Book Production and Practices of Annotation in the East Frankish Realm (ca. 830-900)

Senior Postdoc-Programm Elise-Richter (FWF) | Projekt V811-G

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts umfasste das Kaiserreich der Karolinger große Teile des heutigen Westeuropas. Bereits ab den 830er Jahren begann jedoch ein Prozess der politischen Zersplitterung, der zur Entstehung der sogenannten West-, Mittel- und Ostfränkischen Königreiche führte. Diese entwickelten sich zu unabhängigen Einheiten, obwohl sie bis 888 formell Teil des Imperiums blieben.

Das Projekt "Margins at the Centre" widmet sich dem Ostfränkischen Königreich und untersucht, ob die seit der 830er Jahren angestrebte politische Unabhängigkeit auch ein neues Selbstbewusstsein im kulturellen Bereich mit sich brachte, und insbesondere, ob ostfränkische Gelehrte einen Sonderweg einschlugen, der u.a. das Studium von Latein und der Bibel betraf. Dies waren die beiden Disziplinen, mit denen man sich im Mittelalter am eingehendsten beschäftigte. Da die Bibel, die in Westeuropa in lateinischer Sprache zirkulierte, der entscheidende Orientierungspunkt für die Gestaltung des moralischen, sozialen, politischen und spirituellen Lebens war, konzentrierte sich auf sie das wissenschaftliche Interesse der Zeit. Die Beherrschung von Latein war unerlässlich, um die Worte der Bibel und ihre Botschaft sowie die zahlreichen Erklärungen zu verstehen, die christliche Exegeten im Laufe der Jahrhunderte verfasst hatten. Während Latein in seinen mittelalterlichen Formen in vielen Regionen des Karolingerreiches noch gesprochen wurde, war es eine Fremdsprache im Ostfrankenreich. Hier musste man Latein durch das Studium der Grammatik von Grund auf erlernen.

Die Hauptfragen des Projekts sind daher: Hat man Latein im Ostfrankenreich aufgrund der unterschiedlichen Ausgangslage bewusst anders als im restlichen karolingischen Westeuropa gelehrt? Wurden die Inhalte der Bibel den Schülern und der Laienelite, die des Lateins mächtig war, anders vermittelt? Haben die Lehrer mögliche Schwierigkeiten ihres ostfränkischen Publikums berücksichtigt, wenn sie ihre Erklärungen zur lateinischen Grammatik und zur Bibel niederschrieben? Die Existenz eines ostfränkischen Sonderzugangs zu Latein und zu der Bibel wurde bislang durch die Untersuchung der unterrichtsbezogenen sowie literarischen Produktion auf Althochdeutsch behauptet. Die bei weitem zahlreicheren und umfangreicheren Auslegungen auf Latein wurden aber nicht herangezogen, um diese Behauptung zu überprüfen und eventuell zu untermauern.  

Das Projekt "Margins at the Centre" wird sich zum ersten Mal auf lateinische Erklärungen konzentrieren, die karolingische Gelehrte und Lehrer am Rand und zwischen den Zeilen einer Reihe von zeitgenössischen Handschriften hinzufügten. Konkret wird sich das Projekt beschäftigen mit:

a) den Glossen, die ostfränkische Gelehrte der Ars  Grammatica des spätantiken Grammatikers Priscian beigefügt haben, und

b) den kommentierten Ausgaben der Bibel, die im karolingischen Europa und besonders häufig im Ostfrankenreich produziert wurden. Bei Letzteren geht es um Handschriften, die auf jeder Seite sowohl den Text der Bibel als auch einen reichen Korpus von passenden Erklärungen überliefern (s. Abbildung). Kommentierte Ausgaben der Bibel aus der Karolingerzeit gelten als direktes, jedoch bisher nicht ausreichend untersuchtes Modell für die spätere Entwicklung der Glossa Ordinaria.

