Ein Studienabbrecher als Ordinarius: Adolfo Mussafia (1835–1905), Pionier der Romanistik in Österreich

Der akribische Analytiker älterer Texte in romanischen Sprachen prägte die Anfänge seines Fachs und verfasste zudem einen Lehrbuchklassiker.

Adolfo Mussafia (in manchen Dokumenten auch Mussaffia) wurde am 15. Februar 1835 im dalmatinischen Spalato (kroatisch Split) als Abraham Mussafia in eine Rabbinerfamilie geboren: Sowohl sein Großvater Chaim Isaac Mussafia (1760‒1837) als auch sein Vater Jacob Mussafia standen der jüdischen Gemeinde in der Adriastadt vor, beide veröffentlichten zudem theologische Schriften. Mussafias Mutter Rachele (genannt Nina) Levi stammte aus Sarajewo. Dass sich in der Literatur lange und hartnäckig 1834 als Mussafias Geburtsjahr hielt, hat mit dem sog. More Veneto zu tun, einer kalendarischen Besonderheit der Republik Venedig, an der die jüdische Gemeinde der Stadt auch nach dem Untergang der Serenissima eine Zeit lang festhielt.

Von der Heil- zur Sprachkunde

Mussafia, der mit dem venezianischen Dialekt seiner Geburtsstadt und dem in seiner Familie gesprochenen Judenspanisch aufwuchs, maturierte am italienischen Gymnasium von Spalato und nahm im Wintersemester 1852/53 – nach dem Willen seines Vaters und mit einem Stipendium der Spalatiner jüdischen Gemeinde – in Wien ein Medizinstudium auf. Seine Neigungen lagen jedoch anderswo, sodass ihn die Vorlesungen an der philosophischen Fakultät ungleich mehr anzogen als der Seziersaal. Vor allem in den italienischen Übungen machte der Dalmatiner durch seine reichen Kenntnisse bald auf sich aufmerksam. Nach dem Tod des Vaters und dem Ausbleiben der Unterstützung aus der Heimat gab er das Medizinstudium nach vier Semestern endgültig auf. In das Jahr 1855 fielen gleich drei für Mussafia folgenreiche Ereignisse: Er veröffentlichte seine erste kleine wissenschaftliche Abhandlung (über die Bildung des Plurals bei Ortsnamen im Italienischen), erhielt die Möglichkeit, an der Wiener Universität selbst Italienisch zu unterrichten und konvertierte zum Katholizismus. Letztere Entscheidung ist möglicherweise vor dem Hintergrund des damals weit verbreiteten Antisemitismus einerseits und einer ins Auge gefassten Hochschulkarriere andererseits zu sehen. Die Taufe vollzog der spätere Weihbischof Johann Nógall, als Pate fungierte ebenfalls ein späterer Bischof, nämlich Mussafias Landsmann Mate Zannoni.

Ungewöhnlicher Karrierestart

Mussafias Leitstern über seinen ersten romanistischen Gehversuchen war der damals in Bonn lehrende Friedrich Diez, Begründer der Romanistik im deutschsprachigen Raum. Um bei ihm studieren zu können, suchte Mussafia beim Ministerium um ein Stipendium an. Mit der Ablehnung seines Gesuchs kam ein überraschender Vorschlag: Man bot ihm (wir schreiben 1860) die erste (vorerst) außerordentliche Professur für Romanistik an der Wiener Universität an. 1858–76 war Mussafia, parallel zu seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule, auch als Beamter der Hofbibliothek tätig, wo mit Ferdinand Wolf, dem Leiter der Handschriftenabteilung, ein weiterer früher Vertreter des Fachs in Österreich wirkte. Während Mussafia einige Aspekte dieser Tätigkeit, etwa die Bestandserfassung bzw. das Katalogisieren, wenig zusagten, hatte er nun ausreichend Gelegenheit, sich in das Studium historischer Handschriften zu vertiefen, die fortan im Mittelpunkt seiner Forschungen stehen sollten.

Gründungsvater der Wiener universitären Romanistik

1867 avancierte Mussafia zum Ordinarius für Romanistik an der Universität Wien. Der Autodidakt konnte – bildlich gesprochen – als einer Ersten das noch weitgehend unbebaute Feld seines Fachs bestellen. In dieser Hinsicht ist er vielleicht mit dem etwas älteren slawistischen Pionier Fran Miklosich vergleichbar, der sich im Übrigen für ihn einsetzte. Als Ende der 1860er-Jahre Mussafia auch als Rigorosenprüfer herangezogen wurde, beseitigte man 1869 den Schönheitsfehler eines nie absolvierten regulären Studiums kurzerhand mit der Verleihung des Ehrendoktorats.

