Als Mediziner, Publizist und Filmreformer verband der lange vergessene Adolf Nichtenhauser wissenschaftliche Expertise mit politischem Engagement. Sein Lebensweg zeigt, wie eng kulturelle Produktion, politische Kämpfe und persönliche Überlebensstrategien in der Zwischenkriegszeit und im Exil verflochten waren. Besondere Bedeutung erlangte er jedoch erst posthum als einer der Ersten, der die Geschichte des medizinischen Films systematisch erfasste, ein Vorhaben, das ihn auch nach seiner Emigration in die USA begleitete.
Adolf Nichtenhauser kam am 1. August 1903 in Wien als ältester Sohn von Hermann (Heřman) Nichtenhauser (1866–1942) und seiner Ehefrau Ida, geb. Mogyorósy (1878–1942), zur Welt. Beide Eltern wurden 1942 über Theresienstadt in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet. Nichtenhausers Vater stammte ursprünglich aus Andrichau (Andrychów) in Galizien, seine Mutter aus Budapest. Die Familie zog bereits im Dezember 1903 nach Mährisch Ostrau (Ostrava). Hermann Nichtenhauser war Miteigentümer des Unternehmens Ecco – Gesellschaft für technische Bedarfsartikel und industrielle Betriebserfordernisse m.b.H., mit Hauptstandort in Mährisch Ostrau und weiteren Niederlassungen, darunter in Wien. Adolfs Brüder waren im Familienunternehmen tätig: Bedřich (geb. 1905; gest. New York, 1946) arbeitete als Verkäufer bei Ecco und hielt Anteile an der Brünner Filiale, während Karel (1908–1933) als Verkaufsassistent unter der Leitung seines Vaters agierte. Die Familie führte ein gutbürgerliches Leben und gehörte zur Generation wohlhabender jüdischer Geschäftsleute, die nach den Gleichstellungsgesetzen und Antidiskriminierungsmaßnahmen des späten 19. Jahrhunderts wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg innerhalb der Habsburgermonarchie erfuhren.
Nach Absolvierung der deutschsprachigen Realschule in Mährisch Ostrau 1918 spiegelte Nichtenhausers Studienweg seine intellektuelle Neugier wider, die seine späteren Tätigkeiten als Mediziner, Filmingenieur und Publizist prägten: 1920 begann er ein Studium der Naturwissenschaft an der philosophischen Fakultät der Universität Berlin, ab April 1921 studierte er Philosophie an der Universität Bonn. 1921–1922 belegte er an der Universität Heidelberg Kurse u. a. in deutscher Literatur, Geschichte, Renaissancekunst, Psychologie, Archäologie, Kunstgeschichte, Zoologie, Chemie, Latein sowie in Evolution des Menschen. Ab 1923 konzentrierte er sich zunehmend auf naturwissenschaftliche Fächer und setzte bis August 1924 sein Studium der Zoologie an der Universität Berlin fort. Im Wintersemester 1924/25 immatrikulierte er sich schließlich als Medizinstudent an der Universität Wien, wo er im Dezember 1931 zum Doktor der Medizin promoviert wurde. Damals wurde Nichtenhauser in den städtischen Meldeunterlagen noch als tschechoslowakischer Staatsbürger jüdischen Glaubens geführt, einige Zeit später erscheint stattdessen „Öst. (Wien)“ als Staatszugehörigkeit.
Von 1931 bis 1933 absolvierte Nichtenhauser ein Praktikum im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) in Wien. 1933–1934 arbeitete er als Assistenzarzt an den Abteilungen für Tuberkulose und Chirurgie im Städtischen Krankenhaus Lainz, 1934–1936 als Stationsarzt an mehreren Wiener Krankenhäusern wie dem AKH, dem St. Anna Kinderspital sowie der Klinik der Arbeiterunfallversicherungsanstalt. 1936 wechselte Nichtenhauser in das Cottagesanatorium in Wien-Währing, das auf Tuberkulose und chronische Erkrankungen wohlhabender Patientinnen und Patienten spezialisiert war. Die zunehmende Politisierung der Gesellschaft zeigte sich auch im Gesundheitswesen, etwa in der eingeschränkten Berufsausübung für jüdische Ärztinnen und Ärzte wie Nichtenhauser, der am AKH bereits als politisch widerständig aufgefallen war. Das Sanatorium bot jüdischem ärztlichen Personal eine vergleichsweise sichere Arbeitsumgebung in den politisch zunehmend instabilen Jahren. Parallel dazu erweiterte er seine Kenntnisse in Filmtechnik, publizierte zu Fragen des (medizinischen) Lehr- und Kulturfilms und übersetzte medizinische Fachliteratur aus dem Englischen ins Deutsche. Die frühe Verbindung von Medizin und Filmtechnik markierte den Beginn einer Spezialisierung, die ihn schließlich in den USA verstärkt zur publizistischen und wissenschaftlichen Arbeit führte.
