Der vor 20 Jahren verstorbene Filmförderer wird neben Bruno Kreisky und Josef Frank zu den bekanntesten Österreichern gezählt, die sich vor den Nationalsozialisten nach Schweden retten konnten. In seinem Geburtsland weitgehend unbekannt, liegt seine große Bedeutung vor allem darin, dem schwedischen Film zu einem internationalen Höhenflug verholfen zu haben.
Von Harry Schein gibt es allein durch seine (nicht ins Deutsche übersetzten) Autobiografien zahlreiche Bonmots über sich selbst. So hielt er einmal fest: „Ich wurde nicht – wie ich es früher meinte – am 13. Oktober 1924 in Österreich geboren, sondern am 10. April 1939, als ich nach Schweden kam.“ Im Exilland, aus dem er nicht mehr zurückkehren sollte, hegte er früh große Zukunftspläne: „Ich beschloss, Schwedens reichster Mann zu werden und Schwedens schönste Frau zu heiraten.“ Beides setzte er tatsächlich in die Tat um.
2017 bezeichnete das österreichische Außenministerium auf seiner Website Harry Schein als „Schwedens einflussreichsten nichtösterreichischen Österreicher aller Zeiten“. Anlass war die Vorführung des Dokumentarfilms „Citizen Schein“ in Stockholm.
Harry Scheins Eltern Chaim Moses (Marcell) Schein (1881–1936) und Ida, geborene Garfein (1888–1942), hatten 1920 im Wiener Stadttempel geheiratet. 1924 kam Harry Leonhard Schein zur Welt, die Schwester Elisabeth (Kitty) bereits 1921. Der Vater, ein Spediteur, verstarb plötzlich, als Harry erst elf Jahre alt war. Seine theaterinteressierte Mutter und er hatten an jenem Abend im Theater in der Josefstadt Zarah Leander in „Axel an der Himmelstür“ von Ralf Benatzky gesehen. Beim Nachhausekommen fanden sie den Vater tot vor.
Sein Wiener Zuhause beschreibt Schein als bürgerlich und altmodisch. Als ihn später der weltberühmte Regisseur Ingmar Bergman ermutigte, in seiner Autobiografie „Schein“ doch mehr über seine Kindheit zu berichten, ergänzt ebendieser das betreffende Kapitel lediglich um eine Aufzählung der Möbel in der Wohnung an der Adresse Untere Weißgerberstraße 50 in Wien-Landstraße. Harry Schein besuchte das Gymnasium in der Kundmanngasse, wo er ein Klassenkamerad des späteren Historikers Günther Hamann war. Er galt als schlechter Schüler und als disziplinlos. Im April 1938 zählte Schein zu jenen Kindern, die wegen ihrer jüdischen Herkunft die Schule verlassen mussten. Er wechselte in das Gymnasium in der Zirkusgasse in Wien-Leopoldstadt, eine sogenannte „Judenschule“.
Im Februar 1939 stellte das Hilfskomitee der mosaischen Gemeinde in Stockholm einen Einreiseantrag für einige Jugendliche, der bereits zwei Wochen später vom Schwedischen Konsulat in Wien für einen sechsmonatigen Aufenthalt in Schweden bewilligt wurde. Neben Schein stand auf dieser Liste auch Friedrich Schächter, der spätere Entwickler des Ballograf-Kugelschreibers.
Als sich die Abreise des Kindertransportes nach Schweden, für den ihn seine Mutter angemeldet hatte, verzögerte, schlug sich der erst vierzehnjährige Harry Schein kurzentschlossen ohne Begleitung über Berlin und Saßnitz nach Trelleborg durch. „Allein in ein fremdes Land zu kommen, ohne Geld, ohne einen einzigen Menschen zu kennen, ohne ein Wort Schwedisch zu sprechen. Das ist wie geschaffen für eine sob story“ (rührselige Geschichte), wird er später in seiner Autobiografie schreiben. Seine Mutter sollte Harry Schein nicht mehr wiedersehen.
