Die Arbeitsgruppe untersucht die Bedeutung von Byzanz als kulturelles und sozioökonomisches Phänomen im Kontext des globalen Mittelalters – jenseits politischer, sprachlicher und religiöser Grenzen sowie der Grenzen zwischen den Wissenschaftsdisziplinen. Im Fokus stehen die Mobilität von Menschen, Texten und Ideen, aber auch von Objekten, Nutzpflanzen, Tieren und Krankheitserregern – und die Grenzgebiete zwischen Byzanz und benachbarten imperialen, kulturellen und religiösen Sphären, die dadurch als „zentrale Peripherien“ von Interaktion und Austausch sichtbar werden. Zu diesen Kontaktzonen gehören das Donaugebiet (und der Einfluss von Byzanz auf Österreich vom Mittelalter bis heute), das byzantinische und nachbyzantinische Anatolien und der christliche und muslimische Nahe Osten sowie die Krim und der Kaukasus als Schnittstellen zu Innerasien.

Darüber hinaus wird Byzanz nicht isoliert, sondern im Vergleich zu politischen Gebilden und Gemeinschaften in ganz Afro-Eurasien von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit (und darüber hinaus in seinem kulturellen Erbe) analysiert. Dieser Vergleich umfasst auch das Zusammenspiel zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, Landschaften und Klimazonen in den verschiedenen Ökozonen von der Donau bis zum Nil und vom Mittelmeerraum bis zum Kaukasus und Zentralasien.

Im Zentrum der Arbeitsgruppe „Byzanz und darüber hinaus“ steht ein Netzwerk miteinander verbundener Projekte und digitaler Textkorpora in verschiedenen Sprachen des mittelalterlichen westlichen Afro-Eurasiens, das eine Vielfalt an Text- und Dokumentengattungen abdeckt. Dazu gehören Urkunden und Historiographien in Arabisch, Armenisch, Georgisch, Griechisch, Latein und Persisch (András Barati, Ephrem Aboud Ishac, Johannes Preiser-Kapeller, Rustam Shukurov), medizinische und andere wissenschaftliche Literatur in Syrisch, die als Brücke zwischen der klassischen griechischen Tradition und der islamischen Welt untersucht wird (Gregory Kessel), syrische Handschriften und Palimpseste, insbesondere die melkitische Sammlung vom Sinai und ihre Verbindungen zu anderen christlichen Handschriftentraditionen (Gregory Kessel), liturgische Texte in Syrisch (Ephrem Aboud Ishac) sowie Kolophone (als wichtige Quellen für die Geschichte der Handschriften und der Gemeinschaften, in denen sie entstanden sind) in Armenisch (Lewis Read) und Syrisch mit Garshuni-Arabisch (Arabisch in syrischer Schrift, Ephrem Aboud Ishac).

Die Forschung an diesen Materialien integriert digitale Werkzeuge, die über die reine Datenerfassung hinausgehen, wie beispielsweise KI-gestützte Handschrifterkennung (HTR, insbesondere für syrische Schrift von Ephrem Aboud Ishac und armenische Majuskelschrift von Lewis Read) oder die Anpassung großer Sprachmodelle (LLMs) zur Untersuchung von Textkorpora, aber auch Netzwerkanalysen und Geographische Informationssysteme (GIS). Neue Methoden der Datenwissenschaften werden in Zusammenarbeit mit dem Complexity Science Hub (Wien) und dem Data Lab des Ludwig Boltzmann-Instituts für Netzwerkmedizin entwickelt. Darüber hinaus dient das gesammelte Material als Grundlage für die digitale Prosopographie (die systematische Erfassung von Individuen der Vergangenheit) innerhalb der PLAS-Datenbank und der PROSOPON-Initiative (in Zusammenarbeit mit Ekaterini Mitsiou, Universität Wien).

Die Erforschung der Umwelt- und Klimageschichte von Byzanz und des globalen Mittelalters bildet den Ausgangspunkt für interdisziplinäre und internationale Kooperationen mit Spezialisten aus Naturwissenschaften wie Paläoklimatologie, Vulkanologie, Epidemiologie und Paläogenetik. Einige dieser Aktivitäten werden im Rahmen der Climate Change and History Research Initiative der Princeton University koordiniert, für die die Arbeitsgruppe „Byzanz im Kontext“ als Wiener Standort dient.

Durch die Verknüpfung dieser verschiedenen Ebenen textlicher Überlieferungen, historischer Belege und naturwissenschaftlicher Daten mit einem stetig wachsenden methodischen Instrumentarium fungiert „Byzanz im Kontext“ als Labor zur Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Byzanz und seinem kulturellen, geopolitischen und natürlichen Umfeld sowie der langfristigen Auswirkungen dieser Dynamiken bis in die Gegenwart. Der Forschungszweig ist zudem eng mit Forschungsnetzwerken wie dem FWF-Exzellenzcluster „EurAsian Transformations“ verbunden und beteiligt sich an vielfältigen Initiativen der Öffentlichkeitsarbeit und Medienkooperationen.

Kontakt

Johannes Preiser-Kapeller

(Arbeitsgruppenleiter)

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