Für Mussafia war die enge Verbindung von Sprach- und Literaturwissenschaft noch selbstverständlich, darin war er Philologe im klassischen Sinn. Das Ausgangsmaterial für seine sprachhistorischen Studien stellten fast ausschließlich schriftliche Quellen dar, in der Regel mittelalterliche literarische Texte. Ein gewisser Schwerpunkt lag dabei auf dem älteren Französischen, Provenzalischen und v. a. dem Italienischen, doch widmete er sich in der einen oder anderen Form sämtlichen romanischen Sprachen, mit Ausnahme des Sardischen und Rätoromanischen. Die akribische Analyse historischer Texte war seine Stärke und sein Kerngebiet. Um einen Text zu verstehen bzw. vollständig zu erschließen, bedurfte es in seinen Augen einer eingehenden Analyse der betreffenden Sprachvarietät unter Einbeziehung von Laut- und Formenlehre, Syntax und Stilistik. Mit großem Einfühlungsvermögen in die Lebenswelt vergangener Epochen widmete er sich etwa der Erklärung schwieriger, im Laufe der Überlieferung bisweilen „verdorbener“ Textstellen. „Beiträge zur Geschichte der romanischen Sprachen“ (1861), die Boccaccio-Schrift „Difese d’un illustre“ (1861), „Handschriftliche Studien“ (3 Bde., 1862–64), „Altfranzösische Gedichte aus venezianischen Handschriften“ (2 Bde., 1864) usw. – die Liste der Titel aus den ersten Jahren seiner Schaffenszeit ließe sich lange fortsetzen.

In seiner Fokussierung auf den historischen literarischen Text legte Mussafia auf andere Quellen, die später für die Sprachwissenschaft so zentral werden sollten, etwa die gesprochenen Mundarten oder historische Gebrauchstexte, wenig bis kein Augenmerk. Auch sein „Beitrag zur Kunde norditalienischer Mundarten“ (1873) beruht auf älteren Texten, die „Darstellung der romagnolischen Mundart“ von 1871 (eine der ersten wissenschaftlichen Einzeldarstellungen eines italienischen Dialekts überhaupt) auf einem bereits 1840 veröffentlichten Wörterbuch. Damit stand er an einer methodischen Wende von der älteren zur neueren Romanistik, die er teilweise nicht mehr mitvollzog. Andererseits legte er auf Sachkundliches großen Wert, hierin war er ein Impulsgeber für die später von Wilhelm Meyer-Lübke (dessen Berufung nach Wien er unterstützte) und Hugo Schuchardt intensiv betriebene Forschungsrichtung „Wörter und Sachen“. Eine wichtige Stellung in seinem Œuvre nimmt auch die Motivgeschichte ein, wobei er den oft verschlungenen Überlieferungssträngen detektivisch nachspürt, etwa in den „Studien zu den mittelalterlichen Marienlegenden“ (5 Bde., 1886–98).

Mussafia war zudem ein fleißiger Rezensent, wobei seine Besprechungen die rezensierten Arbeiten oft wesentlich bereichern oder sogar übertreffen und somit bisweilen den Charakter eigenständiger wissenschaftlicher Beiträge aufweisen. Als Literaturhistoriker im engeren Sinn betätigte er sich nur in seinem Artikel „Italienische Literatur“ für den Dalmatien-Band des sog. Kronprinzenwerks (1892). Als ihm 1905, kurz vor seinem Ableben, eine umfangreiche Festschrift „zur Feier seines siebzigsten Geburtstages und des hundertsten Lehrsemesters“ überreicht wurde, zählte das dort abgedruckte Schriftenverzeichnis 336 Einträge.

Mussafia war in der internationalen wissenschaftlichen Community bestens vernetzt. Seine Reputation weckte das Interesse der Universitäten in Straßburg und Rom sowie der Accademia scientifico-letteraria di Milano, doch die Wiener Alma Mater konnte ihren Professor mittels Gehaltserhöhung im Zuge einer Berufungsabwehr 1876 langfristig an sich binden.