Während auch Harrys Schwester Elisabeth, die knapp eine Woche nach seiner Flucht Theodor Gottlieb (1906–2001) heiratete, – in die USA – emigrierte, blieb die Mutter in Wien. Schon einige Zeit in Schweden, erfuhr Harry Schein, dass sie im Oktober 1939 neuerlich eine Ehe eingegangen war. Ida und ihr zweiter Mann Ludwig Langbank lebten in einer „Sammelwohnung“ in der Rotensterngasse 33, von wo aus sie am 5. Juni 1942 mit dem letzten Transport nach Izbica in Polen deportiert wurden. „Irgendwann, 1941 oder 1942, hörten ihre Briefe auf“, schreibt Schein vage. „1943 oder 1944 bekam ich einen Brief von der Schwedischen Israelmission [in Wien], wonach die Familie Langbank […] vom Konzentrationslager in Theresienstadt an einen unbekannten Ort im Osten abgereist war. Das war das letzte, das ich von ihr hörte.“ Mehrere Mitglieder der Familie Langbank wurden in nationalsozialistischen Lagern ermordet.
Über die jüdische Gemeinde in Stockholm bekam Schein wie viele geflüchtete Jugendliche in Schweden eine Stelle als Landwirtschaftsgehilfe auf einem Bauernhof in Småland vermittelt; ab November 1939 lebte er ein Jahr lang in einem Heim für jüdische Flüchtlingskinder in Uppsala und war als Laufbursche in einer Apotheke tätig, später als Laborassistent in einer Landwirtschaftsschule in Ultuna. Früh machte er auch antisemitische Erfahrungen. Trotz aller widrigen Umstände als Flüchtlingskind – mit November 1941 erklärte das deutsche Konsulat seinen Pass für ungültig – beschloss er seinen Weg zu gehen.Schließlich erhielt er eine Anstellung als Laborassistent im Wenner-Gren-Institut für experimentelle Biologie beim Allergologen Paul Kallós. Dieser war selbst ein Emigrant, der – mithilfe des ersten österreichischen Nobelpreisträgers in Medizin Robert Bárány, der 1917 von Wien aus einem Ruf nach Uppsala gefolgt war – 1934 nach Schweden kam. Neuerlich mit Unterstützung der jüdischen Gemeinde besuchte der jugendliche Harry Schein zusätzlich Abendkurse im Stockholmer Technischen Institut, einer privaten Lehranstalt, wo er eine Ausbildung zum Wasserreinigungstechniker absolvierte. Im Sommer 1944 stellte man ihn beim Merkantila Ingenjörsburån (MIBIS), einer Firma für Wasseraufbereitung, an, wo er eine ungewöhnliche Karriere machte.
Die Moskauer Deklaration 1943 war für Schein Anlass, seinen ersten Zeitungsartikel zu verfassen. Seine selbstgestellte Fragestellung lautete dabei: Warum soll Deutschland besiegt, Österreich jedoch befreit werden, wo doch Österreich mehr nationalsozialistisch sei als Deutschland? Daraufhin rief ein sehr aufgebrachter Mitarbeiter der Stockholmer Konsumgenossenschaft bei Schein an. Dieser erwiderte: Ob es denn nicht stimme, was er geschrieben habe? – Doch, aber es sei unpatriotisch, das laut auszusprechen, meinte Bruno Kreisky.
Harry Schein schrieb in der Folge für renommierte schwedische Zeitungen und Zeitschriften, wie 1948–1956 Kritiken zu Bergmans Filmen im „Bonniers Litterära Magasin“, in dem schon Hermann Hesse und Thomas Mann publiziert hatten. Bergman war nicht immer davon angetan. Gelegentlich besprach Schein auch Filme, die er gar nicht gesehen hatte, quasi um das Lesepublikum zu testen. In den 1980er-Jahren hatte er eine eigene Kolumne in der großen Tageszeitung „Dagens Nyheter“. In dieser Zeit im Alter von 56 Jahren veröffentlichte er seine erste Autobiografie, „Schein“, der weitere folgten; auf den Umschlag seiner letzten, „Sluten“ („Der Schluss“), lässt er 1995 schreiben: „Warnung! […] eine Orgie an Egozentrik“.
