Josef Kates – visionärer Computerpionier im Exil in Kanada

Eines der weltweit ersten Computerspiele (Videospiel) wurde 1950 auf der Canadian National Exhibition vorgestellt. Besucherinnen und Besucher standen Schlange, um eine Partie „Tic-Tac-Toe“ („Drei gewinnt“) gegen das elektronische Wunderwerk „Bertie the Brain“ zu spielen. Die Maschine war unschlagbar – es sei denn, ihr Erfinder, Josef Kates, programmierte sie entsprechend anders. „Bertie the Brain“ ist nur eine der bahnbrechenden Ideen und Erfindungen des visionären Computerpioniers Josef Kates, der im Jahr 2000 in einem Interview mit dem kanadischen Maclean’s Magazine sagte: „Die meisten Leute dachten, Computer könnten einige Dinge tun, ich dachte, Computer könnten alles tun.“

Jugend in Wien

Josef Kates wurde am 5. Mai 1921 in Wien als Josef Katz geboren. Er war das fünfte von sechs Kindern einer österreichisch-jüdischen Familie. Seine Eltern, Anna und Bernhard Katz, betrieben im Wiener Gemeindebezirk Margareten ein Lebensmittelgeschäft, in dem sie Milch- und Geflügelprodukte verkauften. Als Bub ging er gerne in den Bergen bei Wien Schifahren, spielte Fussball und fuhr oft mit dem Fahrrad in den Wienerwald. Seine Kindheitserinnerungen spiegeln aber auch Erfahrungen mit Antisemitismus und feindseligen Haltungen in Wien wider.

Zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ am 12. März 1938 besuchte Josef Kates die siebte Klasse am Goethe-Gymnasium Wien. Nach der Wiederaufnahme des Unterrichts – die Schule war nach dem „Anschluss“ etwa eine Woche lang geschlossen gewesen – mussten er und zwei weitere jüdische Schüler seiner Klasse in der hintersten Reihe sitzen. Mehrere Lehrkräfte und Mitschüler machten ihnen das Leben mit antisemitischen Bemerkungen und Schikanen schwer, weshalb Josef Kates beschloss, die Schule nach nur wenigen Tagen zu verlassen. Er wollte so schnell wie möglich aus Wien weg, doch seine Eltern beabsichtigten zunächst noch zu bleiben, um ihr Geschäft nicht aufgeben zu müssen. Doch wie viele andere wurde auch die Familie Katz ausgeraubt, enteignet und ihr Geschäft „arisiert“; während des Novemberpogroms wurde Bernhard Katz zusammen mit zweien seiner Brüder verhaftet.

Flucht aus Wien über Italien und die Schweiz nach Großbritannien

Josef Kates floh im Juni 1938 gemeinsam mit einem Freund nach Italien und ging dann weiter in die Schweiz. Dort lebte er in Zürich und versuchte, seine Schulausbildung abzuschließen. Bis Ende 1938 schafften es auch seine Eltern, einige Geschwister und weitere Verwandte aus Wien, nach Zürich zu fliehen. Da sie nur eine befristete Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz hatten, versuchten zwei ältere Schwestern, denen die Flucht nach Großbritannien gelungen war, britische Visa für sie zu beschaffen (z. B. als Haushaltsangestellte oder Lehrlinge), was ihnen auch gelang. Josef Kates kam Anfang Februar 1939 in London an und begann als Lehrling in einer Optikerfirma zu arbeiten. Sein geringes Einkommen reichte aber nicht aus, um in London zu leben, weshalb er nach ein paar Monaten nach Leeds übersiedelte, wo sich inzwischen seine Eltern und drei seiner Geschwister aufhielten.

Großbritannien erklärte am 3. September 1939 dem Deutschen Reich nach dem Überfall auf Polen den Krieg. Damit wurden die im Land lebenden deutschen Staatsangehörigen zu „feindlichen Ausländern“. Als im Frühjahr 1940 die Angst vor Sabotageanschlägen durch Nazi-Sympathisanten in Großbritannien stark anstieg, ordnete die britische Regierung am 12. Mai 1940 eine Masseninternierung „feindlicher Ausländer“ an. Das betraf auch Tausende NS-Flüchtlinge, und Josef Kates wurde ebenso Mitte Mai in Leeds verhaftet.

