(FWF Projekt T 1192-G Firnberg-Programm, 01.12.2020-30.11.2023)


Byzantinische Gebetbücher in griechischer Sprache (sg.: euchologion; pl.: euchologia) sind in Handschriften ab dem späten 8. Jahrhundert erhalten. Sie wurden von Priestern während der Liturgie oder bei einer sakramentalen Feier in der Kirche verwendet, aber auch um verschiedene „Gelegenheitsgebete“ zu sprechen. Es handelt sich dabei um Gebete für Anlässe des täglichen Lebens, die auch außerhalb der Kirchenmauern stattfanden, wie zum Beispiel das Segnen von Fischernetzen oder der erste Schultags eines Kindes. Euchologia im Privatbesitz von Priestern wurden oft von ihnen selbst kopiert, verwendet und studiert, manchmal stark kommentiert und auch von ihren Besitzern auf Reisen mitgeführt. Sie sind daher die ideale Quelle für ansonsten unbekannte Geschichten byzantinischer Priester und um mehr über ihre kulturelle und soziale Rolle in der Gesellschaft zu erfahren.

 

Die größte Sammlung griechischer Gebetbücher befindet sich in der Bibliothek des Katharinenklosters auf der Sinai-Halbinsel. Dieses Kloster wurde im 6. Jahrhundert gegründet und beherbergt die älteste christliche Klosterbibliothek mit einer ununterbrochenen Geschichte. Die 80 euchologia, die mit dieser Sammlung verbundenen sind, wurden zwischen dem 8. und 18. Jahrhundert kopiert und haben sehr unterschiedliche Herkunftsorte, darunter Süditalien, Ägypten, Syrien, Palästina, Kreta und Zypern. Die euchologia, die noch im Katharinenkloster aufbewahrt werden, und jene, die im 19. Jahrhundert entwendet wurden und heute Eigentum europäischer und amerikanischer Sammlungen sind (ganze Handschriften oder - häufiger - einige Folien), bilden das Forschungsmaterial für dieses Projekt.


Das Ziel dieses Projekts ist die systematische Analyse dieses umfangreichen Corpus, das bisher - außer in Einzelfällen - der Aufmerksamkeit der Wissenschaftler entgangen ist. Die euchologia werden nicht nur im Hinblick auf ihren liturgischen Inhalt untersucht, sondern auch auf ihre Materialität als physische Objekte. Die Untersuchung ihrer kodikologischen und paläographischen Merkmale in Verbindung mit der Analyse ihres Inhalts wird nicht nur neue Informationen über ihre Herkunft liefern, sondern auch vor allem über das soziale und kulturelle Leben ihrer häufigsten Produzenten und späteren Eigentümer, nämlich der byzantinischen Priester. Durch das Studium der in mehreren Sprachen verfassten Randnotizen wird es möglich sein, tiefere Einblicke zu gewinnen, wie und wann die Codices in die Sammlung des Klosters aufgenommen wurden und welche sprachlichen und liturgischen Traditionen zu welcher Zeit im Kloster in Beziehung traten. Das Studium der Sinai-Gebetbücher wird somit auch zu einem besseren Verständnis der Geschichte der gesamten griechischen Handschriftensammlung im Katharinenkloster beitragen.

Die Projektarbeit steht in engem Zusammenhang mit dem Euchologia-Projekt.

KooperationspartnerInnen


  • Dr. Daniel Galadza, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, “Beyond Canon” Centre for Advanced Studies, Universität Regensburg/Sheptytsky-Institut, Universität Toronto