Nichtenhauser erinnerte sich, dass seine Faszination für den Film 1924 durch amerikanische Stummfilmkomödien geweckt wurde. Bereits damals begann er, Filme systematisch zu analysieren und Rezensionen für österreichische, deutsche und Schweizer Publikationen zu verfassen. Daneben arbeitete er als Filmkritiker und schrieb auch Drehbücher. Schon damals bemerkte er: „Die Verwendung des Films ist gerade für die Medizin von besonderer Bedeutung. Denn die Gegenstände und Vorgänge, mit denen sich die Medizin befaßt, sind zum großen Teil sichtbar oder sichtbar zu machen.“ Dieser frühe Fokus auf die didaktische und dokumentarische Funktion des Films legte den Grundstein für sein späteres Engagement im Bereich des medizinischen Lehr- und Forschungsfilms. Zwischen Mitte der 1920er- und den späten 1930er-Jahren besuchte er filmtechnische Lehrgänge, etwa am Technologischen Gewerbemuseum in Wien sowie an der Technischen Hochschule. Diese Kurse, häufig in Kooperation mit Vereinigungen wie dem Österreichischen Lichtspielbund oder dem Schulkinobund organisiert, richteten sich vor allem an Lehrende sowie Volksbildnerinnen und Volksbildner, boten aber auch externen Interessierten die Möglichkeit, Kenntnisse in Projektionstechnik, Schmalfilm, Kamera und Filmproduktion zu erwerben. Nach Absolvierung konnten Abschlüsse als „Filmingenieur“ oder „Schulkinovorführer“ erlangt werden. Nichtenhausers praktische Auseinandersetzung mit dem Medium Film mündete 1929/30 in der Realisierung der vierteiligen Amateurdokumentation „Das Pfingstjugendtreffen der kaufmännischen Angestellten,“ bei dem er Regie führte. Produziert wurde der laut eigenen Angaben „substandard“ ausgeführte Film im Auftrag einer österreichischen Arbeiterjugendorganisation, vermutlich mit Bezug zu Nichtenhausers sozialdemokratischem Umfeld. Der Film selbst gilt heute als verschollen, ist aber ein frühes Beispiel für den Versuch, politische Bildungsarbeit und Schmalfilmtechnologie zu verbinden. Seit der Einführung des Schmalfilms betonte Nichtenhauser dessen Bedeutung nicht nur für die kulturelle, sondern auch für die gesundheitspräventive Bildung. Seine Aktivitäten im Bereich Lehr- und Kulturfilm lassen sich daher sowohl als Ausdruck persönlicher Leidenschaft als auch als Teil einer breiteren Bewegung verstehen, die den Film als Medium der Volksbildung in Verbindung mit Wissenschaft etablieren wollte.
Ab 1932 publizierte Nichtenhauser film- und kulturkritische Texte, zunächst unter seinem Namen, ab 1934 auch unter dem Pseudonym „Optikus“ oder „Opticus“ in Anspielung auf den Nervus opticus. Diese Tätigkeit sowie seine Kontakte ins Ausland brachten ihn immer wieder in Konflikt mit Obrigkeiten, wodurch seine beruflichen Perspektiven in Wien zunehmend eingeschränkt wurden und er schließlich auf der schwarzen Liste nicht nur der medizinischen Behörden aufschien. 1932 und 1933 verfasste Nichtenhauser mehrere Beiträge für die antifaschistische „Wiener Weltbühne“. In ihrer letzten Ausgabe vom 7. März 1933 veröffentlichte er einen Artikel über die Instrumentalisierung des Films im NS-Staat und forderte Widerstand gegen mögliche NS-Produktionen. Bemerkenswert ist, dass Nichtenhauser parallel dazu für die „Internationale Lehrfilmschau“, das Publikationsorgan des Istituto internazionale per la cinematografia educativa in Rom (Internationales Lehrfilm-Institut), das zu dieser Zeit unter italienisch-faschistischer Ägide stand, schrieb. Einerseits bleibt unklar, wie bedrohlich seine Texte für das Regime tatsächlich eingeschätzt wurden, andererseits ist auch ihre unmittelbare Wirkung schwierig zu beurteilen. Jedenfalls profilierte er sich unter seinem Pseudonym als mehr oder weniger scharfer Regimegegner, während er in offiziellen Fachorganen einen vorsichtigeren Ton anschlug. 1933 veröffentlichte er in der „Internationalen Lehrfilmschau“ den umfangreichen Artikel „Der Aufbau der Kulturarbeit am Film,“ in dem er ökonomische, künstlerische und pädagogische Aspekte behandelte. Ein Jahr später publizierte er eine gekürzte, medizinisch fokussierte Fassung in der „Wiener Medizinischen Wochenschrift“. Darüber hinaus nahm er an internationalen Kongressen teil und kritisierte in seinem Bericht „Filmkongress in Rom“ (1934) die politische Dimension der Lehrfilmbewegung. Seit 1933 schrieb er mit Nachdruck Filminstitute und Filmproduktionen in den USA, Großbritannien und Frankreich an: zunächst, um Manuskripte zur Bedeutung von Lehrfilmen zur Publikation einzureichen, später um seine Pläne für ein neues internationales Lehrfilminstitut mit Sitz in Paris vorzustellen. In den unmittelbaren Jahren vor dem Anschluss kamen Anfragen nach Arbeitsstellen dazu.