Das britische Kabinett beschloss, deutsche Kriegsgefangene und „gefährliche feindliche Ausländer“ aus Sicherheitsgründen außer Landes zu schaffen. Kanada willigte ein, mehrere Tausend dieser Personen zu übernehmen. Der britische Inlandsgeheimdienst hatte die Zahl der „dangerous enemy aliens“ aber überschätzt, weshalb auch internierte NS-Flüchtlinge auf die Schiffe nach Kanada gebracht wurden, um die Quote auszunutzen. So gelangte der damals 19-jährige Josef Kates gemeinsam mit ca. 2.000 NS-Flüchtlingen im Juli 1940 nach Kanada, wo er weiterhin interniert wurde.

Internierung in Kanada

Auf Initiative älterer Internierter wurden in den Lagern Ausbildungsprogramme und Lagerschulen eingerichtet, denn viele der jungen Flüchtlinge hatten aufgrund der NS-Verfolgung ihre Schulausbildung nicht abschließen können. Das Erlernen verschiedener Berufe bzw. ein Schulabschluss sollte sie auf das Leben nach ihrer Entlassung vorbereiten. Josef Kates besuchte die Lagerschule und bestand im September 1941 die Maturaprüfungen mit hervorragenden Noten; diese mussten außerhalb des Lagers an der McGill University in Montreal abgelegt werden.

Ab Herbst 1941 wurden erste Entlassungen aus den Lagern möglich. Voraussetzungen dafür war eine, wenn möglich, kriegswichtige Arbeitsstelle oder ein Studienplatz an einer kanadischen Universität sowie ein Sponsor, der für den Lebensunterhalt der Person aufkommen würde. Josef Kates, der ein ausgezeichneter Schüler war, hoffte auf eine Entlassung als Student. Es gelang aber nicht, einen Sponsor für ihn zu finden, da sich nicht genügend Bürginnen bzw. Bürgen gemeldet hatten.

Entlassung nach Toronto

Im März 1942 bot eine Optikfirma aus Toronto etwa 30 Arbeitsstellen für internierte Flüchtlinge an. Josef Kates, der einige Monate in der Optikbranche in London gearbeitet hatte, wurde als qualifiziert angesehen und aus dem Lager entlassen. Eine strenge Auflage für die Freilassung in Kanada war, dass man mindestens ein Jahr bei dem zugewiesenen Arbeitgeber bleiben musste. Kates wollte unbedingt Physik und Mathematik studieren, aber seine Arbeitsstelle, in der er an optischen Instrumenten für die Royal Canadian Navy arbeitete, ließ das nicht zu. 1944 fand er eine Anstellung bei Rogers Electronics Tubes (später Philips Electronics), wo er an Elektronenröhren forschte. Trotz Vollzeitbeschäftigung konnte er nun Abendkurse in Physik und Mathematik an der University of Toronto besuchen. 1948 schloss er ein Bachelorstudium in Mathematik und Physik ab und erwarb 1949 einen Master in Angewandter Mathematik.

Entwicklung des ersten Computer Kanadas

Noch während seines Studiums wurde Josef Kates in das Forschungsteam des neu gegründeten Computation Centre an der University of Toronto aufgenommen, das einen Prototyp von Kanadas erstem Computer, bekannt als UTEC (University of Toronto Electronic Computer), entwarf und programmierte. Josef Kates arbeitete aber nicht nur an der Programmierung des UTEC und an seiner Dissertation zum Thema „Space Charge Effects in Cathode-Ray Storage Tubes“ (Promotion 1951), sondern kreierte in Kooperation mit dem kanadischen Radio- und Elektronikhersteller Rogers Majestic eine interaktive digitale Spielmaschine namens „Bertie the Brain“, um das Potenzial der von ihm entwickelten Miniatur-Vakuumröhre (Additron) zu demonstrieren. Inmitten der Fernseh- und Radioausstellung auf der Canadian National Exhibition in Toronto 1950 spielten begeisterte Besucherinnen und Besucher „Tic-Tac-Toe“ und verloren fast immer gegen die Maschine, die als bemerkenswerter Meilenstein in der Entwicklung von Computerspielen gilt.

Josef Kates, der zuerst den UTEC mitentwickelte und ab 1952 an der Programmierung und Wartung des FERUT (kurz für Ferranti, University of Toronto), Kanadas erstem kommerziellen Computer, beteiligt war, verließ das Rechenzentrum der Universität Toronto nach sechs Jahren. Zunehmend betätigte er sich als Computer Consultant für verschiedene Institutionen, darunter das Los Alamos National Laboratory, die Canadian Radio Manufacturing Company und das Institute for Advanced Study in Princeton.

