Joseph Michael von Ehrenfels (1761–1843) – ein Imker und Agrarfachmann, der seiner Zeit voraus war

 

Im November 1822 wurde der aus einfachen Verhältnissen stammende Imkerpionier Joseph Michael von Ehrenfels wegen seiner Verdienste um die heimische Landwirtschaft in den Freiherrnstand erhoben. Dabei hatte der geistige Vordenker des 1924 gegründeten Österreichischen Imkerbunds mit großen organisatorischen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Ehrenfels‘ Geburtsdaten galten lange Zeit als unklar. Tatsächlich kam er am 8. Dezember 1761 (fälschlicherweise wird oft 1767 genannt) in Zwettl als Joseph Judman zur Welt. Seine Eltern, Michael und Rosalia Judman, gingen dort dem Gerberhandwerk nach. Über seine genaue Ausbildung ist nichts bekannt, lediglich dass er bereits im Knabenalter der Faszination für die Imkerei erlegen sein soll. Sein späteres Werk „Die Bienenkunde“ (1829) enthält ein biografisches Vorwort, demzufolge er in Leipzig mit der damaligen Fachliteratur über Bienenkunde in Berührung kam. Vor allem die Schriften Johann Christian Ramdohrs waren es, die ihn dazu bewogen, sich selbst Bienen anzuschaffen. Er begann – Ramdohrs Anleitungen folgend – mit der Magazinimkerei, also im Prinzip einer Vorform jenes Systems, das sich später durchgesetzt hat und heute die nahezu alleinige Betriebsweise der modernen Imkerei darstellt. Interessanterweise ging er wieder zur traditionellen Korbimkerei mit Schwarmvermehrung über, der wohl ursprünglicheren Form der Bienenhaltung. Begründet wurde dieser Schritt mit einem angeblich höheren Ertrag und einer vermeintlich einfacheren Handhabung.

Erstaunlich gut unterrichtet

Überhaupt ist man als heutiger Imker erstaunt über die Fülle an richtigen Informationen, über die Ehrenfels und seine Zeitgenossen hinsichtlich der im Stockfinsteren verborgenen Vorgänge verfügten. Schließlich war das herausnehmbare Bienenrähmchen, mittels dessen man eine genaue Besichtigung des Innenlebens eines Bienenstocks erst für möglich halten würde, noch nicht erfunden. Und zwar noch lange nicht: Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten August von Berlepsch das mobile Rähmchen und Lorenzo Langstroth bzw. Johann Dzierzon  den Bienenabstand. Ehrenfels dagegen verwendete für seine Beobachtungen gläserne Bienenkörbe. Beispielsweise deutete er die drei Bienenwesen, nämlich Königin, Arbeiterin und Drohn hinsichtlich ihrer Rolle – wie wir heute wissen – richtig. Das war keineswegs selbstverständlich – schließlich waren manche Zeitgenossen Ehrenfels’ noch der festen Meinung, die Königin sei in Wahrheit ein König und habe mit der Fortpflanzung des Bienenvolks nichts zu tun. Ehrenfels dagegen erkannte die Königin richtigerweise als einziges Weibchen im Stock, welches allein für die Reproduktion im Bienenvolk zuständig ist. Nur die Rolle der Drohnen schätzte er etwas falsch ein: Obwohl er korrekterweise davon ausging, dass es sich bei ihnen um den männlichen Part des Bienenvolks handelte, meinte er in ihnen auch die Zubereiter des Futtersafts zu erkennen. Er begründete seine Annahme damit, dass der Saft, welcher beim Drücken der (mit Sperma gefüllten) Drohnen austritt, ähnlich schmecke wie der sich in den Waben befindliche (und tatsächlich von den Arbeiterinnen erzeugte) Futtersaft.

