Das Wiener Herodian-Palimpsest (2019-2031)

Das Forschungsvorhaben hat zum Ziel, das bedeutende Wiener Palimpsest (ÖNB) des verlorenen antiken Werkes De prosodia catholica des griechischen Grammatikers Herodian (2. Jh. n. Chr.) möglichst vollständig zu entziffern und systematisch zu erschließen. Das Endergebnis wird eine kritische Gesamtedition des antiken Textes mit Übersetzung und ausführlichem Kommentar sein. Ein internationales Team von fünf Philologen – Klaus Alpers † (Hamburg), Jana Grusková (Wien/Bratislava), Nigel Wilson (Oxford), Herbert Bannert (Wien) und Oliver Primavesi (München) – wurde von der ÖNB und den beteiligten Institutionen mit dieser Aufgabe betraut. Das Team wendet spezielle Methoden modernster, nicht-invasiver Digitalisierung an, um die sehr schlecht erhaltenen Reste der getilgten griechischen Minuskelschrift sichtbar zu machen.

In den letzten Jahren hat das Team bedeutende Fortschritte bei der Entzifferung und der Analyse dieses wichtigen, aber anspruchsvollen Palimpsests erzielt. Die digitale Wiedergewinnung und die enorm schwierige Entzifferung der stark beschädigten Handschrift erwiesen sich als besonders komplex und erfordern weiteren Einsatz modernster, sich rasant entwickelnder Digitalisierungstechniken, um neue Fortschritte zu erreichen und die verbleibenden Lücken, die sich zerstreut auf allen Palimpsestseiten befinden, zu schließen. Dabei bringt jedes neu entzifferte Wort bzw. jeder neue Wortzusammenhang neue Erkenntnisse und textliche Verhältnisse ans Licht, die eine erneute gründliche Untersuchung und Kontextualisierung des bereits entzifferten notwendig machen. Diese weiterführende Forschung wird in den kommenden Jahren durchgeführt werden.

(FWF-Projekt P 31939-G25: 01.02.2019 – 31.07.2025)

Dieses FWF-Projekt hat das Wiener Herodian-Palimpsest (ÖNB, Cod. hist. gr. 10) bis zu 85% wiedergewonnen, entziffert und erschlossen. Mehr als 800 Zeilen des wichtigen, heute verlorenen antiken Werkes De prosodia catholica aus einer byzantinischen Kopie des frühen 10. Jh., die jahrhundertelang unter einer späteren Schrift verborgen waren, wurden ans Licht gebracht, entziffert und gründlich untersucht. Verfasst wurde das Werk vom griechischen Grammatiker Herodian (2. Jh. n.Chr.), der es dem Römischen Kaiser Marcus Aurelius gewidmet hat. Der neue Text (12./13. Jh.) wurde in großen Buchstaben und mit kräftiger schwarzer Tinte über die getilgten Herodian-Zeilen geschrieben, die er somit weitgehend überdeckt hat. Das internationale Projektteam von fünf Philologen – Klaus Alpers (Hamburg), Jana Grusková (Wien/Bratislava), Nigel Wilson (Oxford), Herbert Bannert (Wien) und Oliver Primavesi (München) – hat die Wiener Herodian-Fragmente mit Hilfe spezieller Aufnahmen Buchstabe für Buchstabe entziffert und den Text eingehend erschlossen. Zur Sichtbarmachung der getilgten und überdeckten Schrift kamen modernste, nicht-invasive Methoden der multispektralen Digitalisierung und Röntgenfluoreszenzanalyse wie auch spezieller Bildverarbeitung zum Einsatz, in Kooperation mit führenden Experten aus dem technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Doch hat sich die digitale Wiedergewinnung der sehr schwer beschädigten und schwach erhaltenen Schrift als besonders anspruchsvoll und kompliziert erwiesen, so dass neue Einsätze der fortgeschrittensten Methoden auf dem Gebiet notwendig sind, um die verbleibenden Lücken, die im Palimpsest sehr zerstreut vorkommen, zu füllen. Darüber hinaus kommen mit jedem vollständig entzifferten neuen Wort bzw. jeder neuen Textstelle neue Erkenntnisse und neue Zusammenhänge ans Licht, die gründlich untersucht und kontextualisiert werden müssen. Diese fortgeschrittene Forschung wird in einem neuen Projekt fortgesetzt und vervollständigt werden.  

