Die archäologischen Forschungen zur römerzeitlichen ›Hauptstadt‹ der Steiermark, Flavia Solva, setzten um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Mit dem neuen Projekt wird eine Synthese aller bislang aus Grabungen und geophysikalischen Prospektionen resultierenden Befunde und ausgewählter Funde versucht. Die Ergebnisse münden nicht nur in einem vollständigen Stadtplan mit den Gräberfeldern, sondern auch in neuen Überlegungen zur dualen diachronen Entwicklung der beiden an den Flüssen Sulm (Frauenberg/Leibnitz) und Mur (Wagna) gelegenen Fundplätze. Eine Diskussion der ländlichen Siedlungsstrukturen, der Grenzen des Territoriums, der Humanressourcen sowie der ökologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen erlauben es, ein komplexes Bild der römischen Stadt Flavia Solva in der Provinz Noricum zu zeichnen.

Rahmenbedingungen

Die Erschließung der Provinz Noricum fußt auf den traditionellen keltischen Oppida, die im Zuge der Einrichtung der provincia in Regno Norico ab mittelaugusteischer Zeit einem Urbanisierungsprozess unterworfen werden. Auf eine Textstelle Plinius’ d. Ä. Bezug nehmend, geht man bislang von ersten Stadtrechtsverleihungen an Virunum, Celeia, Teurnia, Aguntum und Iuvavum in claudischer, an Solva jedoch erst in flavischer Zeit aus. Flavia Solva nimmt somit im Urbanisierungsprozess der Provinz eine Sonderstellung ein, die sich auch in kultureller und architektonischer Hinsicht deutlich manifestiert. Stadt und Territorium waren seit jeher nach Osten, zur Bernsteinstraße ausgerichtet, eine kulturelle Koiné und Abgrenzung gegenüber der norischen Hegemonie ist anhand der Verbreitung keltischer Münzprägungen, der materiellen Kultur und vor allem der Hügelgräber auszumachen. Diese Bestattungsform ist als Identität stiftender Rückgriff auf eine hallstattzeitliche Funeralarchitektur zu werten, das Verbreitungsbild der Hügelgräber erlaubt letztendlich Rückschlüsse auf das Territorium von Solva.

Die Grundlagen

Im Rahmen einer Studie zur Urbanistik und territorialen Entwicklung soll der Versuch unternommen werden, alle archäologischen Quellen einer Stadt samt Umland zusammenfassend darzustellen und zu analysieren. Als Ausgangspunkt wird ein neuer Plan des Munizipiums an der Mur mit allen seinen Insulae und Gräberfeldern vorgestellt, der, auf dem Gesamtbestand von Grabungs- und Prospektionsdaten bis 2020 basierend, erstmals die konkludente Interpretation der Verbauungsmuster und Infrastruktur erlaubt. Die zusammenführende Neubewertung aller Grabungsbefunde gibt neue Indizien zur diachronen Entwicklung von Oppidum und Municipium, die sich vor allem in der Dualität der beiden Siedlungsplätze, dem Frauenberg an der Sulm und Wagna an der Mur, äußert. Wichtige Diskussionspunkte liegen nicht nur in der Definition der territorialen Grenzen und Interaktionen mit einem alpinen kaiserlichen Patrimonium, sondern auch in den dadurch evozierten ländlichen Siedlungsstrukturen. Anhand der archäologischen und epigrafischen Evidenzen können wichtige neue Rückschlüsse auf die wirtschaftlichen Grundlagen und Handelsverbindungen der Stadt samt Territorium und die eigentlicher Träger der ›Romanisation‹ gezogen werden.

Ergebnisse

Eine Zeit wirtschaftlicher Blüte darf im 2. Jahrhundert n. Chr. ausgemacht werden, wobei die Interdependenz des Wirtschaftsaufschwungs von der militärischen Erschließung des Donaulimes illustriert wird. Einen markanten Einbruch in der Stadtentwicklung gibt es, wahrscheinlich bedingt durch germanische Invasoren, gegen die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr., worauf spätestens in tetrarchisch-constantinischer Zeit im Zuge der Neuorganisation der Provinz eine wirtschaftliche Erholung und Bedeutung von Solva folgte. Neue Grabungen im nördlichen Suburbium bezeugen eine komplexe, über 2.000 m lange Fortifikation, die im überregionalen Kontext mit der Einrichtung der Claustra Alpium Iuliarum zu sehen ist.