisten begangenen stalinistischen Verbrechen entgegen.

Späte Rehabilitierung

Erst die Entstalinisierung ermöglichte es den überlebenden Opfern der „Säuberungen“, ihre Ansprüche bei den sowjetischen Behörden geltend zu machen. Hauskas offizielle Rehabilitierung durch das Moskauer Militärgericht „wegen Abwesenheit des Tatbestandes“ erfolgte 1958 und wurde 1962 vom Obersten Gericht der UdSSR bestätigt. Anfang 1958 übersiedelte er – nach mehrjährigem, entbehrungsreichem Aufenthalt in Wien – nach Berlin (DDR), wo er eine Anstellung in der Deutschen Konzert- und Gastspieldirektion erhielt. Daneben komponierte er unter anderem Agitationsprogramme und für die Kabarettbühne Die Distel. Nach dem Tod Eislers widmete er sich dem Aufbau des Hanns-Eisler-Archivs an der Akademie der Künste (Ost).

An seine Karriere, die in der UdSSR so vielversprechend begonnen hatte, konnte er im Gegensatz zu etlichen seiner ehemaligen Kollegen nicht mehr anknüpfen, was nicht zuletzt in seiner Weigerung, Stillschweigen über das ihm angetane Leid zu bewahren, begründet lag. Die einmalige Entschädigung von 300 Rubeln für seine Verfolgung erhielt seine Familie nach seinem frühen Tod am 7. März 1965 in Berlin.


Weitere Werke: Jugendaktiv-Lied, 1930; Udarnik-Lied, 1931; Eine Front, Arbeiter!, 1935 (Text: Erich Weinert); Marsch der Moskauer Karl-Liebknecht-Schule, 1935 (Text: Erich Weinert); La Paz – La Paix – Der Frieden, 1957. – Bühnenmusiken zu: Bauer Baetz. Ein Schauspiel vom deutschen Bauern anno 1932, 1932 (Text: Friedrich Wolf); Wo ist Emilie?, 1935 (Text: Hans Drach); Der arme Konrad, 1936 (Text: Friedrich Wolf); Deutschland anno 1937, 1937 (Text: Helmut Damerius); Saboteur-Orchester, o. J. (Text: Kolonne Links).


Literatur: öml; Inge Lammel, Lieder gegen Faschismus und Krieg, 1958, S. 16f.; Inge Lammel, Lieder der Agitprop-Truppen vor 1945, 1959, S. 46–53; Christine Kanzler, Vom Kulturrevolutionär zum Volksfeind: Hans Hauska und die „Kolonne Links“, in: Die Betrogenen. Österreicher als Opfer stalinistischen Terrors in der Sowjetunion, ed. Hans Schafranek, 1991, S. 47–73; Peter Diezel, Theater im sowjetischen Exil, in: Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945, ed. Frithjof Trapp u. a., 1, 1999, S. 289–318; Günter Agde, Kämpfer. Biographie eines Films und seiner Macher, 2001, passim; Peter Diezel, Hans Hauska. Von Stalin zu Hitler. Ein Schicksal aus den Zeiten des Terrors, 2003; Wolfgang Thiel, Der Filmkomponist Hans Hauska. Eine Standortbestimmung, in: Filmexil Moskau. Filmexil 20, Dezember 2004, S. 57–66; Peter Diezel, Schnittstelle Moskau. Gemeinsame und getrennte Wege. Curt Trepte, Luisrose Fournes, Hans Hauska. Aufzeichnungen, Briefe, Dokumente, 2008; Hans Hauska, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Zugriff: 4. 5. 2026).

(Christine Kanzler)

Wir danken dem Archiv der Wiener Konzerthausgesellschaft, dem Deutschen Historischen Museum, Berlin, dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien und dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, Berlin für das Bildmaterial.