Das lange 13. Jahrhundert in den ostmitteleuropäischen Ländern: Politik, Kultur und Identität.
Dem Forschungsvorhaben liegt die Auffassung Ostmitteleuropas als einer Region mit einer gemeinsamen, spezifischen Vergangenheit zugrunde, etwas, was für die Historiker der frühen Neuzeit als Selbstverständlichkeit klingen mag, weil ein großer Teil der Region eine politische Einheit bildete. Eine gut akkordierte Erforschung der Geschichte der gleichen Region bis zu der Mitte des 16. Jahrhunderts ist allerdings alles andere als selbstverständlich. Zum einen fokussiert das Forschungsvorhaben auf Christianisierungs- und Akkulturationsprozesse in der Region in Richtung Westen in dem 8.-11. Jh., zum anderen auf die politisch-ökonomischen Transformationen des 13. Jahrhunderts, die in gleicher Maße alle relevanten politischen Einheiten in der Region betroffen haben – böhmischen und österreichischen Länder, Königreich Ungarn, schlesische Fürstentümer wie auch Königreich Polen einschließlich der Gebiete der heutigen Ukraine und Weißrussland. Ein anderes spezifisches ostmitteleuropäisches Phänomen sind die kulturellen Dynamiken verbunden mit den Gründungen der spätmittelalterlichen transalpinen Universitäten, mit denen unter anderem ein signifikanter Anstieg der lateinischen und vernakularen Schriftlichkeit verbunden ist, wie auch eine im Grunde politische Neudefinierung der Pastoralpflege als eines emanzipatorischen Angebots an nicht-privilegierte Bevölkerungsschichten.
Eine grenzübergreifende Erforschung der Quellen zu den genannten Phänomenen steht im Fokus des Vorhabens und ergänzt auch die Forschungen durchgeführt an den beteiligten Instituten der beiden Akademien. Als solches hat das Kooperationsvorhaben das Ziel, zu einer verstärkten zwischenakademischen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Erforschung der Vergangenheit beizutragen. Das Pilotprojekt der zwischenakademischen Zusammenarbeit ist der Chronik von Přibík Pulkava von Radenín hier bitte verlinken mit der projektbeschreibung oben gewidmet, die in den relevanten Sprachen der Region Lateinisch, Deutsch und Tschechisch überliefert ist und deren Erforschung zu einem der größten Desiderata der ostmitteeuropäischen Geschichte gehört. Die Edition der Chronik und deren Erforschung soll auf die sich dynamisch entwickelnden Methoden der Digital humanities großzügig zugreifen, das gemeinsame Training der jungen WissenschaftlerInnen von beiden Akademien soll im langen Horizont einen der Schwerpunkte des Programms bilden.
Winterschools of HTR
Kooperationsprojekte
Die Wirkung des Wortes in der mittelalterlichen bohemikalen Literatur
(Institut für tschechische Literatur, Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik)
Projektworkshops 3/2023, 4/2024
Projekt ELITES: Legitimization of the Elites in Poland and Norway, c. 1000-1300
Forschungsaufenthalte der Kooperationspartner
2023
2024
2025
2023
Die Idee des Imperiums und die Slawen, 860–1989
Aus westeuropäischer Perspektive steht die Rolle der Slawen in der Geschichte Eurasiens oft im Schatten der vorherrschenden Narrative der Vergangenheit. „Westliche” Ignoranz und Desinteresse oder die oberflächliche Aneignung „östlicher” Forschungsergebnisse auf der Grundlage leicht „kolonialistischer” Einstellungen gehen einher mit einer unkritischen „östlichen” Rezeption von Konzepten, die in „westlichen” wissenschaftlichen Diskursen entwickelt wurden. Die Ost-West-Teilung entspricht in gewisser Weise der Nord-Süd-Teilung, wobei beide ähnliche, wenn auch nicht identische Dichotomien der Selbstbeschreibung einzelner Gesellschaften und ihrer Geisteswissenschaften hervorbringen: zivilisiert – primitiv, demokratisch – autokratisch, reich – arm, rational – emotional, modern – rückständig usw. Diese Dichotomien waren integraler Bestandteil der meisten slawischen Identitätskonstruktionen der Vergangenheit und sind bis heute virulent. Diese Fallstudie konzentriert sich auf Konzepte eines hypothetischen slawischen Reiches, die in den Quellen in verschiedenen Formen vom frühen Mittelalter bis heute nachzuweisen sind. Letztendlich wurde Russland „das“ slawische Reich und stieß als solches auf ambivalente Reaktionen anderer slawischer Völker. Da die Slawen und ihre Identitätskonzepte einen enormen Einfluss auf viele eurasische Gesellschaften hatten, wird diese Studie verschiedene Synergien mit anderen Knotenpunkten und Querschnittsthemen im COE entwickeln.