Nichtenhausers regimekritische Publizistik unter Pseudonym spielte jedenfalls eine zentrale Rolle in seinem Engagement im austrofaschistischen Widerstand. Auffällig ist jedoch, dass diese bedeutende Tätigkeit in seinen hinterlassenen Materialien und selbstverfassten Lebensläufen nur zurückhaltend erwähnt wird.
Nach dem Anschluss 1938 floh Nichtenhauser zunächst über Mailand nach Paris. 1939 emigrierte er in die USA, unterstützt durch einen Filmproduzenten von Twentieth Century-Fox, der ihm zu einem Visum verhalf. Nach seiner Ankunft in New York beantragte Nichtenhauser die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, die ihm im März 1944 zugesprochen wurde. In offiziellen Dokumenten erscheint er als 35-jähriger Arzt, unverheiratet, später heiratete er eine aus Deutschland stammende Frau namens Margaret. In den USA bemühte sich Nichtenhauser, seine filmische Arbeit fortzusetzen – eine Vision, die ihn einerseits ermutigte, seine Karriereambitionen weiterzuverfolgen, ihm aber andererseits Anfeindungen einbrachte, vor allem, weil er als jüdischer und widerständiger Flüchtling Teil einer Generation von Europäerinnen und Europäern war, die nicht zwingend mit offenen Armen willkommen geheißen wurden. Erste Ideen, u. a. für Disney, fanden keine Resonanz, doch bald erhielt er Anstellungen, etwa als Assistent des Direktors für Gesundheitsaufklärung bei der National Tuberculosis Association. 1945 zog er nach Washington, D.C., wo er für Bundesbehörden als Berater arbeitete, darunter für die Armed Forces Medical Library (heute: National Library of Medicine), für die er einen Plan zur Sammlung und Archivierung medizinischer Filme erstellte. 1950 wurde er Mitarbeiter des neu gegründeten Medical Film Institute der Association of American Medical Colleges.
1947 beauftragte die U.S. Navy’s Audio-Visual Training Section (Bureau of Medicine and Surgery) Nichtenhauser mit der Erstellung einer Monografie über die Geschichte und den aktuellen Stand medizinischer Filme. Wie er selbst schreibt, sollte sein Buchmanuskript „The History of Medical Motion Pictures“ zur Reform der medizinischen und gesundheitsbezogenen Filmproduktion, -distribution und -bewertung nach dem Krieg beitragen. Die Filme sollten künstlerisch oder wissenschaftlich wertvoll sein. Innerhalb der Geschichts- und Medienwissenschaft hat das Manuskript daher insbesondere seit der Digitalisierung von Nichtenhausers Schriften und Materialien durch die National Library of Medicine im Jahr 2022 international Beachtung gefunden.
Nichtenhauser starb am 3. November 1953 in New York.
Weitere Werke: Was wird aus dem deutschen Film?, in: Die Wiener Weltbühne. Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft 2, 1933; Der Aufbau des medizinischen Filmwesens, in: Wiener Medizinische Wochenschrift 84, 1934; Der Film im neuen Österreich, in: Zeitschau. Halbmonatsschrift für Kultur, Wirtschaft und Politik 1, 1934, Nr. 14–15 (unter Pseudonym).
Literatur: Walter Mentzel, Adolf Nichtenhauser – Ein in Österreich vergessener Pionier des medizinischen Films und Autor des unveröffentlichten Manuskripts: „A History of Motion Pictures in Medicine,“ ub.meduniwien.ac.at/blog/ (mit Werken, abgerufen 22. 8. 2025); Katrin Pilz u. a., Eine bildungs- und medienhistorische Ressource zum Lehrfilm in Österreich: Die Datenbank und Mediensammlung www.lehrfilmpraktiken.at (2024), bildungsgeschichte.de/beitrag/4993/; David Cantor, Adolf Nichtenhauser: Documenting the Histories of Movies and Medicine, Circulating Now. From the Historical Collections of the National Library of Medicine (3. 3. 2022), circulatingnow.nlm.nih.gov/2022/03/03/adolf-nichtenhauser-documenting-the-history-of-movies-and-medicine/ (abgerufen 22. 8. 2025); Adolf Nichtenhauser, Medical Film Materials, National Library of Medicine, Bethesda, USA, Digital Collection (and Paper collection), Archives & Personal Papers Collections collections.nlm.nih.gov/catalog/nlm:nlmuid-2934110R-root (abgerufen 22. 8. 2025); Allgemeines Verwaltungsarchiv, Universitätsarchiv, Wiener Stadt- und Landesarchiv (historische Meldeunterlagen), alle Wien; Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin; Archiv der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, beide Deutschland; AMO – Archiv města Ostrava, Tschechien.
(Katrin Pilz)
Die Forschungen zu Adolf Nichtenhauser wurden gefördert von der Stadt Wien Kultur. Wir danken dem Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStlA) und ANNO für die Zurverfügungstellung der Abbildungen.
Nichtenhauser wusste zu diesem Zeitpunkt nichts von der Ermordung der Eltern.