In seiner Geburtsstadt Wien angefeindet und an einer wissenschaftlichen Karriere gehindert, folgte der erste österreichische Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin während des Ersten Weltkrieges eher unfreiwillig einem Ruf in die schwedische Universitätsstadt Uppsala.
„Barany war ein schlichtes, kleines Männchen, von schwachem Körperbau und zarter Stimme; von der Natur war er stiefmütterlich behandelt, da ein Gebrechen eines Beines ihn Zeit seines Lebens zum Hinken zwang“, beschrieb ein Zeitgenosse den Wissenschaftler nach seinem Tod.
Robert Bárány kam am 22. April 1876 als ältestes von sechs Kindern des Holzfachmanns Ignaz (1841–1922) und der aus einer Prager Gelehrtenfamilie stammenden Maria Bárány, geborene Hock (1853–1922), in Wien zur Welt und wurde im mosaischen Glauben erzogen. Sein Vater stammte ursprünglich aus Ungarn, war aber nach dem frühen Tod seiner Eltern in die österreichische Reichshälfte gezogen und hatte 1877 den österreichischen Untertaneneid abgelegt. Von Báránys Geschwistern ergriffen Otto (1878–1967) und Ernst (1881–1966) den Kaufmannsberuf, Paul (1879–1944) wurde Bankbeamter in London. Von seinen Schwestern Olga Maria (1885–1949) und Felice (1886–1902) verstarb Letztere bereits als Jugendliche. Auch Bárány machte in der Kindheit leidvolle Erfahrungen mit Krankheiten. Von einer Knochentuberkulose behielt er zeitlebens ein steifes Knie, und ab dem 16. Lebensjahr litt er an rheumatischem Fieber.
1909 heiratete Bárány die Wienerin Ida Felicitas Berger (1881–1971). Dieser Ehe entstammten drei Kinder, Ernst Herbert (1910–1991), später Professor für Pharmazie in Uppsala, Franz (1914–1997), Internist in Stockholm, und Ingrid Maria (1918–2003), Psychiaterin in Cambridge in Massachusetts. Sein Enkel Anders Bárány (1942–2025) wurde Professor für Physik an der Universität in Stockholm. Er fungierte zudem als stellvertretender Direktor des dortigen Nobelpreismuseums und war langjähriger Sekretär des Nobelkomitees für Physik.
Robert Bárány absolvierte das Kommunal-, Real- und Obergymnasium in der Leopoldstadt, wo er 1894 mit Auszeichnung maturierte. Noch im selben Jahr begann er mit dem Medizinstudium an der Universität Wien. „Dass ich Medizin studieren sollte, war der Wunsch meiner Mutter, die dabei hauptsächlich an den Arzt als Helfer in seelischen und körperlichen Nöten dachte.“ Im März 1900 erfolgte seine Promotion zum Dr. med.
Bereits während seines Studiums arbeitete Bárány in den Jahren 1898 und 1899 als Hospitant an der IV. Medizinischen Abteilung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Anschließend hospitierte er als stellvertretender Hilfsarzt bei dem Internisten Carl von Noorden im Städtischen Krankenhaus in Frankfurt am Main. 1901 war er Volontär beim Psychiater und Neurologen Emil Kraepelin in Heidelberg und danach Assistent an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Freiburg im Breisgau. Rasch musste er erkennen, dass er für sein ursprünglich gewähltes Fachgebiet, die Psychiatrie, völlig ungeeignet war. Da auch eine Nostrifizierung in Deutschland scheiterte, kehrte er nach Österreich zurück, um sich „einem der sogenannten kleinen Spezialfächer zuzuwenden“.