Mehrsprachigkeit und kulturelle Übersetzung in Mittel- und Osteuropa 1300–1700
In dieser Studie werden die Verbreitung der Volksschrift und ihre sozialen Auswirkungen untersucht, insbesondere im Hinblick auf die Stärkung der Laien in Fragen der christlichen Religion im Untersuchungsgebiet. Die Forschung konzentriert sich auf Texte mit breiter und/oder prominenter sozialer Wirkung, die in mehr als einer Sprache überliefert sind, die im lokalen, regionalen und/oder überregionalen sozialen Kontext relevant ist. Diese Texte werden auf mehreren Ebenen analysiert und zunächst, falls erforderlich, kritisch editiert, da Texte, die in mehr als einer mittelalterlichen Sprache vorliegen, in der Regel keine zufriedenstellende moderne Editionsgeschichte aufweisen. Die Editionsarbeit, eine Kernaktivität dieser Fallstudie, ermöglicht auch den Einsatz von HTR-Tools mit dem Ziel, die Anwendbarkeit von Texterkennungssoftware zu erweitern. Andere Arten von mehrsprachigen Texten, die im Fokus stehen, wurden bis heute fast vollständig vernachlässigt. In dem Bereich, der von Interesse ist, sind vor allem Predigtsammlungen relevant, die sehr oft eine große Vielfalt in der Art und Weise aufweisen, wie sie zwei oder sogar drei Sprachen miteinander vermischen, und daher wichtige Quellen darstellen, die die soziale Realität mehrsprachiger Diskurspraktiken widerspiegeln.
Der wahre Gläubige – Dynamiken religiöser Identifikation in Mittel-/Osteuropa, 14.–18. Jahrhundert
Im 14. Jahrhundert verbreitete sich eine ambitionierte religiöse und theologische Bildung, die ihren Ursprung in den Zentren West- und Südeuropas hatte, allmählich in Ostmitteleuropa. Die ehrgeizige Politik der luxemburgischen Fürsten, die Mitte des 14. Jahrhunderts ihre neue Machtbasis in Böhmen schufen, nutzte exklusive Formen der religiösen Bildung als Mittel, um ihr Ansehen zu steigern und die Eliten der jeweiligen Region für die neuen Herrscher zu gewinnen. Langfristig führte dies paradoxerweise eher zu einer Destabilisierung der weltlichen und kirchlichen Institutionen, und die religiöse Einheit und Identität begann sich aufzulösen, beispielsweise im Hussitenkrieg im 15. Jahrhundert. Versuche, eine neue Stabilität zu schaffen, drehten sich um die Frage der Definition des/der wahren Gläubigen. Die Bemühungen um eine Reform der Kirche und die Rückkehr zu den apostolischen Prinzipien wurden somit als Frage der wahren christlichen Identität formuliert. Dies führte zu einem Wettstreit verschiedener Identifikationsstrategien, der die bisherigen Formen der Verhandlung zunehmend erschwerte. Die deutsche Reformation kann als einer der Meilensteine auf dem Weg zu einem immer rigideren Verständnis religiöser Identitäten angesehen werden, das, auf die Vergangenheit projiziert, unser Verständnis des Charakters des spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen Wandels religiöser Identitäten bis heute trübt. Die enge Zusammenarbeit innerhalb dieses COE bietet eine einzigartige Gelegenheit, diese sehr wichtigen Entwicklungen in einem breiteren Kontext zu betrachten. Ihre Genealogie ist nicht nur westeuropäisch. Die Reformation, hier verstanden als Verfestigung konkurrierender religiöser Identitäten, begann in Ostmitteleuropa, einer Region, in der die Ideen der griechischen und slawischen Orthodoxie auf einzigartige Weise auf die lateinische Theologie trafen. Im vergleichenden Rahmen dieses Knotenpunkts kann ein neues Verständnis dieses Prozesses erforscht werden.
Elite Multilingualism
Pavlína Rychterová
Das Work Package „Elite Multilingualism“ erforscht in den Jahren 2024–2025 die gesellschaftliche Rolle und Dynamik von Mehrsprachigkeit in antiken und mittelalterlichen Kontexten Eurasiens. Im Zentrum stehen theoretische und methodische Fragen zu sprachlicher Hierarchisierung sowie zu den Funktionen, die Sprachen in Verwaltung, Religion, Handel und Bildung erfüllten. Ziel ist es, Formen der Mehrsprachigkeit als Instrumente sozialer Abgrenzung, Statusmarker und Mittel der Machtausübung sichtbar zu machen.
Die Aktivitäten umfassen internationale Workshops, eine Konferenz, eine Sommerschule und ein gemeinsames BA-Seminar. Themen sind unter anderem die Sprachen von Verwaltungszentren, religiösen Räumen und urbanen Märkten. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Schnittstellen zwischen Schrift- und Mündlichkeit sowie den Räumen, in denen Mehrsprachigkeit Konflikt oder Chance bedeutete. Forschungsbeispiele reichen von Ägypten in römischer, byzantinischer und arabischer Zeit über Zentralasien im Mongolenreich bis zu den Kontaktzonen zwischen Byzanz und dem Heiligen Römischen Reich.
Die Veranstaltungen vereinen Historiker:innen, Philolog:innen, Archäolog:innen, Sozial- und Sprachwissenschaftler:innen aus Europa und darüber hinaus. Nachwuchsförderung bildet einen zentralen Schwerpunkt: Studierende sollen durch Sommerschulen und Seminare direkt an Forschung und Methodik herangeführt werden. So trägt das Work Package dazu bei, die interdisziplinäre Arbeit des Clusters zu vernetzen und neue Perspektiven auf die Verflechtung von Sprache, Raum und Macht in vormodernen Gesellschaften zu eröffnen.