Ingrid Kretschmer – eine prägende Gestalt der österreichischen Kartografie

Als Ingrid Kretschmer am 22. Jänner 2011 in Linz verstarb, verlor die österreichische und internationale wissenschaftliche Gemeinschaft eine Persönlichkeit, die über Jahrzehnte hinweg zentrale Impulse für Forschung, Lehre und Institutionenentwicklung im Bereich der Kartografie setzte. Ihr Wirken umfasste nicht nur bedeutende wissenschaftliche Veröffentlichungen, sondern auch grundlegende Leistungen für die Etablierung und Organisation kartografischer Forschung in Österreich.

Geboren am 22. Februar 1939 in Linz als Tochter von Ing. Ernst Kretschmer und seiner Frau Hildegard, besuchte Ingrid Kretschmer das dortige Bundesrealgymnasium für Mädchen, an dem sie 1957 maturierte. Zusätzlich absolvierte sie den Abiturientenkurs an der Linzer Handelsakademie und erhielt im Herbst 1958 eine Anstellung bei der Gesellschaft für den Volkskundeatlas in Österreich. Neben dieser beruflichen Tätigkeit nahm Kretschmer 1959 das Studium an der Universität Wien auf. Die Fächerkombination von Geografie und Europäischer Ethnologie war zu jener Zeit ungewöhnlich, doch erwies sie sich als richtungsweisend für ihre spätere Spezialisierung: die thematische Kartografie. Bereits ihre Dissertation aus dem Jahr 1964 trug den Titel „Die thematische Karte als wissenschaftliche Aussageform der Volkskunde“ (publiziert 1965) und gilt als frühes Beispiel für die Verbindung ethnologischer und kartografischer Methodik.

Pionierarbeit am Beginn eines neuen Studienzweigs

Im Jahr 1966 entstand an der Universität Wien erstmals eine Professur mit kartografischem Schwerpunkt. Kretschmer übernahm die zugehörige Assistentenstelle bei Erik Arnberger und damit eine Kernrolle beim Aufbau eines neuen Studienzweiges. Diese Phase war geprägt von organisatorischem Aufwand, fehlenden Ressourcen und Pionierarbeit auf administrativer wie didaktischer Ebene. Die daraus resultierende strukturelle Disziplin und Arbeitsintensität blieb ein Merkmal ihres gesamten Berufslebens.
 
Ihre Rolle als akademische Lehrende war prägend. 1974 habilitiert, vermittelte sie über 40 Jahre hinweg hunderten Studierenden Grundlagen und Spezialisierungswissen. Ihre Lehrveranstaltungen galten als anspruchsvoll und strukturiert, zugleich als praxisnah und methodisch klar. Dabei legte sie großen Wert auf wissenschaftliche Genauigkeit und korrekte Terminologie – Tugenden, die viele ihrer Schülerinnen und Schüler später selbst ins Fach einbrachten. Dass Absolventinnen und Absolventen ihres Studiengangs praktisch lückenlos passende Berufsfelder fanden, galt lange als inoffizieller Qualitätsbeweis ihres Wirkens.

Parallel dazu wuchs ein wissenschaftliches Werk zur Kartografie, das heute als eines der umfangreichsten im deutschen Sprachraum gilt. Kretschmer veröffentlichte rund 300 Beiträge: Fachaufsätze, Atlanten, Nachschlagewerke und Bücher. Besonders hervorzuheben ist das zweibändige, 1986 erschienene „Lexikon zur Geschichte der Kartographie“, das sie gemeinsam mit Johannes Dörflinger und Franz Wawrik herausgab. Mit nahezu tausend Seiten Umfang und Beiträgen aus mehr als zwanzig Ländern wurde es zu einem international beachteten Standardwerk. Ähnlich bedeutend ist das Monumentalprojekt „Atlantes Austriaci“ (1995), das erstmals eine vollständige wissenschaftliche Erfassung der österreichischen Atlasproduktion von 1561 bis 1994 vorlegte – ein Werk, das sonst nur aus Ländern mit langer kartografischer Tradition wie den Niederlanden oder Großbritannien bekannt war.

Frühe Beschäftigung mit Digitalisierung

Ihre wissenschaftliche Bedeutung lag jedoch nicht allein in der Dokumentation historischer Entwicklungen. Kretschmer verstand es, Kartografie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin zu positionieren – zwischen Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft und technischer Innovation. In einer Zeit, in der Kartografie oft als angewandtes Werkzeug der Geografie betrachtet wurde, argumentierte sie für theoretische Grundlagen, methodische Reflexion und begriffliche Präzision. Damit trug sie dazu bei, dass sich die Kartografie nicht nur personell, sondern auch epistemologisch emanzipierte.