So kam er als Aspirant zu Adam Politzer an die Universitäts-Ohrenklinik, wo er mit Gustav Alexander Untersuchungen über die Bedeutung des Statolithenapparats, eines Gleichgewichtsorgans im Innenohr zur Orientierung im Raum, an Taubstummen durchführen sollte. Zunächst liefen die Versuche gut, doch als es zu Problemen bei einer Versuchsanordnung kam, mussten die Forschungen unterbrochen werden. In dieser Zeit sammelte Bárány Erfahrungen an der II. Chirurgischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus. Währenddessen kam es jedoch zu persönlichen Differenzen mit Alexander. Bárány arbeitete schließlich verstärkt mit Heinrich Neumann zusammen, dem späteren Leiter der Ohren-Ambulanz des Kaiser Franz Josefs-Ambulatoriums, in der Hoffnung, von diesem mehr lernen zu können. 1905 wurde er zum Assistenten an der Ohrenklinik ernannt, 1909 habilitierte er sich für Ohrenheilkunde.
In seiner Assistentenzeit erfolgten Báránys erste selbstständige Forschungen mit Untersuchungen an Taubstummen und Hörenden, und er begann, sich für das Phänomen der Gegenrollung der Augen zu interessieren. Bei seinem Vortrag anlässlich der Überreichung des Nobelpreises in Stockholm am 11. September 1916 berichtete er: „Unter meinen Patienten befanden sich viele, bei denen ich eine Ausspülung des Ohres vornehmen musste. Eine Anzahl dieser Patienten klagte nach dem Ausspülen über Schwindel. Es lag nahe für mich, ihre Augen anzusehen, und da bemerkte ich einen Augennystagmus von bestimmter Richtung.“ War das Wasser zu kalt, reagierte der Patient mit Schwindel, war es zu heiß, ebenfalls, wobei der Augennystagmus einmal in die eine und einmal in die andere Richtung auftrat. Damit hatte Bárány erstmals die Gesetzmäßigkeit des „kalorischen Nystagmus“, das heißt der Augenzuckungen, die durch Differenzen der Wassertemperatur bei einer Ohrenspülung auftreten, nachgewiesen. Dies wurde zu einer der wichtigsten otologischen Untersuchungsmethoden und brachte erhebliche Fortschritte in der Therapie. Und auch ein weiteres Phänomen konnte geklärt werden: Das Eindringen von kaltem Wasser in die Ohren eines Schwimmers kann zu Orientierungsverlust und damit zur Ertrinkungsgefahr führen.
Aufgrund seiner Arbeiten zum Vestibularsystem erlangte Bárány rasch internationale Bekanntheit. So lernte er den Lehrstuhlinhaber für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am Karolinska Institutet in Stockholm, Gunnar Holmgren, kennen, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbinden sollte.
Bárány publizierte seine Forschungsergebnisse 1907 als „Physiologie und Pathologie des Bogenganges beim Menschen“. Alexander verfasste eine Rezension in der „Österreichischen Ärzte-Zeitung“ und warf Bárány darin vor, seine Forschungen nicht erwähnt zu haben. Báránys Gegendarstellung zu Plagiatsvorwürfen erschien bereits in der nächsten Ausgabe. Darin betonte er, dass Alexander ihn keineswegs zur Untersuchung der Gegenrollung inspiriert hatte. Als Alexander neuerlich die Gelegenheit zu einer Gegendarstellung bekam, er jedoch nicht, fühlte Bárány sich übergangen. Da er auch in der Österreichischen Otologischen Gesellschaft keine Unterstützung fand, zog er den damaligen Dekan der Wiener Medizinischen Fakultät Alexander Kolisko hinzu. Dieser beauftragte als Sachverständigen Josef Breuer. Dieser kam zu dem Schluss, dass Bárány sehr wohl Alexander hätte zitieren müssen, Letzterer aber in seinen Anschuldigungen überzogen reagiert hätte.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Bárány trotz seines steifen Knies freiwillig zum Fronteinsatz. Er wurde in das Spital der Festung Przemysl in Galizien abkommandiert, wo er eine otolaryngologische sowie eine Lazarettabteilung zur Behandlung von Schädelschüssen einrichtete. Dort praktizierte er eine neuartige Methode der Wundversorgung. Im April 1915 wurde Bárány mit anderen österreichischen Kriegsgefangenen nach Merv in Turkestan gebracht, wo er für die ohrenärztliche Versorgung der Gefangenen, aber auch der Zivilbevölkerung verantwortlich zeichnete. Er und seine Offizierskameraden waren komfortabel untergebracht und wurden gut versorgt. Allerdings erkrankte Bárány wie viele andere auch an Malaria.