Leidenschaftlicher Sprachpädagoge 

Neben seiner wissenschaftlichen Pionierarbeit war Mussafia in einem ganz wesentlichen Maß auch Pädagoge, der den Stoff immer wieder neu anordnete, um ihn seinen Studenten möglichst leicht zugänglich zu machen. Schon 1856 setzte man ihn als „Lehrer für italienische Sprache und Litteratur zur Ausbildung von deutschen und italienischen Lehramtskandidaten für Gymnasien mit italienischer Unterrichtssprache“ ein. Diese Aufgabe, einschließlich der Heranführung der in der Regel Dialekt sprechenden künftigen Lehrer an eine überregionale italienische Hochsprache, lag ihm während seiner ganzen universitären Laufbahn am Herzen, wie auch einschlägige praktisch orientierte Publikationen zeigen. Als Werkzeug „für den ersten Unterricht“ gedacht war Mussafias 1860 veröffentlichte „Italienische Sprachlehre in Regeln und Beispielen“ − ein für seine Zeit relativ fortschrittliches Lehrbuch, das auch Wortbildung und Syntax mit einbezog und den Lernenden mittels stufenweise aufgebauter Lektionen die „Gesetze der Sprache“ näherbringen sollte. Die Beispielsätze waren klar, einfach und der Alltagssprache entnommen. Dem Werk war (später im Rahmen von zahlreichen Neubearbeitungen durch mehrere Autoren) ein ungeahnter Erfolg beschieden: 1916 zählte man die 30. Auflage, ab 1934 wurde das Werk als „Der neue Mussafia“ fortgeführt, noch 1999 erschien in 47. Gesamtauflage „Der neueste Mussafia“ – wie einst die Erstausgabe im Wiener Verlag Braumüller. Erst jüngst hat Gualtiero Boaglia aufgezeigt, wie Mussafia zudem in die Gestaltung des Italienischunterrichts in der Monarchie eingebunden war, etwa durch Gutachten für Schulbücher.

Keine Schule, doch illustre Schüler

Auch wenn in der Literatur über Mussafia anklingt, dass er durch sein Wirken die Etablierung des Fachs zwar erst ermöglicht, jedoch keine eigene Schule im engeren Sinn hervorgebracht hat, ist die Liste seiner Schüler an der Wiener Universität beeindruckend. Zu ihnen zählen Persönlichkeiten wie Wendelin Foerster, Jan Urban Jarník, Antonio Ive, Wolfram Zingerle, Hugo von Hofmannsthal, Carlo Battisti oder die Schwestern Helene und Elise Richter. Letztere waren mit dem Ehepaar Mussafia bereits seit der Zeit vor ihrer (verspätet angetretenen) akademischen Laufbahn bekannt – man hatte sich 1891 in Aussee kennengelernt und wohnte seit dem Folgejahr im selben Haus in der Florianigasse. Elise Richter, die sich als erste Frau an der Wiener Universität habilitierte, verfasste einen längeren biografischen Beitrag über Mussafia anlässlich seines 25. Todestags. Dieser stellt, ebenso wie ihre Lebenserinnerungen, eine interessante Quelle in Bezug auf die Persönlichkeit ihres romanistischen Lehrers dar.

Öffentliches Engagement im nationalen Zeitalter

Speziell als universitärer Neuphilologe geriet man in den letzten Jahrzehnten der Donaumonarchie leicht in politische Auseinandersetzungen, wie nicht zuletzt das Beispiel von Mussafias Schüler Ive zeigt. Mussafia selbst scheint gegen irredentistisches Gedankengut weitgehend immun gewesen zu sein, dennoch setzte er sich durchaus für Belange der innerhalb der Doppelmonarchie lebenden Italiener ein. So machte er sich etwa in dem 1880 eskalierenden Konflikt zwischen kroatisch-nationalen und italienisch-autonomistischen Kräften in seiner Vaterstadt für das Italienische als Schul- und Verwaltungssprache stark. Als die nationalen Spannungen im ausgehenden 19. Jahrhundert immer mehr zunahmen und man ihm nahelegte, sich an der Universität nicht mehr des Italienischen als Vortragssprache zu bedienen, soll ihn dies gekränkt haben. 1901 als Mitglied auf Lebenszeit ins Herrenhaus berufen, setzte er sich in seiner einzigen dort gehaltenen Rede im Mai 1902 für die Errichtung einer italienischen Universität in Triest ein, freilich vergebens.

