Anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums der Fotografie widmet sich die Biographie des Monats einer frühen österreichischen Vertreterin dieser Sparte. In ihren Ateliers in Wien und Ischl rückte Rosa Jenik Prominente wie Private ins rechte Licht.
Rosa Wilhelmine Jenik kam am 17. Juni 1853 im niederösterreichischen Mödling zur Welt, wo ihr Vater Josef (geb. 2. Mai 1817; gest. 1. März 1895) als Kanzlist beim Bezirksgericht arbeitete. Josef Jenik – in Kirchenbüchern als Genik geführt – stammte seinerseits aus Butschowitz/Bučovice in Mähren und war Sohn des fürstlich Liechtensteinischen Rechnungsrats Leopold Genik. Zum Zeitpunkt seiner Heirat wohnte er auf Schloss Wilfersdorf in Niederösterreich, dem Stammschloss der Liechtensteins. Rosas Mutter Emilie, geb. Küss (getauft 28. April 1829), war gebürtige Wienerin. Deren Vater Ferdinand (geb. Königswart/Lázně Kynžvart, Tschechien, 7. Mai 1800; gest. Pörtschach am Wörther See, Kärnten, 4. Februar 1886) war ein Sohn des aus Böhmen stammenden Hof-Blasinstrumentenmachers Wolfgang Küss.
Rosa wuchs wohl spätestens ab 1857 in Wien auf, wo auch ihre Schwestern Elise (Elisabeth) 1860 und Emilie 1865 geboren wurden. Ihr Vater war mittlerweile Direktionsadjunkt beim Obersten Gerichtshof in Wien. Ab 1865 wohnte die Familie in der Josefstadt, Maria-Treu-Gasse 4. Im 3. Stock dieses Hauses befand sich das von Großvater Küss eingerichtete Fotoatelier, das zum Ausgangspunkt für Rosas Laufbahn wurde.
Ferdinand Küss, im Brotberuf Inspektor bei der priv. oesterr. National-Bank, hatte sich einen Namen als Stillleben- und Blumenmaler gemacht. Anfang der 1850er Jahre entdeckte er die Fotografie für sich, wie aus der Wiener Theaterzeitung hervorgeht, die 1852 die Größe, Schärfe und elegante Ausführung seiner Aufnahmen lobt und den Besuch seines Ateliers in der Herrengasse Nr. 32 empfiehlt. Küss habe im Porträtfach ausländische Arbeiten „weit überflügelt“, heißt es dort. In den folgenden Jahren ist Küss im Wiener Adressbuch, dem „Lehmann“, an wechselnden Hausnummern in der Herrengasse verzeichnet, ehe er dauerhaft in die Maria-Treu-Gasse übersiedelte. 1865 findet man ihn erstmals im Branchenverzeichnis des „Lehmann“, in dem das noch junge Gewerbe zwischen „Pflasterern“ und „Physharmonika-Verfertigern“ rangiert. Küss wurde Mitglied der Photographischen Gesellschaft in Wien, die 1864 die erste Fotoausstellung im deutschen Sprachraum ausrichtete. Die folgenden Fachausstellungen in Berlin 1865 und Hamburg 1868 brachten dem Atelier Preismedaillen ein, ebenso die Pariser Weltausstellung 1867.
Da beide Eltern im Atelier tätig waren, wuchs Rosa quasi in das Metier hinein. Nach eigenen Angaben hatte sie seit jeher eine Vorliebe für die Fotografie. Diese wurde gerade durch technische und chemische Neuerungen wie das Nasse Kollodium-Verfahren revolutioniert, blieb aber doch eine komplexe Angelegenheit, die Know-how und Fingerspitzengefühl erforderte. Die Glasplatten mussten sorgfältig präpariert und empfindlich gemacht, vor allem aber in noch nassem Zustand belichtet und entwickelt werden. Rosas Vater übernahm um 1865 das Atelier des Schwiegervaters, trat 1866 der Photographischen Gesellschaft bei und gehörte mehrfach deren Komitee an. Mutter und Tochter meldeten Anfang 1870 beim Wiener Magistrat „unter verantwortlicher Leitung der Ersteren“ den Betrieb der Fotografie an. Geschäftsleiter war zumindest ab 1869 der spätere Hoffotograf Othmar von Türk, bis dieser 1871 ein eigenes Atelier eröffnete. Um diese Zeit beschäftigte das Unternehmen sechs Hilfskräfte.