Sein eigentlicher Beruf jedoch, mit dem Harry Schein früh, noch keine dreißig Jahre alt, zum Millionär wurde, war ein anderer.
Als Wasserreinigungsexperte bei MIBIS meldete Schein 1948 ein Patent an, mit dem er große Gewinne machte. 1955 übernahm er das Unternehmen, das er, inzwischen reich geworden, bereits 1960 an die schwedische Unternehmerfamilie Bonnier verkaufte.
Schon bald nach Kriegsende unternahm der damals gerade erst zwanzigjährige Schein berufliche Reisen u. a. nach Dänemark, Deutschland, England, in die Schweiz und die USA, wo er in Hollywood Kontakt zu Filmschaffenden suchte. In Nevada ließ er Anfang 1947 seinen jüdisch und in Schweden fremdländisch klingenden Namen auf Harry Martin ändern, ein Versuch, seine jüdische Identität abzulegen. Da die schwedischen Behörden diese Namensänderung in Scheins schwedischem Fremdenpass nicht übernehmen wollten, tischte er ihnen eine abenteuerliche Geschichte auf: Dass er gar nicht Harry Schein heiße, der echte Harry Schein sei bei einer Razzia gegen Juden umgekommen. Er hätte dessen Identität angenommen, um das Deutsche Reich 1939 verlassen zu können.
Man wandte sich in der Folge deswegen von Stockholm aus an den Wiener Polizeipräsidenten und schaltete zusätzlich das amerikanische FBI ein. Doch auch der Ehemann seiner Schwester Elisabeth bestätigte Scheins jüdische Herkunft. Schein blieb daraufhin bei seinem Namen. Er hatte allerdings mit diesem Vorgehen das Misstrauen der Behörden geweckt und sein Antrag auf die schwedische Staatsbürgerschaft blieb vorerst erfolglos. Als er sie 1950 schließlich erhielt, ließ er sich im selben Jahr von Ingmar Bergmans Vater Erik, einem protestantischen Pfarrer, taufen. Nach und nach fand er Zugang zu den wichtigsten Kreisen in Kultur und Politik Schwedens.
Auf Harry Schein gehen die Gründung des Schwedischen Filminstitutes (Svenska Filminstitutet), die erste schwedische Filmschule und die schwedische Filmreform 1963 zurück. Er erreichte eine Abgabe von 10 % der verkauften Kinotickets für die Filmförderung, wodurch der schwedische Film international zu großer Bedeutung gelangte. Im Film „Nattlek“ (1966) in der Regie von Mai Zetterling mit Ingrid Thulin übernahm Schein selbst eine Statistenrolle. 1972 co-produzierte er Bergmans Spielfilm „Schreie und Flüstern“ (Originaltitel: „Viskningar och rop“) mit Thulin, Liv Ullmann und Harriet Andersson, der den Oscar für die beste Kamera erhielt.
Harry Schein und Ingrid Thulin, die als Schauspielerin auch mit Regisseuren wie Alf Sjöberg und Luchino Visconti zusammenarbeitete, heirateten 1956; die Ehe blieb kinderlos und wurde, nachdem sie bereits mehrere Jahre nicht mehr zusammengelebt hatten, 1989 geschieden.
Zu Scheins Freunden zählten die sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Schwedens Olof Palme, mit dem er häufig Tennis spielte, und Ingvar Carlsson; mit beiden verband ihn auch die politische Haltung. Im Januar 1978 – Schwedens sozialdemokratische Regierung war abgelöst worden – wurde Schein in seiner Funktion als Leiter des Filminstituts, seiner Paraderolle, abgesetzt. Von 1983 bis 1987 war er Geschäftsführer der schwedischen Investitionsbank und außerdem Vorsitzender der schwedischen Verwertungsgesellschaft für Musikschaffende STIM und von Sveriges Radio.