Mussafia wurden zahlreiche Ehrungen zuteil, etwa die Aufnahme in die kaiserliche Akademie der Wissenschaften (1866 korrespondierendes, 1871 wirkliches Mitglied), in deren Publikationsorganen er wiederholt veröffentlichte, sowie in weitere Gelehrtengesellschaften (Istituto Lombardo, Istituto Veneto, Accademia della Crusca, Accademia dei Lincei etc.). Er saß zudem ab 1865 im Vorstand der neugegründeten Deutschen Dante-Gesellschaft. 1903 erhielt er den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.

Privates Glück und langer Leidensweg

Im Herbst 1867 hatte Mussafia Regina (Regine) Rosenthal geheiratet, die kurz vor der Eheschließung ebenfalls vom Judentum zum Katholizismus konvertiert war. Sie war Sängerin und die Cousine des Journalisten und Schriftstellers Sigmund Schlesinger. In einer Zeitungsskizze anlässlich ihres Todes schildert dieser, wie der junge Philologe jahrelang um sie geworben hatte. Als einer der Trauzeugen findet sich der namhafte dalmatinische Historiker Šime Ljubić eingetragen. Die Ehe blieb kinderlos.

Bereits bald nach der Heirat trat erstmals ein unheilbares Rückenmarksleiden auf, das Mussafia sein ganzes weiteres Leben beeinträchtigen sollte. Dazu kam später eine Sehschwäche. Diese körperlichen Gebrechen spiegeln sich indirekt in einem 1891 an das Ministerium gerichteten Ansuchen um eine Zulage wider – Mussafia benötigte inzwischen eine Begleitperson und einen Wagen, um seiner Lehrtätigkeit nachzukommen, dazu immer wieder Kuraufenthalte. Ende 1903 nahmen die Beschwerden derart zu, dass er im Folgejahr Linderung für seine Leiden im Trentino und später in Florenz suchte. Dort erlebte er noch die freundliche Zuwendung mehrerer Fachkollegen, ehe er am 7. Juni 1905 in der Arnostadt verstarb. Die Urne mit seiner Asche stand anschließend länger im Bücherschrank der Schwestern Richter in Wien, die auch an seinem Sterbebett gesessen waren. Schließlich forderte die Witwe sie zurück und ließ sie am sog. Engländerfriedhof (Cimitero degli Inglesi), dem nichtkatholischen (und primär protestantischen) Friedhof von Florenz, bestatten. Diese Entscheidung steht möglicherweise in Zusammenhang mit ihrem Übertritt in die evangelische Kirche A.B. Regina Mussafia verstarb 1915 in Wien, wenige Wochen vor der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn. Ihre sterblichen Überreste wurden im Grab ihres Mannes beigesetzt.


Weitere Werke: siehe Schriftenverzeichnis in: Bausteine zur romanischen Philologie. Festgabe für Adolfo Mussafia zum 15. Februar 1905, 1905.


Literatur: W. Meyer-Lübke, in: Wiener Zeitung, 11. 6. 1905, S. 8f.; M. Friedwagner, in: Neue Freie Presse, 18. 6. 1905, S. 31ff.; S. Schlesinger, in: Neues Wiener Journal, 21. 3. 1915, S. 9f.; E. Kanduth, in: Österreichisches Biographisches Lexikon 7, 1976, S. 3f.; E. Richter, Kleinere Schriften zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft, ed. Y. Malkiel, 1977, S. 573ff.; E. Richter, Summe des Lebens, 1997, passim; Ž. Muljačić, in: Estudis romànics 24, 2002, S. 211ff.; Th. Elsen, Adolf Mussafia – Zur 100. Wiederkehr seines Todestages, 2005; G. Boaglio, Geschichte der italienischen Literatur in Österreich 2, 2012, siehe Reg.; R. Tolomeo, in: Dizionario biografico degli italiani 77, 2012; G. Boaglio, L’italiano nell’impero asburgico, 2025, siehe Reg.; Universitätsarchiv, Allgemeines Verwaltungsarchiv, Pfarre Am Hof, Pfarre Dornbach, Pfarre St. Augustin, Evang. Kirche A.B. Innere Stadt, alle Wien.

(Hubert Bergmann)

Der Autor möchte sich bei Stefan Sienell vom Archiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (AÖAW) für die Bereitstellung von Bildmaterial bedanken.