Mit 17 Jahren suchte Rosa Jenik Ende November 1870 beim „hochlöblichen k.k. Obersthofmeisteramt“ um Verleihung des Hoftitels an, eine Auszeichnung, die zwei Jahre vor ihr Adele Perlmutter als erste Fotografin erhalten hatte. Sie stellte den Antrag als Mitbesitzerin des ausgedehnten Fotoateliers (nunmehr Maria-Treu-Gasse Nr. 6), das Ferdinand Küss „vor sechs Jahren“ an seine Tochter übertragen habe. Das Atelier werde weiter unter der Firma Ferdinand Küss geführt, doch Rosa gibt an, seit mehreren Jahren an sämtlichen Arbeiten und der Leitung des Ateliers beteiligt zu sein. Sie habe sich die nötige Ausbildung angeeignet, „um in vollster Selbständigkeit den Anforderungen der Jetztzeit zu genügen.“ Ihr Atelier zähle „zu den bevorzugtesten und beliebtesten“ Wiens und werde von einem „gewählten“ Publikum, namentlich der hohen Aristokratie aufgesucht. Sie verwies auf die verliehenen Preismedaillen, vor allem aber auf die erhaltene „Gnade“, Erzherzog Franz Karl, Erzherzogin Sophie und Erzherzog Ludwig Viktor „zur vollen Zufriedenheit der allerhöchsten Herrschaften“ fotografieren zu dürfen.
Ihr Ansuchen unterstrich sie durch Hinweis auf ihr eifriges Streben, „auf der Bahn der Veredlung und Vervollkommnung der Fotografie, einer der höchsten Errungenschaften des menschlichen Geistes, mit aller Wärme und Anhänglichkeit vorwärts zu schreiten, und sich so dieser Allerhöchsten Gnade stets würdiger zu zeigen.“ Sie erhielt das Dekret im März 1871.
Im Jahr darauf annoncierte sie, dass sie das Geschäft nunmehr unter ihrer eigenen Firma „unverändert“ fortführen werde, und bot Retusche sowie Ausführung in Öl, Pastell oder Aquarell an. Anfang 1872 wurde Rosa Jenik in die Photographische Gesellschaft aufgenommen, 1873 erhielt sie auf der Wiener Weltausstellung eine Verdienstmedaille und 1875 eine Bronze-Medaille für Bilder in „Van der Weyde-Manier“, die sie in der Ausstellung im k. k. österreichischen Museum für Kunst und Industrie zeigte. Alle Auszeichnungen nutzte sie als werbewirksames Dekor auf der Rückseite der Untersatzkartons, die die Fotografin anfangs noch als „Ferd. Küss’s Enkelin“ auswiesen.
Als Atelierbesitzerin war Jenik eine große Ausnahme, wenngleich um 1873 in allen Wiener Ateliers Mädchen, seltener Frauen, arbeiteten. Dies erhob Josef Löwy im Vorfeld der Wiener Weltausstellung. Er schätzte die Zahl der weiblichen Beschäftigten auf mehr als 450 (darunter 270 zum Retuschieren, 150 zum Kopieren, 10 im Labor, 20 nur zum Kolorieren und Retuschieren der größeren Bilder und der Negative).