Allein auf weiter Flur …

Wie für viele Zeitgenossen galt auch für Ehrenfels Polen als ein imkerliches Eldorado. Nach mehrmaligen Reisen dorthin stellte er allerdings fest, dass die Qualität der polnischen Bienenzucht nicht – wie von vielen anderen angenommen – an naturräumlichen Verhältnissen lag, sondern an der allgemeinen Verbreitung der Imkerei in der Bevölkerung: Einfache imkerliche Handgriffe waren dort jedem geläufig, beinahe jeder Haushalt hielt ein paar Bienenstöcke – ganz im Unterschied zu Österreich, wo die Imkerei eine Angelegenheit weniger war. Anno 1799 kam Ehrenfels daher auf den Gedanken, der österreichischen Bienenzucht mittels Aktien auf die Sprünge zu helfen. Bei dem Versuch, eine Imkerschule zu gründen, musste er allerdings erkennen, dass es hierzulande an qualifizierten Imkern mangelte und somit keine Lehrer für eine derartige Anstalt zu finden waren. Ob diese Annahme gerechtfertigt war oder nicht: Aus dem Vorhaben wurde nichts. Auch der wohlmeinende Versuch, beim Wiener Theresianum 100 Bienenstöcke aufzustellen, um aus den Reihen der Zöglinge neue Imker zu gewinnen, führte nicht zum erhofften Erfolg. Grund dafür sei mangelndes Interesse seitens der Schule gewesen, die ihm bei erstmöglicher Gelegenheit bedeutet habe, die Bienen müssten aus Platzmangel weichen. Auch Zusagen von Politikern, etwa des Gouverneurs von Österreichisch-Schlesien, sich um die Gründung und Förderung einer eigenen Imkerschule zu kümmern, verliefen im Sand. Dabei dachte Ehrenfels volkswirtschaftlich, also im Interesse des Staats, und sah in der Imkerei eine Erwerbsmöglichkeit, keine Liebhaberei: Es sollte möglich sein, dass eine Imkerei mit 150 Stöcken bei geschickter Führung eine Familie ernähren könnte.

Wesentlich erfolgreicher war Ehrenfels in anderen Bereichen: 1790 heiratete er die aus Preußisch-Schlesien stammende, überaus vermögende Magdalene Louise Gräfin von Schönburg und gewann dadurch finanzielle Freiheiten, die es ihm ermöglichten, 1802 das Gut Ragelsdorf im Waldviertel zu kaufen. 1805 übersiedelte er – mitsamt Imkerei – nach Muthmansdorf am Fuße der Hohen Wand. Dauerhaft ließ sich die Familie dann ab 1808 im Waldviertel auf den Gütern Lichtenau, Brunn am Wald und Allentsgschwendt nieder. Die von ihm geleiteten Betriebe galten als Musterwirtschaften. Neben der Imkerei war es die Schafzucht, die es ihm angetan hatte: Hier kam es zu legendären Diskussionen mit Albrecht Daniel Thaer darüber, welche Schafrasse für Österreich bzw. Europa am vorteilhaftesten wäre. Ehrenfels trat in dieser Frage für das „Elektoralschaf“, eine ursprünglich aus Spanien stammende Merinorasse, ein. Die noch heute unter der Bezeichnung „Merinofleischschaf“ bestehende Rasse zeichnete sich sowohl durch eine hervorragende Woll- als auch Fleischqualität aus. Heute führt sie – wie beinahe alle Zwienutzungsrassen – ein Schattendasein und wird nur mehr durch Liebhaberzucht aufrechterhalten. Auch soll Ehrenfels ein Mittel gegen die Klauenseuche bei Schafen entdeckt haben.