Pionier im aufstrebenden Computer- und IT-Sektor

1954 gründete Josef Kates gemeinsam mit zwei Partnern KCS Limited, die erste Beratungsfirma für Computer und Operations Research in Kanada und ein Computer-Service-Büro. KCS Limited wuchs rasch zu einem großen internationalen Unternehmen heran (mit Niederlassungen u. a. in Kanada, den USA und in Großbritannien). Zu den bekanntesten Projekten zählt Josef Katesʾ weltweit erstes computergesteuerte Ampelsystem, das er für die Stadt Toronto entwarf. Ein wichtiges Großprojekt für die kanadische Wirtschaft war, die Stauprobleme des Wellandkanals zu lösen, um die Kapazität des St. Lawrence Seaway, der wichtigsten nordamerikanischen Binnenwasserstraße, zu erhöhen. Im Winter gab es erhebliche Stauprobleme, da die Schleusen des Wellandkanals zu langsam arbeiteten und große Hochseeschiffe im Eis einfroren. Jahrelang gab es keine Lösung, doch Josef Kates schaffte es, die Schleusen so zu optimieren, dass die Schiffe auch in kalten Wintern den St. Lawrence Seaway passieren konnten.

Weitere Studien beschäftigten sich mit der computergestützten Raumplanung in Nordamerika und Europa, mit digitalen Systemen zur Steuerung und Taktung des öffentlichen Nahverkehrs oder mit der Computerisierung des kanadischen Krankenversicherungssystems.

1975 ernannte der damalige Premierminister Pierre Elliott Trudeau Josef Kates zum Vorsitzenden des Canadian Science Council, von 1979 bis 1985 war er Chancellor der University of Waterloo. Nach einer einzigartigen Karriere im IT-Bereich ging Josef Kates 1996 in den Ruhestand, blieb aber weiterhin Berater der Toronto Transit Commission (TTC) zur Verbesserung der computergesteuerten Verkehrssysteme der Stadt. 2011 würdigte die kanadische Regierung seine außerordentlichen Leistungen als Pionier im Bereich der Konzeption, Entwicklung und Anwendung der Computertechnologie und verlieh ihm den Order of Canada, die höchste zivile Auszeichnung des Landes.

Josef Kates, der nach seiner Entlassung aus der kanadischen Internierung Toronto zu seinem Zuhause gemacht und eine Familie gegründet hatte, verstarb dort am 16. Juni 2018.


Weitere Werke: A Method for Improving the Read-around-Ratio in Cathode-Ray Storage Tubes, in: Proceedings of the IRE 41, 1953, H. 8, S. 1017−1023.


Literatur: Eric Koch, Deemed Suspect: A Wartime Blunder, 1980, S. 146−155, 230−254, 268; Sonja Sinclair, No ordinary campers, in: Macleanʾs, Mai 2000, S. 24f.;„spuren:suche“, Edition virtuelle Bibliothek Goethe-Gymnasium, 2005(Zugriff 29. 5. 2026); Lisa Queen, Computer pioneer named to Order of Canada, 30. September 2011 (Zugriff 11. 6. 2026); Chris Bateman, Meet Bertie the Brain, the world’s first arcade game, built in Toronto, in: spacing, 13. August 2014 (Zugriff 27. 5. 2026); Chris Bateman, The story behind the first computer in Canada, in: spacing, 12. November 2016 (Zugriff 27. 5. 2026); Andrea Strutz, „Detour to Canada“. The fate of Juvenile Refugees After the „Anschluss“ 1938, in: Simone Gigliotti, Monica Tempian (eds.), The Young Victims of the Nazi Past. Migration, the Holocaust and Postwar Displacement, London et al. 2016, S. 3150; Andrea Strutz, Austrian Immigration to Canada and Contributions of Austrian Migrants, in: Quiet Invaders? Austrian Immigrant Biographies to the United States in the Twentieth Century, ed. Günter Bischof, 2017, S. 43−63; Andrea Strutz, Interned as „enemy aliens”: Jewish Refugees from Austria, Germany and Italy in Canada, in: Yearbook of the Research Centre for German and Austrian Exile Studies 20, ed. Swen Steinberg – Anthony Grenville, 2020, S. 46–67; Josef Kates, Computer Timeline (Zugriff 20. Mai 2026);https://www.artsci.utoronto.ca/news/celebrating-60-years-computer-science-u-t (Zugriff 11. 6. 2026).

(Andrea Strutz)