Rosas Jeniks Anfänge fielen in die Blütezeit der Visitkartenfotografie, die von Frankreich ausgehend rasch Verbreitung fand. Die kleinen, auch für die weniger betuchte Kundschaft erschwinglichen Porträts von der Größe einer Visitkarte waren um 1861 „in Wien vollständig zum Mode-Artikel, man kann sagen zur Manie geworden“: „Wohin das Auge blickt, nichts als photographische Porträts in allen Größen und Gattungen, auf Glas und Papier, mit und ohne Rahmen, schwarz und coloriert“, berichtete ein Korrespondent der „Temesvarer Zeitung“. Die Auslagen am Graben und am Kohlmarkt waren voll von „Helden der Tagesgeschichte“ und „Wiener Theater-Koryphäen“. Friedrich Uhl schätzte ihre Anzahl 1866 in Wien auf viele Millionen und sprach von einem Erwerbszweig, der Hunderte ernährt. Zeitgenossen schrieben von „Visitkartenepidemie“ (Wien) oder „Porträt-Visiten-Kartomanie“ (Berlin). Das Satireblatt „Kikeriki“ gab 1865 zur „Fotografirungswuth“ einen kurzen historischen Abriss, wonach zunächst Liebende einander mit Porträts überraschten, bevor sich der eine oder andere im Jagdkostüm ablichten ließ. Darauf folgten Familienbilder, eine Flut von Künstlerbildern, Kavallerieschulen, kleine Vereine und Gasthausgesellschaften in corpore, schließlich Burschenschaften etc. Zuletzt, so der „Kikeriki“, konnte man kein öffentliches Lokal mehr betreten, „ohne dasselbe, alle Säcke mit Fotografien von Bekannten vollgestopft, wieder zu verlassen.“
Das ursprüngliche Fotoatelier lag schräg vis-à-vis der Piaristenkirche und nur wenige Gehminuten vom Theater in der Josefstadt entfernt. Zusätzlich erwarb Rosa Jenik 1871 das Atelier des Porträtfotografen Josef Homolatsch. Es befand sich in der Mariahilfer Straße Nr. 55, einem Eckhaus neben der Mariahilfer Kirche. Im September jenes Jahres gab Jenik per Inserat die Schließung zwecks Vergrößerung und Neueinrichtung bekannt, konnte aber schon kurz vor Weihnachten die Eröffnung ihres „allen Anforderungen der Jetztzeit“ entsprechenden und „mit dem nöthigen Komfort“ ausgestatteten Salons vermelden. Darin waren nun Gruppenaufnahmen von bis zu 30 Personen möglich. Schaukästen bewarben ihre Bilder bei beiden Ateliers sowie am Graben und am Opernring. Im November 1882 gab Jenik diesen Standort zugunsten eines neuen in der Wollzeile 24, 2. Stock, auf, der aber nur bis 1884 in Betrieb gewesen zu sein scheint. In Zeitungsannoncen nannte sie als „Specialitäten“ Aufnahmen von Kindern, größeren Gruppen und Tieren (Jeniks Hundefotos wurden auf der internationalen Hunde-Ausstellung 1883 in Wien prämiert). 1884 konnte man hier auch praktischen Unterricht in der Fotografie nehmen.
Schon unter Ferdinand Küss entstand ein Sommeratelier an der Esplanade in Ischl (damals noch ohne den Zusatz „Bad“). Ein Reiseführer berichtete 1877, dass die Bilder, die die „schöne Photographin von Sr. Kaiserlichen Hoheit dem Herrn Erzherzog Franz Karl anfertigt“, sich der allgemeinen Bewunderung erfreuten. Mit Vorliebe besuchten die Sommergäste, „namentlich viel schöne Frauen und Mädchen“ ihr Atelier, um sich in den „allerliebsten Ischler Costümen“ aufnehmen zu lassen. Im Ischler Atelier posierten Sommerfrischler vor einer gemalten Salzkammergut-Landschaft, umgeben von ländlichem Beiwerk wie Baumstümpfen und Heu, die Hand etwa auf einem Bauernstuhl oder einem Stück Jägerzaun ruhend. Auch die humoristische „Hochzeitsgeschichte vom Land“ in acht Bildern von Ferdinand Küss dürfte hier inszeniert worden sein.
Am 2. Mai 1876 heiratete Rosa Jenik den Fotografen und Gastwirtssohn Michael Daniel Dörfler aus Steinamanger/Szombathely (geb. 30. April 1845; gest. Wien, 10. Oktober 1911). Da er Helvetischen Bekenntnisses war, bedurfte es eines Dispenses „vom Hindernisse der Religionsverschiedenheit“ und eines Vertrags zur katholischen Kindererziehung. Trauzeugen waren der Fotograf Dominik Stahala und der von Rosa porträtierte Geiger und Komponist Franz Mögele. Michael Dörfler arbeitete in der Firma seiner Frau. Nach ihrer Heirat tragen manche Fotokartons den Aufdruck Rosa Jenik-Dörfler.