Im Oktober 1915 erhielt er ein Telegramm in russischer Sprache, das er einem Kameraden zur Übersetzung gab. Die Nachricht kam für Bárány völlig überraschend: Ihm war der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin des Jahres 1914 für seine Arbeiten zur Physiologie und Pathologie des Vestibularapparates zuerkannt worden. Aufgrund der Kriegssituation fiel die Entscheidung des Nobelkomitees des Karolinska Institutet in Stockholm erst im Oktober 1915. Sofort verfasste Bárány ein Antworttelegramm an Gunnar Holmgren, damals Mitglied des Nobelkomitees: „erfahre durch schwedischen gesandten von der mich hoch beglueckenden verleihung des nobelpreises und sage ihnen und durch sie der medicinischen fakultaet stockholms meinen herzinnigsten dank. dr barany kriegsgefangener“. Erste Bemühungen um Báránys Freilassung erfolgten zunächst durch Holmgren sowie den schwedischen Prinzen Carl, den Vorsitzenden des Schwedischen Roten Kreuzes, die sich für einen Austausch herausragender Persönlichkeiten in Kriegsgefangenschaft einsetzten.
Bárány wurde an die Universität nach Kasan verlegt, wo er sogar die Universitätsbibliothek nutzen und Patienten behandeln durfte. Schließlich kam er im Juni 1916 in Haparanda an der finnisch-schwedischen Grenze frei. Sein Heimweg führte ihn über Schweden nach Wien. Für die Feierlichkeiten zur Nobelpreisübergabe reiste er im September 1916 erneut nach Stockholm.
An der Medizinischen Fakultät in Wien sah sich Bárány weiterhin mit einer starken Gegnerschaft konfrontiert. Die Verleihung einer außerordentlichen Professur, die sein ehemaliger Chef Viktor Urbantschitsch sowie Julius Wagner-Jauregg vorgeschlagen hatten, wurde von der Wiener Medizinischen Fakultät ohne Angabe von Gründen abgelehnt, ebenso blieb er bei der Besetzung der Leitung einer Klinik unberücksichtigt.
Im Oktober 1916 ersuchte Bárány das Professorenkollegium, persönlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen einvernommen zu werden. Da sein Antrag abgelehnt wurde, beantragte er die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen sich selbst. Im März 1917 wurden eine Disziplinarkommission eingesetzt und Bárány am 22. des Monats die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, darunter Anschuldigungen wie die unrechtmäßige Zuschreibung fremder Forschungsleistungen, mitgeteilt. Bárány reagierte mit einer Gegendarstellung. Im Juli 1918 fällte der akademische Senat, ohne Bárány befragt zu haben, ein weiteres Urteil und hielt die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen aufrecht. Bárány verlangte Anfang 1919 Einsicht in den Disziplinarakt. Letzteres wurde verweigert, doch die Disziplinaruntersuchung wieder aufgenommen. Ende Dezember 1920 durfte Bárány persönlich aussagen. Im März 1921 beschuldigte der Senat Bárány erneut grober Fahrlässigkeit in seiner wissenschaftlichen Arbeit und im Umgang mit geistigem Eigentum anderer. Da der akademische Senat jedoch nur gegenüber Angehörigen der Universität disziplinarisch agieren konnte, wurde das Disziplinarverfahren schließlich 1922 – nach sechs Jahren – eingestellt.
Eine Auszeichnung, die man ihm in Wien verwehrt hatte, erhielt Bárány, seit 1919 schwedischer Staatsbürger, vom schwedischen König Gustaf V. verliehen: Er wurde 1917 zum außerordentlichen und 1926 zum ordentlichen Universitätsprofessor am neu errichteten Lehrstuhl für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde ernannt.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland engagierte sich Bárány für vertriebene Wissenschaftler, indem er für die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Auslande mit Sitz in Zürich Geld sammelte und für geflohene Kollegen Unterkunft und Arbeitsplätze besorgte. So verhalf er beispielsweise dem Allergologen Paul Kallós und seiner Frau Liselotte, ebenfalls Ärztin, zu einer Niederlassung in Uppsala. Báránys Geschwister konnten sich ebenfalls ins Ausland retten: Paul lebte schon in den 1920er-Jahren in London, Ernst in Sussex, Olga in Birmingham und Otto in Stockholm. Als Bárány kurz vor den Feierlichkeiten zu seinem 60. Geburtstag am 8. April 1936 in Uppsala überraschend starb, war dies nur wenigen österreichischen Zeitungen eine (knappe) Erwähnung wert.