Das Wiener Herodian-Palimpsest wurde vor 65 Jahren von Herbert Hunger, einem renommierten österreichischen Gelehrten entdeckt. Mithilfe der in den 1960er Jahren verfügbaren technischen Mittel (Ultraviolettlicht) gelang es Hunger, etwa 15-20 Prozent des Textes wiederherzustellen. Die Untersuchungen wurden im 21. Jh. mit Hilfe der digitalen Aufnahmetechnik und moderner Methoden zur Wiedergewinnung getilgter Texte fortgesetzt und in von Otto Kresten und Jana Grusková geleiteten Projekten weitergeführt.

Projektteam

Projektpartner

  • Klaus Alpers † (Universität Hamburg)
  • Nigel Wilson (University of Oxford, Lincoln College)
  • Herbert Bannert (Universität Wien)
  • Oliver Primavesi (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Publikationen

  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian I: Prolegomena. Graecolatina et Orientalia 41–42 (2023), 233-287
  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian II: Hdn. Vind. fr. Ia (fol. 6r), Zeilen 1–13: De prosodia catholica, Buch 5, Nomina auf -ιος. Graecolatina et Orientalia 41–42 (2023), 289-342.
  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian III: Hdn. Vind. fr. Ia (fol. 6r), Zeilen 13–45 + fr. Ib (fol. 6v), Zeilen 1–35: De prosodia catholica 5, Nomina auf -οος. Graecolatina et Orientalia, 43-44 (im Druck).
  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian IV: Hdn. Vind. fr. Ib (fol. 6v), Zeilen 36–45 + fr. Ic (fol. 3r), Zeilen 1–16, De prosodia catholica, Buch 5, Nomina auf -υος, -υιος (forthcoming).
  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian V: Hdn. Vind. fr. Ic (fol. 3r), Zeilen 17–45 + fr. Id (fol. 3v), Zeilen 1–24, De prosodia catholica, Buch 5, Nomina auf -ωιος (forthcoming).
  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian VI: Hdn. Vind. fr. Id (fol. 3v), Zeilen 24–45, De prosodia catholica, Buch 5, Nomina auf -αιος (forthcoming).
  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian VII: Hdn. Vind. fr. IIIa (fol. 8r), Zeilen 1–45 + fr. IIIb (fol. 8v), Zeilen 1–9, De prosodia catholica, Buch 6, Nomina auf -αλος (Auswahl)(forthcoming). 
  • K. Alpers (†) – J. Grusková – N. Wilson – H. Bannert – O. Primavesi: Aus den Untersuchungen zum Wiener Palimpsest des Grammatikers Herodian VIII: Hdn. Vind. fr. VIcd (fol. 7rv) und fr. VIIab (fol. 25rv), De prosodia catholica, Buch 7, Nomina auf -νος. Mit einem Anhang zu den von Herbert Hunger veröffentlichen Zitatfragmenten (forthcoming).
  • J. Grusková, Further Steps in Revealing, Editing and Analysing Important Ancient Greek and Byzantine Texts Hidden in Palimpsests. Graecolatina et Orientalia 33–34 (2012) 69–82.
  • J. Grusková, Untersuchungen zu den griechischen Palimpsesten der Österreichischen Nationalbibliothek. Codices Historici, Codices Philosophici et Philologici, Codices Iuridici (Denkschriften der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 401). Wien 2010 (bes. 31-41).
  • O. Primavesi – K. Alpers, Empedokles im Wiener Herodian-Palimpsest. Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 156 (2006) 27-37.

 

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