„Wer nun schon alles so zu machen wüßte wie Hülfreich …“

Schon früh entfaltete Ehrenfels eine rege Tätigkeit als Fachschriftsteller. Im populären Stil seiner (auch für heutige Nutzer) recht gut lesbaren Schriften schlüpfte er oft in die Rolle eines erfahrenen Ratgebers, der sein umfassendes Wissen an die weniger versierten Nachbarn und Zuhörer weitergibt. Ehrenfels veröffentlichte viele seiner Werke unter dem bezeichnenden Pseudonym „Erdmann Hülfreich“. Hinter den barocken Titeln finden sich detaillierte Anleitungen zu alltäglichen Problemen, wie sie im Rahmen der Landwirtschaft auftreten. Selbst vor guten Ratschlägen für angehende Hausfrauen schreckte er nicht zurück und verfasste „Der Erdmuthe Hülfreichinn Unterricht für Hausmütter in ihren Geschäften, welche sie in der Küche, im Garten, im Viehstalle und im Geflügelhofe zu besorgen haben, nebst dem was ihnen vom Spinnen, der Weberey, von Zurichtung der Bette und Wäsche zu wissen nothwendig ist. Ein Gegenstück zum Erdmann Hülfreich“ (1795). Den Zeitgenossen gefiel’s jedenfalls, erschienen doch einige seiner Schriften in mehreren Auflagen.

Ehrenfels und das Theresienbad

Im Jahr seiner Erhebung in den Freiherrnstand 1822 ist Ehrenfels als Besitzer des „Meidlinger Schwefelbades“ genannt, einer Heilquelle, die sich hinter dem Meidlinger Schloss befand. Ehrenfels, der das Schloss mitsamt der Heilquelle erworben hatte, ließ im selben Jahr die Einrichtung grundlegend ausbauen, indem der Brunnen vertieft und in einen Neubau integriert wurde. Daneben wurde auch ein bestehender Theatersaal des Schlosses für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Schließlich war er es auch, der dieser Einrichtung den Namen „Theresienbad“ (wegen der prominenten Vorbesitzerin Maria Theresia) gab. Im Meidlinger Schloss starb Joseph Michael von Ehrenfels am 9. März 1843 an einer „Übersetzung des Gichtstoffes auf die Lunge“, so der Vermerk in den Sterbematriken.

Zum Gedenken an den großen Imkerpionier errichtete der Wiener Bienenzüchterverein 1893 anlässlich des 50. Todestags von Ehrenfels vor seinem ehemaligen Wohnhaus, dem nicht mehr existenten Meidlinger Schloss, einen Gedenkstein. Dieser kann auch heute noch bewundert werden – allerdings vor dem neuen Theresienbad und leider mit falschem Geburtsdatum. Zudem erinnert die Ehrenfelsgasse in Wien-Meidling an ihn.


Weitere Werke (Auswahl): Ueber den Wiesen- und Futterbau, 1790 (noch als D. Judtmann); Erdmann Hülfreichs Unterricht für Bauersleute über die Krankheiten der Pferde, des Hornviehes, der Schaafe und Schweine, 1790; Erdmann Hülfreichs bewährtes Handbüchlein für Bauersleute, 1791; Ueber die Krankheiten und Verlezzungen der Frucht- oder Gartenbäume. Ein Buch für Landbürger und Gartenfreunde, 1795; Plan und Einladung zur Errichtung einer vaterländischen Bienengesellschaft durch Actien, 1799; Erdmann Hülfreich's auf eigene Erfahrung gegründete Anweisung zur Bienenzucht in Körben, Magazinen und Lagerstöcken ohne Künsteley, 1804; Erdmann Hülfreichs Unterricht für Bauersleute, wie man die gefährlichsten Zufälle und Krankheiten der Feld- und Gartenfrüchte, als des Getreides, der Futterkräuter, der Küchengewächse, der Obstbäume, des Weinstockes etc. erkennen, verhüten und heilen kann, 1807; Ueber die Drehkrankheit der Schafe, 1824; Wie kann die gesunkene Landwirthschaft und der dadurch gesunkene Bodenwerth in Oesterreich wieder gehoben werden?, 1828; Die Bienenzucht nach Grundsätzen der Theorie und Erfahrung, 1829; Geschichtliche Darstellung meiner neuen Schafcultur, oder das zwei- und dreischürige Electoralschaf, 1831.


Literatur.: Neue Freie Presse, 10. 3. 1893; Wiener Landwirtschaftliche Zeitung, 15. 3. 1893; ADB; Frank-Altmann; Wurzbach.

(Philipp Dittinger)