Seit 1962 erinnert seine Geburtsstadt jedoch mit der Baranygasse in Wien-Donaustadt an den – nach Bertha von Suttner und Alfred Hermann Fried (Friedensnobelpreis 1906 bzw. 1911) – dritten Nobelpreisträger Österreichs.
Werke: Nobel Prize lecture, 1916; Primäre Exzision und primäre Naht akzidenteller Wunden, 1919; Optischer Nystagmus und Eisenbahnnystagmus. Erklärung für das von mir beobachtete Auftreten eines der Norm entgegengesetzt gerichteten Nystagmus bei Prüfung des Eisenbahnnystagmus, in: Upsala läkareförenings förhandlingar N.F. 26, 1921, H. 5/6; Die Localisierung der Nachbilder in der Netzhaut der Purkinje'schen Aderfigur, 1927; Fredsvetenskap, 1930.
Literatur: Prager Abendblatt, 9. Juni 1916, S. 6; Maximilian Richter, in: Salzburger Volksblatt, 15. April 1936, S. 5; Klaus Taschwer, Wie die Uni Wien mit ihren Medizin-Laureaten umging, 2010 (Zugriff: 18. 3. 2026); Gustav Alexander, Physiologie und Pathologie des Bogengangapparates beim Menschen. Klinische Studien von Dr. Robert Bárány, in: Österreichische Ärzte-Zeitung 4, 1907, Nr. 22, S. 1ff.; E. Ruttin, Privatdozent Dr. Bárány als Nobelpreisträger, in: Wiener medizinische Wochenschrift 65, 1915, S. 1680f.; Gunnar Holmgren, Robert Bárány och hans verk, 1916 (Sonderdruck aus: Allm. Svenska Läkartidningen 49, 1915); Robert Bárány, Vita et scripta, 1921 (= Sonderdruck aus: Les prix Nobel en 1914–1918, 1920); I. Fischer, Prof. Dr. Robert Bárány, in: Wiener medizinische Wochenschrift 86, 1936, S. 478; Hermann Diamant, The Nobel Prize Award to Robert Bárány – A Controversial Decision?, in: Acta Oto-Laryngologica, Suppl. 406, 1984, S. 1ff.; Helmut Wyklicky, Über Báránys Entdeckung und deren Aufnahme durch die Zeitgenossen, in: Wiener klinische Wochenschrift 98, 1986, S. 622ff.; Gunter Joas, Robert Bárány (1876–1936). Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung seiner Auseinandersetzung mit der Wiener Universität (= Marburger Schriften zur Medizingeschichte 37), 1997; Daniela Angetter, Die österreichischen Medizinnobelpreisträger, 2003, S. 8ff.; Christophe Lopez – Olaf Blanke, Nobel Prize centenary: Robert Bárány and the vestibular system, in: Current Biology 24, 2014, Nr. 21, R1026ff.; Robert W. Baloh, Vertigo. Five Physician Scientists and the Quest for a Cure, 2016, S. 83ff.; Péricles Maranhão-Filho – Anders Bárány, Robert Bárány, a scientist with many interests, in: Arquivos de Neuro-Psiquiatria 77, 2019, H. 5, S. 366ff.; ÖStA, AVA, Unterrichtsministerium, allg. Akten 620.23; UA, Wien, Akademischer Senat, S 53 Disziplinarakt Robert Bárány; UA, Wien, MED S 21.31; Universitätsarchiv Uppsala, Nachlass Robert Bárány; Riksarkivet Marieberg, medborgarskapsakt Robert Bárány, Stockholm, Schweden.
(Daniela Angetter – Irene Nawrocka)