Darüber hinaus förderte sie die Öffnung der Disziplin gegenüber neuen Technologien. Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren befasste sie sich mit rechnergestützter Kartenerstellung, visueller Informationsverarbeitung und Fragen der Kartennutzung. Diese frühzeitige Auseinandersetzung mit Digitalisierung schuf Grundlagen für die spätere Entwicklung geografischer Informationssysteme (GIS) und interaktiver Visualisierungsmethoden. Ihre Arbeiten zur Kartenkommunikation sowie zur Entwicklung thematischer Darstellungsformen gelten bis heute als theoretischer Beitrag zur modernen Geovisualisierung.

Erste Präsidentin der Österreichischen Geographischen Gesellschaft

Neben Forschung und Lehre trat ein drittes Aufgabenfeld, das ihr wissenschaftliches Profil abrundete: organisatorisches und institutionelles Engagement. Innerhalb der Österreichischen Geographischen Gesellschaft entwickelte sie Strukturen weiter, baute Netzwerke auf, professionalisierte Publikationen und prägte über Jahrzehnte die inhaltliche Ausrichtung der Organisation. Sie war Generalsekretärin, später Vizepräsidentin und schließlich – als erste Frau in der Geschichte der Gesellschaft – Präsidentin. Dieses Amt übte sie von 1997 bis 2004 aus. 2006 wurde sie zur Ehrenpräsidentin ernannt.

Auch international war sie aktiv. Vorträge führten sie nach Paris, Amsterdam, Chicago, Ljubljana oder Stockholm. Fachkolleginnen und -kollegen beschrieben sie als präzise, vorbereitet und überzeugend – aber auch als wissenschaftlich verbindende Persönlichkeit, die Kooperationen initiierte, anregte und langfristig hielt.

Für ihr Wirken erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. 1988 verlieh ihr das Wissenschaftsministerium den Titel Universitätsprofessorin, 2004 erhielt sie in Stuttgart die Mercator-Medaille, die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Kartographie. Die Begründung hob besonders ihre Fähigkeit hervor, Forschung, Lehre und internationale Kommunikation zu verbinden und damit Wien zu einem anerkannten Standort moderner Kartografie gemacht zu haben.

Auch nach ihrer Emeritierung 2004 blieb Kretschmer aktiv und arbeitete an laufenden Projekten weiter. Erst gesundheitliche Einschränkungen in ihren letzten Jahren führten zu einer Reduktion ihrer Tätigkeit.

Wegbereiterin für Frauen in der Forschung

Ihr wissenschaftliches Lebenswerk bleibt auf mehreren Ebenen bestehen: in Publikationen, die weiterhin genutzt werden; in universitären Strukturen, die ohne sie anders entstanden wären; in wissenschaftlichen Kooperationen, die sie angestoßen hat; und nicht zuletzt in einer Fachkultur, die sie geprägt hat. Als Frau im wissenschaftlichen Umfeld der 1970er-Jahre bewegte sich Ingrid Kretschmer in einer universitären Struktur, in der Führungspositionen fast ausschließlich von Männern besetzt und akademische Karrierewege für Frauen selten vorgesehen waren. Sichtbarkeit, Anerkennung und institutionelle Entscheidungsbefugnisse mussten in dieser Zeit häufig gegen traditionelle Rollenerwartungen erarbeitet werden. Kretschmers Aufstieg zur etablierten Forscherin und später zur ersten weiblichen Präsidentin der Österreichischen Geographischen Gesellschaft markierte daher nicht nur einen persönlichen Erfolg, sondern auch einen strukturellen Wandel: Sie wurde zu einer der wenigen Frauen jener Generation, denen es gelang, in der österreichischen Wissenschaft dauerhaft eine leitende Rolle einzunehmen und damit den Weg für nachfolgende Forscherinnen zu erleichtern.

Heute gilt sie als eine der zentralen Figuren in der österreichischen kartografischen Forschung des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Ihr wissenschaftliches Werk bleibt ein wesentlicher Bezugspunkt für Forschung, Lehre und fachspezifische Institutionenentwicklung.

Seit 2013 erinnert der Kretschmerweg in Wien-Floridsdorf an sie.


Literatur: Fritz Kelnhofer, Ingrid Kretschmer 60 Jahre. Der Präsidentin der ÖGG zum runden Geburtstag, in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 141, 1999, S. 285–301; Lothar Zögner, Ingrid Kretschmer zur Vollendung des 70. Lebensjahres, in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 151, 2009, S. 363–366; Wolfgang Schwarz – Johann Dörflinger, Ingrid Kretschmer (1939–2011) – ein Leben für die Wissenschaft, in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 153, 2011, S. 349–356; Deutsche Gesellschaft für Kartographie: Ingrid Kretschmer; UA, Wien.

(Georg Gartner)

Besonderer Dank gilt Univ.-Doz. Dr. Wolfgang Schwarz sowie der Deutschen Gesellschaft für Kartographie e. V. für die zur Verfügung gestellten Fotografien.