Rosa brachte drei Kinder zur Welt: Rosa Emilie (geb. Wien, 9. Jänner 1877; gest. ebd., 12. Juli 1954), Karl Michael (geb. Wien, 19. August 1880) und Hilda Emilie (geb. Wien, 4. September 1885; gest. ebd., 14. September 1956). Hilda wurde Schauspielerin. Nach ihrem Debüt 1903 trat sie am Raimund-Theater und am Ronacher auf, ehe sie ans Münchner Lustspielhaus wechselte. Das gab Gelegenheit zu Rollenporträts mit Tochter Hilda vor und Mutter Rosa hinter der Kamera.
Zur Kundschaft des Ateliers zählten neben Privatpersonen Persönlichkeiten aus Theater, Musik und Literatur, aber auch Politiker und Wissenschaftler. Es entstanden Gruppenaufnahmen etwa von Bibliotheksbeamten, Absolventen akademischer Kurse oder der katholischen Studentenverbindung Rudolfina.
Mit der wachsenden Verbreitung des Radsports fanden um die Jahrhundertwende Radfahrerinnen und Radfahrer ihren Weg ins Straßen- und ins Lichtbild. „Das interessante Blatt“ brachte Jeniks Aufnahmen des Kunstfahrers Gustav Schreiber bei Übungen wie dem Fahren unter dem Sitz. Auch Hilda, Carl und Michael Dörfler wurden Mitglieder des Oesterreichischen Touring-Clubs. Für Angehörige des Wiener Cyclisten Clubs und des Bundes deutscher Herrenfahrer-Verbände Österreichs gab es bei Jenik Ermäßigungen.
Für den Ruf des Ateliers Jenik spricht, dass es zu Ausbildungszwecken empfohlen wurde. Der Brünner Frauen-Erwerbverein sah 1898 in der Fotografie einen lohnenden Erwerbszweig für Frauen und Mädchen und erwähnte diesbezüglich neben der k. k. Lehr- und Versuchs-Anstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren in Wien die Ateliers Adele Perlmutter, Rosa Jenik und Fräulein Jagemann.
Gelegentlich setzte Rosa Jenik sich auch selbst in Szene, so beim Huldigungsfestzug zum Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs 1898, bei dem sie die Vindobona verkörperte, oder als „majestätische Vertreterin“ der Germania während des Sängerbundfestes 1890 in Wien. Beim Sommerfest des Vereins Lueger-Bund 1896 mimte sie in den Lebenden Bildern die Austria.
Josa Jenik starbam 31. März 1913 in ihrer Wohnung in der Maria-Treu-Gasse und wurde im Grab ihres Mannes auf dem Evangelischen Friedhof Simmering beigesetzt. Ihr Sohn Karl suchte in seinem Namen und dem seiner Schwestern um die Genehmigung an, das Fotografengewerbe zurücklegen zu dürfen. Damit fand das Atelier sein Ende.
Literatur: Wiener allgemeine Zeitung (früher Theaterzeitung), 1852, Nr. 123, S. 495 (für Ferdinand Küss); Temesvarer Zeitung, 23. 2. 1861; Kikeriki, 22. 6. 1865; Neue Freie Presse, 11. 11. 1866; Neues Wiener Tagblatt, 10. 10. 1869; Fremden-Blatt, 26. 9., 19. 12. 1871; Photographische Notizen, Jg. 8, 1872, S. 80; Photographische Correspondenz, Jg. 10, 1873, S. 33f., 88, Jg. 12, 1875, S. 77, 159, Jg. 45, 1908, S. 43, Jg. 50, 1913, S. 248, 253f.; Neues Wiener Extrablatt, 20. 11. 1882; Weltausstellung 1873. Führer zu den Photographischen Ausstellungen; M. Herz, Oesterreichische Reisebilder. Führer nach den bedeutendsten Bade- und klimatischen Curorten, 1877, S. 90; Erster Jahresbericht […] der Schule des Frauenerwerb-Vereines in Brünn […], 1898, S. 12; W. Baier, Geschichte der Fotografie, 1980, S. 505ff.; Geschichte der Fotografie in Österreich 2, ed. O. Hochreiter – T. Starl, 1983, S. 129, 133, 145; Die Explosion der Bilderwelt. Die Photographische Gesellschaft in Wien 1861–1945, ed. M. Ponstingl, 2011, S. 178f., 181, 187; Verstorbenensuche der evangelischen Friedhöfe Wien; Pfarre Mariahilf, Pfarre Maria Treu, HHStA, WStLA, alle Wien.
(Eva Offenthaler)
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