Die Untersuchung wird in den Klöstern St. Gallen und Wissembourg in der Zeit von Grimalds Abbatiat beginnen (ca. 833-872). Sie wird sich zunächst auf kommentierte Handschriften der Bibel und der Ars Grammatica des Priscian – einige davon in fragmentarischer Form – konzentrieren. In einem weiteren Schritt sollen ähnliche zeitgenössische Produkte innerhalb und außerhalb des Ostfrankenreichs verglichen werden.

Die vorläufige Liste der zu untersuchenden Handschriften ist folgende:

  • Augsburg, Archiv des Bistums, HS 6
  • Camaldoli, Arch., s.n. + Oslo, Schøyen Coll., 620
  • Dillingen, Studienbibliothek Fragm. 25 + Oslo, Schøyen Coll., 74
  • Firenze, Biblioteca Medicea Laurenziana, Ashb. 54
  • Frankfurt, Stadt- und Universitätsbibliothek, Barth. 32
  • Göttweig, Stiftsbibliothek, Cod. 30
  • Ivrea, Biblioteca Capitolare, LXXIX (28)
  • Laon, Bibliothèque Municipale, Ms. 14
  • München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 29315/3 + Regensburg, Bischöfliche Zentralbibliothek, Fragm. IV.2.1 + Praha, Národní galerie, Inv. Nr. K 7314
  • Orléans, Bibliothèque Municipale, Ms. 48
  • St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod.  27
  • St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod.  41
  • St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 50
  • St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 1395, p. 440-441
  • Troyes, Bibliothèque Municipale, Ms. 615
  • Vercelli, Biblioteca Capitolare, LXII (2)
  • Vercelli, Biblioteca Capitolare, CXLIX (136)
  • Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 1239
  • Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 26 Weiss.
  • Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 32 Weiss.
  • Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 33 Weiss.
  • Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 36 Weiss.
  • Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 47 Weiss.
  • Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 50 Weiss. (Priscians Ars Grammatica)
  • Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 59 Weiss.
  • Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 49 (Priscians Ars Grammatica)
  • Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 129
  • Zürich, Staatsarchiv, W3.19.XII              

Die Analyse all dieser Handschriften wird ermöglichen, die Inhalte und Quellen der zahlreichen lateinischen Marginalien festzulegen sowie die pädagogischen Prioritäten der jeweiligen Gelehrten und die Bedürfnisse ihres Zielpublikums zu rekonstruieren. Dadurch wird man überprüfen können, ob ostfränkische Lehrer einen Sonderweg in der Auslegung der lateinischen Grammatik und der Bibel wählten. Insbesondere werden die Glossen zu Priscians Ars zeigen, welche Schwerpunkte das Studium von Latein im Ostfrankenreich berücksichtigte und nach welchen Kriterien die jeweiligen Lehrer zwischen Latein und Althochdeutsch in ihren Anmerkungen wechselten. Außerdem wird die Untersuchung der kommentierten Ausgaben der Bibel einen ersten Überblick über die Verbreitung dieses Buchformats, das ab dem 11. Jahrhundert mit der sogenannten Glossa Ordinaria massive Anwendung erlebte, in der Karolingerzeit verschaffen.

Die Glossen zu Priscian, die in der Handschrift Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 50 Weiss. beinhaltet sind, werden in Kooperation mit dem Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage (ACDH-CH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften digital ediert und allmählich online zugänglich gemacht. Die Kooperation mit dem "St Gall Priscian Glosses"-Projekt (http://www.stgallpriscian.ie/),  mit dem Projekt "Corpus Grammaticorum Latinorum" (https://cgl.hypotheses.org) sowie mit einigen TeilnehmerInnen des "Network for the Studying of Glossing" (www.glossing.org) wird ermöglichen, deutliche Fortschritte in der Erforschung der Prisciansrezeption im frühmittelalterlichen Europa zu erzielen.

Das Projekt "Margins at the Centre" ist Teil des Anonymous Knowledge Network.

Eine Monographie wird die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes präsentieren.