1951 kam Schein zum ersten Mal nach dem Krieg aus beruflichen Gründen wieder nach Wien. Zum Land seiner Herkunft behielt er stets ein ambivalentes Verhältnis. Über seine Wahlheimat hingegen schreibt er: „Meine Bande zu Schweden sind stark, stärker als die eines Großteils der Schweden; sie haben Schweden ja gratis bekommen, während ich gezwungen war, es mir zu erobern.“ Schein war – trotz des äußeren Scheins – zeitlebens depressiv, einsam, ein starker Raucher und Trinker.
Nach Harry Scheins Tod am 11. Februar 2006 in Danderyd bei Stockholm entstand ein öffentlich ausgetragener Streit um sein Millionenerbe. Es ging letztendlich an seine Freundin Eva Fischer, Ehefrau des ehemaligen österreichischen Botschafters in Schweden Karl Fischer. Wenige Jahre später brannte seine Luxusvilla in Danderyd ab. Scheins schwedischsprachige Autobiografien sind auch im Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek zu finden – mit Widmungen an Ingo Mussi, Kreiskys langjährigen Sekretär und österreichischen Botschafter in Schweden. In Stockholm ist das Schwedische Filminstitut ein bleibendes Vermächtnis des gebürtigen Österreichers Harry Schein.
Werke: Har vi råd med kultur? Kulturpolitiska skisser [Können wir uns Kultur leisten? Kulturpolitische Skizzen], 1962; I själva verket. Sju års filmpolitik [In Wirklichkeit. Sieben Jahre Filmpolitik], 1970; Inför en ny mediapolitik: kabeltelevision – bildskval eller kommunikation [Vor einer neuen Medienpolitik: Kabelfernsehen – Bildqualität oder Kommunikation], 1972; Förord [Vorwort], in: Joseph Borking, Hitler & I. G. Farben, 1978, S. – 6; Schein, 1980; Om känslor och andra farligheter [Über Gefühle und andere Gefahren], 1983; Makten [Die Macht], 1990; I slutet av evigheten [Am Ende der Ewigkeit], 1991; Sluten. 5 oktober till 15 november 1994 [Der Schluss], 1995.
Literatur: Lars Ilshammar, Ingenjören som kom in från kylan, in: Citizen Schein, ed. Lars Ilshammar, Pelle Snickars – Per Vesterlund, 2010, S. 108–119; Iris Franziska Meister, Die Judenschule. Nationalsozialistische Bildungspolitik am Beispiel des BG Wien II, Zirkusgasse, 2011, S. 157f., 203; Elisabeth Åsbrinck, Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume. Ein jüdisches Schicksal in Schweden, 2016, S. 179–184; Citizen Schein. Regie: Maud Nycander, Jannike Åhlund, Kersti Grunditz Brennan, 2017 (Dokumentarfilm); Per Vesterlund, Schein. En biografi, 2018; Per Vesterlund, Ur Harry Scheins arkiv. Nedslag i 1900-talets svenska mediehistoria, 2019; Irene Nawrocka, Der König des schwedischen Films, Harry Schein aus Wien (1924–2006), in: Lebensspuren. Autobiografik von Exil, Widerstand, Verfolgung und Lagererfahrung, ed. Konstantin Kaiser, Irene Nawrocka, Corina Prochazka, Marianne Windsperger, 2020, S. 347–360; Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Opferdatenbank (Zugriff: 15. Januar 2026); Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien; Schularchiv des Gymnasiums Kundmanngasse, Wien; Utlänningsakt Harry Schein, Riksarkivet Marieberg, Stockholm, Schweden; Mappe Harry Schein, Arbetarrörelsens arkiv och bibliotek, Huddinge, Schweden; Website des österreichischen Außenministeriums (Zugriff: 10. Oktober 2017); https://www.ingmarbergman.se/en/person/harry-schein (Zugriff: 24. Januar 2026); https://foretagskallan.se/ingenjoren-som-kom-in-fran-kylan/ (Zugriff: 24. Januar 2026).
Die Autorin dankt der Direktorin des GRg3 Kundmanngasse in Wien-Landstraße Mag. Marion Waldmann sowie ihren Kolleginnen Mag. Katharina Fersterer und Mag. Sonja Klippfeld für die Abbildung des Dokuments aus dem Schulkatalog und das Foto der Gedenktafel.